Die Union feiert demnächst Helmut Kohl - und Wolfgang Schäubles 70. stern.de-Autor Hans Peter Schütz beschreibt in seinem Buch "Zwei Leben" den Crash der beiden Männer. Ein Auszug.

Zerstörtes Vertrauen - Kanzler, Kronprinz, Nachfolgerin: Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble im Hintergrund Angela Merkel (September 1998)© Michael Urban/Reuters
Die beiden Männer, die sich 16 Jahre als politische Partner und einige Jahre als Freunde fürs Leben betrachtet hatten, treffen sich zu ihrem letzten Gespräch am Dienstag, 18. Januar 2000, 8.30 Uhr im Büro von Helmut Kohl. Da beide später ihre Begegnung ausführlich beschreiben, gehört sie zu jenen seltenen persönlichen Konfrontationen, deren dramatischer Ablauf detailliert bekannt ist, obwohl es weder Augen- oder gar Ohrenzeugen gibt.
Schäuble bricht niedergeschlagen zu der Verabredung mit Kohl auf. Als er sich am Dienstagmorgen im Hotel von seiner Frau verabschiedet, sagt er zu ihr, er wolle Kohl dafür gewinnen, mit einem öffentlich nachvollziehbaren Schritt der Partei einen Weg aus der Krise zu eröffnen. Gelinge dies nicht, werde er zurücktreten. Was mit dem "Schritt" gemeint ist, ist klar: Kohl müsse die Namen der Spender unverzüglich nennen.
Kohl empfängt ihn, wie es Schäuble empfindet, "eher frohgemut". Auf Schäubles Aufforderung, endlich die Spender zu nennen und sein Wissen wahrheitsgemäß und vollständig zu offenbaren, reagiert Kohl mit der grinsend vorgetragenen Frage: "Trittst du zurück?" Dann setzt er nach: "Was meinst du mit deiner Aufforderung zur wahrheitsgemäßen Aussage?" Danach wird das Gespräch, wie Kohl berichtet, "außerordentlich heftig". Zu seiner Überraschung versteigt sich Schäuble zu der These, in Wahrheit habe Kohl gar keine Spender und könne sie daher auch nicht nennen. Als Kohl zurückfragt, woher dann das Geld komme, wiederholt Schäuble den Satz, er glaube nicht, dass irgendjemand Kohl Spenden persönlich überreicht habe.
Kohl antwortet von oben herab, Schäuble habe doch persönlich auch eine Spende von 100.000 Mark von einem Mann bekommen, den er zuvor nicht persönlich gekannt habe. Wieso solle es ihm nicht möglich sein, Spenden von Freunden zu erhalten. Die ganze Affäre sei doch keineswegs so schlimm, plaudert er weiter. Für sein Schweigen habe ein Großteil der Bevölkerung Verständnis. Diese Sätze, ohne jedes Schuldbewusstsein ausgesprochen, treiben Schäuble zur Weißglut. Wenn Kohl schon nicht die Namen der Spender nennen wolle, dann möge er doch wenigstens sein Mandat niederlegen. Die CDU befinde sich "in einer ihre Existenz bedrohenden Krise". "In höchster Erregung", so behauptet Kohl, habe Schäuble ihn dann noch ein letztes Mal aufgefordert, endlich die Namen der Spender zu nennen. Als Kohl sein Nein wiederholt, sagt Schäuble: "Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Rücktritt zu erklären."
Kohl mahnt: "Das wirst du nicht tun!"
Daraufhin greift Schäuble in die Räder seines Rollstuhls, dreht ihn mit einem rüden Ruck herum und verlässt Kohls Büro mit dem Satz: "Ich habe in meinem Leben schon zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht. Es wird keine Minute mehr geben." Und ruft von der Tür dem Altkanzler zu: "Dieses Büro werde ich in meinem Leben nicht wieder betreten." Eine Männerfreundschaft, die unzerbrechlich schien, ist zu Ende.
Im Nachhinein bewertet Kohl diese halbe Stunde als eine "der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens". Schäuble sieht es nüchterner. Der Mann, der vor ihm saß, wirkte auf ihn wie ein selbstgerechter Pate, dem geltendes Gesetz schnurz, die Not des Nachfolgers piepe und die Zukunft der CDU egal war. Bei der Rückkehr in sein Büro sagt Schäuble zu seinem Freund Hans-Peter Repnik nur lakonisch: "Alea iacta est."
Nach dem Gespräch mit Repnik lässt sich Schäuble zu den Sitzungen der CDU-Führungsgremien bringen, wo er auf eine niedergeschlagene Generalsekretärin Angela Merkel trifft. Im Präsidium berichtet er über sein Gespräch mit Kohl und seinen Entschluss zum Rücktritt. Die Kollegen widersprechen und sagen, dann müsse das ganze Präsidium zurücktreten. Daraufhin bittet Schäuble, ihn für ein paar Minuten zu entschuldigen.
Als er zurückkehrt, trägt ihm das Präsidium eine Entschließung vor, wonach Kohl noch einmal gebeten wird, die Spendernamen zu nennen und zugleich aufgefordert wird, den CDU-Ehrenvorsitz ruhen zu lassen, solange er die gewünschte Aufklärung nicht leiste. Nach der Verabschiedung dieser Entschließung erklärt sich Schäuble bereit, weiter als CDU-Chef zu amtieren.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Kohl Schäuble mit einer "optischen Lüge" überrumpelte - und wie der Pfälzer die Kanzlerkandidatur 1998 an sich riss
Hans Peter Schütz, 72 ... Kolumnist und Kommentator von stern.de legt in diesen Tagen sein Buch "Wolfgang Schäuble. Zwei Leben" (Droemer-Verlag) vor. Der hier abgedruckte Text ist eine gekürzte Fassung des Kapitels "Spendernamen: Das Ende einer Freundschaft". Schütz war Chefredakteur der Südwestpresse und Politikchef des stern. Mit Schäuble verbindet ihn eine lange Geschichte: Er stand während des Attentats auf den heutigen Finanzminister direkt bei ihm.