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14. Februar 2010, 08:52 Uhr

Westerwelles ceterum censeo

Das Niveau steigt wieder. Guido Westerwelle kramte diese Woche in seiner humanistischen Bildung und entdeckte "spätrömische Dekadenz." Zeit für den Abwasch. Von Axel Vornbäumen

 
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Auf der Suche nach dem richtigen Ton: Außenminister Guido Westerwelle, FDP© Thomas Kienzle/AP

Ach, sagte der beleibte Nero, "ist mir heute wieder langweilig." Senkte lässig den Daumen und, zack, da war es wieder um einen der Gladiatoren geschehen, die sich im weiten Rund des Kolosseums zwar rechtschaffen, aber letztlich dann doch vergebens Mühe gegeben hatten, den Imperator zu belustigen.

Wir lernen: Die Zeiten "spätrömischer Dekadenz" waren nicht für jedermann einfach, gerecht waren sie nicht und Leistung lohnte sich nicht immer, jedenfalls nicht per se - und wer nicht mehr mitkam mit den Anfordernissen des Alltags, auf den wartete nicht etwa ein übelriechender Hartz-IV-Sachbearbeiter, sondern - horribile dictu - der noch übler riechende Löwenschlund. Andererseits, wenigstens der Abwasch der Woche, wenn es ihn denn überhaupt gab, wurde klaglos von Sklaven erledigt. Nein, nein, nicht alles war schlecht damals.

*

Dass die alten Zeiten überhaupt noch mal vor unserem geistigen Auge auftauchen - natürlich verdanken wir das unserem humanistisch gebildeten Außenminister. Guido Westerwelle hat tief aus seinem Methaphernfüllhorn die "spätrömische Dekadenz" geschöpft und damit die innenpolitische Debatte belebt. Den Rest - "geistiger Sozialismus", "Vollversorgerstaat" - kannte man ja irgendwie schon. Konsequent zu Ende gedacht steht sein Lamento also sinnbildlich für das baldige Ende dieser von ihm so geliebten Nation, die irgendwie an der eigenen Lethargie ersticken werde, weil sie offenkundig nicht bereit ist, den Leistungsverweigerern ordentlich auf die Sprünge zu helfen. Westerwelle jedenfalls sieht das so - und weil mittlerweile immer weniger Leute bereit sind, das auch so zu sehen, sagt er es noch lauter und drastischer. Das ist das Problem. Für Westerwelle. Für Merkel. Für die Politik. Für den Abwascher der Woche.

Man kommt nicht ganz vorbei am mobilen Guido, und dass sich nach den 100-Tage-Feierlichkeiten der schwarz-gelben Koalition nun sehr schön schon wieder der nächste Zwist der Christlich-Liberalen ausbreitet, erinnert eher an einen anderen Ort der Antike - nämlich Marathon. Im Kanzleramt ist die Chefin das ewige Gerenne in die falsche Richtung schon leid. Das sei nicht "ihr Duktus", ließ sie verkünden. Feingeister können daran erkennen, dass die Giftpfeile in denen die Koalitionäre mittlerweile in Berlin aufeinander schießen wenigstens in eleganter rhetorischer Form fliegen. Besser macht es das allerdings nicht, im Übrigen auch nicht für Guido, der sich allenfalls damit trösten kann, gute Chancen auf den Thilo-Sarrazin-Gedächtnispreis zu haben.

Reicht das als vernünftiges Lebensziel? Wahrscheinlich nicht. Möglich indes, dass Westerwelle als ausgewiesene rheinische Frohnatur schlicht darauf abgezielt hat, doch noch einigermaßen originell auf einen der Motivwagen des Kölner Karnevals zu kommen. Vorschlag vom Abwascher der Woche: Westerwelle mit Lorbeerkranz und Tunika, Trauben essend auf dem Diwan liegend: "Ceterum censeo, dass der Sozialstaat geschreddert werden muss..." Alsdann: Alaaf!

