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22. März 2010, 09:31 Uhr

Barack Obamas Last-Minute-Meisterstück

In letzter Minute hat Barack Obama Führungsstärke gezeigt und seine umstrittene Gesundheitsreform durchgeboxt. Nun hat der US-Präsident den Rücken frei für die noch größeren Probleme. Von Katja Gloger

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Gut gemacht, Mr. President: Barack Obama (r.) und sein Vize Joe Biden nach der historischen Abstimmung© Shawn Thew/EPA/DPA

Im Nachhinein wird man sich mal wieder fragen, warum er solange gebraucht hat. Warum es solange dauerte, bis er den Kampf um das wichtigste Projekt seiner Präsidentschaft aufnahm. Soll doch die Gesundheitsreform einst mit seinem Namen verbunden werden. Bis Barack Obama das bewies, was man von einem Mann in seiner Position erwartet: Führungsstärke.

So war es schon während des Wahlkampfes. Immer wieder reagierte er bei Problemen erst in letzter Minute - als ob ihn die Niederungen politischer Taktik nicht interessierten. Als ob er erst eine drohende Niederlage brauche, um zu reagieren. Als ob er es darauf ankommen lassen wollte.

Nun hat er also doch noch die Kurve gekriegt. Irgendwann hatte er verstanden: Die Republikaner würden keine Kompromisse eingehen, sie würden die Angst der krisengeplagten Menschen weiter schüren, die Angst vor einem verschuldeten, übermächtigen Staat, vor angeblichen "Nationalisierungen" und vor dem vermeintlichen Totalverlust amerikanischer Ideale. Seine Popularitätswerte waren ohnehin in den Keller gerutscht, dann hatte er die demokratische Mehrheit im Senat verloren - zum Schluss konnte er es auch darauf ankommen lassen.

Es sollte die dritte große Sozialreform werden

In den beiden vergangenen Monaten hatte sich Barack Obama endlich mit Haut und Haaren dem wichtigsten Projekt seiner Präsidentschaft verschrieben. Reiste durchs Land, warb leidenschaftlich für seine große Reform, die dritte große Sozialreform der Vereinigten Staaten - nach der Einführung einer Rentenversicherung sowie von Medicaid und Medicare, den - übrigens staatlichen - Versicherungen für Einkommensschwache und Ältere. Musste gleich Dutzende zweifelnde Abgeordnete seiner eigenen Partei überzeugen. Den Linken ging der Reformkompromiss nicht weit genug - er enthält keine staatliche Pflichtversicherung. Den Abtreibungsgegnern wiederum ging die Reform zu weit.

In letzter Minute lieferte Obama dann ein politisches Meisterstück ab. Über jeden einzelnen der zuletzt noch 68 zaudernden Angeordneten wurde im Weißen Haus genau Buch geführt, sein Wahlverhalten analysiert. Gewerkschaften und andere Verbände sorgten dafür, dass schwankende Abgeordnete mit Telefonanrufen von Reformbefürwortern bombardiert wurden. Nancy Pelosi, die überaus durchsetzungsfreudige Sprecherin des Repräsentantenhauses, nahm jeden einzelnen Unentschlossenen höchstpersönlich in die Mangel, mit einigen soll sie sich regelrecht angebrüllt haben. Vor allem aber nordete sie den Präsidenten ein: Er müsse deutlich machen, dass er diese Reform wirklich wolle, forderte sie nach Informationen der "New York Times". Müsse für sein Projekt werben, glasklar und unmissverständlich. Dafür bekam der Präsident von der eisernen Nancy die Zusage, sie werde die Mehrheit im Repräsentantenhaus beschaffen. Noch in der vergangenen Woche traf sich Obama mit 64 Abgeordneten - Seelenmassage war angesagt, Kompromisse wurden ausgekungelt, Verfahrenstricks durchgespielt. Am Ende zählte nur die knappe Mehrheit.

Eine unvollkommene aber notwendige Reform

Nach diesem historischen Sonntag also soll es geschehen: Eine Reform geht auf den Weg, unvollkommen und doch so notwendig, moralisch wie ökonomisch. Amerika kann es sich schlicht nicht mehr leisten, weiterhin Reformen zu blockieren. Mit der fortan geltenden gesetzlichen Verpflichtung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber rückt nun eine Krankenversicherung für 32 Millionen nicht versicherter Amerikaner in greifbare Nähe. Kinder sollen von nun bis zum Alter von 26 Jahren bei ihren Eltern mitversichert sein können. Und Kunden mit Vorerkrankungen dürfen fortan nicht mehr abgewiesen oder aus Krankenversicherungen ausgeschlossen werden. Denn das betrieben Versicherer jahrelang ebenso perfide wie grausam.

