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Die saudische Politik ist naiv und brandgefährlich

Schlechte Nachrichten für den Nahen Osten: Saudi-Arabien vollzieht den totalen Bruch mit dem Iran. Das Land, das bis an die Zähne bewaffnet ist, betreibt eine Politik, die eine ganze Region immer mehr ins Chaos stürzt.

Ein Kommentar von Steffen Gassel

Der saudische König Salman bin Abdul Aziz Al Saud

Seine Politik ist Quelle von Instabilität und Chaos: der saudische König Salman bin Abdul Aziz Al Saud (m.)

Sollte das die Quittung sein für den Atom-Deal des Westens mit Saudi-Arabiens Erzfeind Iran, Tage bevor die ersten Sanktionen gegen Teheran fallen? Oder ging es dem greisen König Salman und seinem 30-jährigen Lieblingssohn und Verteidigungsminister Mohammed eher darum, die Welt und die eigenen Bürger darüber hinwegzutäuschen, dass auch nach Monaten rücksichtslosen Luftkriegs im Jemen ein Sieg im Kampf gegen die schiitischen Houthi-Rebellen weit entfernt ist? Wollte das Regime in Riad die absehbare Entrüstung über die Hinrichtung von Ayatollah Nimr Bakr al-Nimr dazu nutzen, davon abzulenken, dass viele der anderen am vergangenen Samstag Hingerichteten al-Qaida-Schwergewichte - und saudische Staatsbürger waren? Oder sollte sie vielmehr dazu dienen, die Nation hinter dem König zu scharen, kurz nachdem der globale Ölpreiseinbruch den gezwungen hatte, die heimischen Spritpreise um 40 Prozent heraufzusetzen - sehr zum Unmut der wachsenden Zahl verarmter Bürger?


Binnen nur eines Jahres nach der Machtübernahme von König Salman und seiner Clique ist Saudi-Arabien an vielen Fronten in schwieriges Fahrwasser geraten. Aus entsprechend vielen Gründen mag die Aussicht auf einen kleinen, publikumswirksamen Eklat mit Iran den Herrschern von Riad attraktiv erschienen sein. Ein offener Bruch mit Teheran indes war sicher nicht ihr Ziel. Dass genau der nun eingetreten ist, zeigt vor allem eines: Wie naiv, kurzsichtig und brandgefährlich die saudische Politik ist.

Hoffnung auf vernünftige Politik ist zerstört

Gerade hatte das Land zum ersten Mal seit Jahren seine Botschaft im iranisch dominierten Irak wiedereröffnet. Nach Monaten mühsamen Lavierens war eben erst ein neuer saudischer Botschafter für Iran benannt worden. Und im Ringen um eine diplomatische Lösung für Syrien hatten Russen und Amerikaner die rivalisierenden Regionalmächte zum ersten Mal in fast fünf Jahren in Wien an einen Tisch gebracht. Die vorsichtige Annäherung hatte ein klein wenig Hoffnung auf mehr vernünftige Politik und weniger sektiererische Gewalt im geschundenen Nahen Osten aufkeimen lassen. Doch kaum begonnen ist sie schon dahin. Weil Saudi-Arabiens König entschied, die Todesstrafe an einem aufrührerischen Ayatollah aus der Ost-Provinz seines Reiches dulde keine Aufschub mehr.


Wie um alle Zweifel auszuräumen, man bereue die Folgen der eigenen unbedachten Politik (die ausgerechnet den Hardlinern in Teheran genau in die Hände spielte), ließ der Hof in Riad ausrichten: Ob der Abbruch der Beziehungen zum Rivalen ihre Schutzmacht Amerika erzürne, sei den Saudis egal.

Keine guten Nachrichten für den implodierenden Nahen Osten: Saudi-Arabien, von den USA und Europa zum Stabilitätsanker hochgeredet und bis an die Zähne bewaffnet, mutiert von Tag zu Tag mehr zur Quelle von Instabilität und Chaos.

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