Von Axel Vornbäumen
 
 
KOMMENTARE (10 von 86)
 
Administrator (15.02.2010, 17:26 Uhr)
Liebe User,

vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
nightmare_online (15.02.2010, 12:28 Uhr)
@Oilenspiegel
Schon komisch, das 20 Staaten hier in Europa, sowie die USA (die ja bekanntlich nicht wirklich sozialistisch sind) sehr wohl die untere Grenze von Löhnen über einen Mindestlohn definieren.
Das ganze Geschurbel über Mindestlöhne, die angeblich Arbeitsplätze vernichten ist angesichts dieser Fakten schlicht lächerlich.
Truelo (15.02.2010, 09:35 Uhr)
Ups, ganz vergessen...
...gelernte Frisösen, Bauarbeiter, Landschaftsgärtner arbeiten für für weniger als 3 Euro, warum ist deren Arbeit es nicht wert, dass sie davon Leben können?
Truelo (15.02.2010, 09:30 Uhr)
Oilenspiegel (14.02.2010, 17:02 Uhr)
Aus rp-online:
?Fast die Hälfte der Bundesausgaben entfällt auf den Etat Arbeit und Soziales, der gut 153 Milliarden Euro umfasst. Dickster Brocken ist darin der Steuerzuschuss zur gesetzlichen Rentenkasse von rund 80,7 Milliarden Euro. ?

Aus dem Bundeshaushalt 2010:
?...Mit rd. 80,7 Mrd. ? machen die Leistungen des Bundes an die Rentenversicherung wie bereits in den vergangenen Jahren den größten Ausgabenblock im Bundeshaushalt aus. Lag der Anteil an den Bundesausgaben im Jahr 1984 noch bei rd. 13,0 %, so beträgt er im Regierungsentwurf 2010 rd. 24,6 %. Nominal haben sich die Ausgaben des Bundes für die Rentenversicherung innerhalb eines Viertel Jahrhunderts fast verfünffacht. Die Ausgaben der Rentenversicherung haben sich seither fast verdreifacht. ...?

?Insgesamt sind im Haushalt 2010 für die Grundsicherung für Arbeitssuchende 41,1 Mrd. ? vorgesehen, davon 26,2 Mrd. ? für das Arbeitslosengeld II. Dieser Aufwuchs gegenüber dem vorjährigen Finanzplan ist im Wesentlichen eine Folge des infolge der schlechten Konjunktur erwarteten Anstiegs der Zahl der Bedarfsgemeinschaften. Zudem führen neben der turnusmäßigen Erhöhung der monatlichen Regelleistung zum 1. Juli 2009 von 351 ? auf 359 ? auch Verbesserungen bei den Leistungen für schulpflichtige Kinder (Erhöhung der Kinderregelleistung für 6- bis 13-Jährige von 60 % auf 70 % der Regelleistung sowie das jährlich einmalig anfallende Schulbedarfspaket in Höhe von 100 ? für alle schulpflichtigen Kinder) zu Mehrausgaben. Der Mehrbedarf beim Ansatz für die Beteiligung des Bundes an den Kosten der Unterkunft liegt ebenfalls insbesondere in der höheren Zahl von Bedarfsgemeinschaften infolge der konjunkturellen Entwicklung begründet. ?

Die zentralen Aufgaben des Ministeriums für Arbeit und Soziales sind:
Die Rahmenbedingungen für mehr Beschäftigung zu schaffen, für soziale Integration zu sorgen und die sozialen Sicherungssysteme funktionsfähig zu halten.
Wenn Sie also in einer Diskusion um die ?Hartz-IV-Höhe? unreflektiert schreiben ?45% des deutschen Haushalts sind Sozialkosten.?, begeben Sie sich in die gleiche propagandistische Ecke wie Herr Westerwelle. Aber ich vermute, diese Ecke ist Ihnen gar nicht so fern...