Vor allem aber: Die explodierenden Kosten im ohnehin teuersten - doch nicht im besten - Gesundheitssystem der Welt sollen durch die Reform endlich begrenzt werden. Neue Abrechnungsverfahren gehören dazu, eine Oberaufsicht des Bundes über das Versicherungswesen gar. Und die schlichte ökonomische Erkenntnis: Um Krankenversicherungen finanzierbar zu halten, müssen eben auch die Jungen, die bislang Gesunden, Beiträge in den allgemeinen Pool einzahlen.

Die Kosten der Reform? Gigantisch. Nach den Berechnungen des überparteilichen Congressional Budget Office wird diese Reform in den kommenden zehn Jahren mindestens 940 Milliarden Dollar kosten. Zugleich aber soll nach den Berechnungen durch die Reform soviel eingespart werden, dass am Ende gar ein Überschuss von rund 140 Milliarden Dollar für den US-Haushalt stehen soll. Schon behaupten Demokraten, die Reform sei in Wahrheit eine gigantische "Sparmaßnahme".

Er hat die Kritiker und Nörgler Lügen gestraft

An diesem Sonntag hat Barack Obama seine Präsidentschaft gerettet. Die Kritiker Lügen gestraft, die Nörgler, die in ihm nur einen netten Festredner sahen. Jetzt kann er angreifen, die politische Tagesordnung der kommenden Monate festlegen. Kontrolle über die Finanzmärkte, die gierigen Banken. Ein Einwanderungsgesetz. Und vor allem der Kampf um Arbeitsplätze: Dies sollen nun die Themen des anstehenden Wahlkampfes werden. Diesen Wahlkampf kann Obama jetzt offensiv führen.

Wichtiger aber noch ist vielleicht der psychologische Sieg. Denn wenn jetzt die Reform auf den Weg geht, werden die Menschen da draußen im Land bald erfahren: Die von den Republikanern so beschworene Reform-Apokalypse findet erst einmal nicht statt. Gut möglich, dass sie einfach ausbleibt.

Von Katja Gloger
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
dreicon (23.03.2010, 17:23 Uhr)
@Julian2225 (22.03.2010, 18:20 Uhr)
wenn die Pharmalobby in USA triumphieren würde, wären doch die republikanischen Volksverhetzer die ersten, die das Gesetz unterstützt hätten. Wer die unwürdige Kampagne, die Manipulation dümmster Spezies durch Rep und ihrer geistigen Schlägertrupps, genannt Evangelikale, verfolgte, und bei Ihnen liest, Obama würde lügen, weiß, welch Geistes Kind Sie sind. Einfach erbärmlich!
Julian2225 (22.03.2010, 18:20 Uhr)
Tja,
wie der Spiegel bereits schreit und was hier noch verschwiegen wird: die Gewinner sind die Pharmakonzerne, deren Lobbies wieder einmal ganze Arbeit geleistet haben.
Von dem "Kleingedruckten" fuer die unversicherten Buerger der USA ganz zu schweigen!

Im November wird Obama die Rechnung dafuer bekommen, ich werde den Herren jedenfalls nicht mehr unterstuetzen, da waren die Luegen von Bush ja noch "interessanter"!
Was ich schade finde ist das Obama in D noch immer gute Presse bekommt, obwohl er bisher KEINES seiner Worte gehalten hat!! Er ist nur ein anderer Luegner, ein anderer Name und eine andere Hautfarbe, sonst hat sich hier nichts, aber auch rein gar nichts zum positiven geaendert! PERIOD!
Johann58 (22.03.2010, 16:55 Uhr)
@Zerberus
wer hat denn gesagt, dass fuer die Gesundheitsreform 2 Billionen Dollar aus dem Hut gezaubert werden muessen? Wissen Sie wie viel das Gesundheitsystem die USA heute kostet?