Und es gibt die ?Jobs? die jeder ausführen kann, auch dafür werden Menschen gesucht, die Unternehmer wollen nur nichts dafür zahlen. Weil diese Arbeit ja von jedem (nach kurzer Einarbeitung/Anweisung) gemacht werden kann, wird sie als wertlos klassifiziert. Von dem, der sie bezahlen soll.
Nur der, der sie ausführen soll, muss irgendwie leben, am besten ohne auf weitere, fremde Hilfe angewiesen zu sein.
Schaffen wir Hartz-IV-Aufstockung ab, wieviele dieser Stellen lassen sich noch besetzen, wenn die Menschen diese wegen zu geringfügiger Bezahlung ablehnen dürfen?
Polnische Erntehelfer gehen mitlerweile in die europäischen Länder mit Mindestlohn, weil sie da mehr verdienen als in Deutschland
Und ungelernt kann man noch nicht mal Schnee schippen, das muss man auch erst mal gezeigt/beigebracht bekommen...
jetrabbit (14.02.2010, 21:20 Uhr)
westerwelle
fordert zwei erdnüsse für arbeitende und eine erdnuss für harz4ler. ganz toll guido, aber davon werden wir affen auch nicht satt. bring lieber die banken unter staatsaufsicht, damit sie nicht wieder in versuchung kommen ganze nationen in die knie zu zwingen.
REINI2 (14.02.2010, 17:18 Uhr)
Ein Esel wäre besser.....
In der spätrömischen Dekadenz ?. da wurde mancher Unsinn veranstaltet!
Osterwelle würde da gut rein passen!
Ich hätte da noch ein Zitat von Heiner Geißler:
"Die spätrömische Dekadenz bestand darin, dass die Reichen nach ihren Freßgelagen sich in Eselsmilch gebadet haben und der Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul gemacht hat. Insofern stimmt Westerwelles Vergleich: Vor 100 Tagen ist ein Esel Bundesaußenminister geworden", sagte er der "Welt".

Kann man so stehen lassen! Merkt euch mal die Journalisten, die diesem... herrn..westerwelle.... Recht geben. Die kommen aus dem gleichen Lager.....

Oilenspiegel (14.02.2010, 17:02 Uhr)
>Truelo (14.02.2010, 16:00 Uhr)

Es ist ja nicht so, dass Politikerbezüge die Kosten verursachen, die uns fehlen. 45% des deutschen Haushalts sind Sozialkosten. Abgeschaffte Banker-Boni bewirken da ebensowenig wie erhöhte Unternehmenssteuern.

Ich würde die Unternehmen prinzipiell weniger besteuern, damit sie uns erhalten bleiben! Ob man das schön findet oder traurig, nur eine Weltrevolution würde das ändern. Davon würde ich eher abraten, statt dessen: immer schön realistisch bleiben und tun, was man tun kann.

Wenn wir keine billigere Post wollen, hilft nur Hartz IV für die in der Insolvenz Gekündigten, die keinen anderen Job mehr bekommen. Aber, ob man denen nun einen Euro zahlt oder sagt: Ihr bekommt Hartz IV, weil die anderen für euch arbeiten, seid stolz, etwas zurückzugeben, ich finde, das bleibt sich gleich.

Ich lese dieses lange Mindestlohntraktat jetzt nicht, ich denke nur: Diese Jobs wird es nicht geben. In der gegenwärtigen Lage ist in Deutschland mit ungelernter Arbeit kein Gewinn zu machen.
Truelo (14.02.2010, 16:48 Uhr)
*räusper*
und wenn ich schreibe "ich könne jedem alles", dann meinte ich natürlich
"Ich gönne jedem alles", und das im Positivsten.
Truelo (14.02.2010, 16:47 Uhr)
Nicht falsch verstehen...
...ich könne jeden alles - wenn es geht.
Leider sind die Kassen leer, deswegen sollte man diese Fragen auch in den Raum stellen, wenn schon an den Ärmsten gespart werden soll.
Corazito3333 (14.02.2010, 16:29 Uhr)
Johann58 (14.02.2010, 15:55 Uhr) Thomas de Maiziere schreibt
also das Arbeitsamt hat vor 15 Jahren schon erzählt, Umschulung rentiert sich nicht, habe das erlebt und was denken Sie, was die heute einem 40jährigen erzählen, der dann noch 27 Jahre arbeiten soll - wollen Sie mit ihm tauschen???? Oder sollte vielleicht mal Frau Westerwelle und consorten die Erfahrung machen!
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