Sie schreiben natuerlich ganz ricvhtig nicht jeder will sich eine Krankenversicherung leisten aber Sie vergessen darueber, dass jeder behandelt werden will wenn er krank ist.
nightmare_online (22.03.2010, 16:28 Uhr)
Von dieser Seite des Atlantiks ...
... erscheint mir die ganze Diskussion geradezu grotesk. Da wird beim Versuch, ein Gesundheitssystem einzuführen, das es in ALLEN westlichen Industrieländern dieser Welt in ähnlicher Form gibt, von den Gegnern von Sozialismus bzw. Kommunismus gefaselt. und auf einem Niveau argumentiert, das man hier nicht mal Kindergartenkindern verkaufen könnte, Und - die Bürger fressen das!
Aber da die Republikaner inzwischen offensichtlich soweit sind, das systematisch gelogen wurde, um diese Reform zu verhindern, dann sollte man sich nicht wundern, wenn demnächst die "Lügnerin des Jahres 2009" Sarah Palin, Präsidentschaftskandidatin wird.
Und dann - Gute Nacht USA.
Zerberus (22.03.2010, 16:11 Uhr)
?
2 Billion US-Dollar will man so einfach aus dem Hut zaubern ... wohlgemerkt in einer Wirtschaftskrise, in der Verlust von Kaufkraft tödlich wirkt ...
Man kann ja von der Reform halten was man will, aber sie kommt zum falschen Zeitpunkt und wird die USA finanziell ruinieren, die Auswirkungen wird man aber erst nach Obama sehen, der wohl keine 2. Amtszeit bekommen wird.

Und vielleicht stoppen die Gerichte auch noch dieses Gesetz, greift ja schließlich in die Freiheitsrechte ein ... denn längst nicht alle wollen sich die Krankenversicherung leisten, wenn sie dafür ihren Hauskredit nicht mehr abzahlen können etc. ...
Johann58 (22.03.2010, 14:44 Uhr)
@maximilianmoritz
Tricks, Lugen und Stimmenkauf! Was soll denn der Quatsch! Wenn es ein Trick gewesen waere, dann haetten die Republikaner schon gewusst wie sie die Abstimmung zum scheitern gebracht haetten. Luegen, welche? Ausser dass die Republikaner bis zum Schluss versucht haben mit Abtreibungspropaganda und ohne jegliche fundierte Zahlen erzaehlt haben, dass die Premiums steigen werden und Steuererhoehuingen kommen. Stimmenkauf? Abtreibungen werden in Zukunft nicht mehr aus Steuermitteln bezahlt es sei denn bei Vergeweltigung, Inzest oder Lebensgefahr fuer die Mutter. Dies soll jetzt nach Abschluss der Abstimmung in die Gesundheitsreform uebernommen werden.
johnniedeamonic (22.03.2010, 14:42 Uhr)
@twipsy
oh ja wikipedia, stimmen wir darüber ab wie es wirklich "sein soll" anstatt die Quellen zu überprüfen....
Mehrheit=Wahrheit das ist Wikipedia.....
maximilianmoritz (22.03.2010, 14:21 Uhr)
Es ist schon seltsam, wie schlecht
manche Kommentatoren scheinbar informiert sind. Der Widerstand, der nur mit allerlei Tricks, Luegen und mit Stimmenkauf ueberwunden wurde, ist der in der eigenen Partei. Und natuerlich ist es der Widerstand einer klaren Mehrheit der Waehler! Aber Letztere wissen ja eh nicht was gut fuer sie ist nach Meinung der "Eliten".

Die Demokraten haben absolute Mehrheiten im Senat und Repraesentantenhaus. Niemand wuerde der Kanzlerin Fuehrungsstaerke zuschreiben, wenn sie bei einer absoluten Mehrheit der CDU im Bundestag und Bundesrat zu solchen Mitteln greifen muesste, um eine Reform zu beschliessen.
dippegucker (22.03.2010, 14:14 Uhr)
Mir geht gleich der Lachsack...
...an, wenn ich hier lese wie Obama wieder mal schön geredet wird.

Das Projekt ist völlig zerdrückt und zerknautscht, und außer immensen Kosten ist nichts gewiß.

Die Amerikaner werden noch feststellen, daß die Büchse der Pandora eine Wohltat gegenüber diesem Projekt gewesen wäre.

Bismarck würde sich totlachen, wäre er es nicht schon.
Twipsy (22.03.2010, 14:05 Uhr)
Man glaubts nicht
Liebe Frau Gloger,
Obama hat nicht die "Mehrheit im Senat verloren", sondern die Filibuster-sichere Mehrheit von 60 Stimmen. Aber mehr sag ich nicht dazu, als Journalistin sollten Sie ja Wikipedia bedienen können, oder mal den Bildblog lesen.
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