Miesmund und die Schattenboxer

10. Dezember 2012, 16:00 Uhr

In der Gebärdensprache der Gehörlosen geht es darum, Dinge und Menschen treffend auf den Punkt zu bringen - die Bezeichnungen für Spitzenpolitiker sind deshalb oft wenig schmeichelhaft. Von Hans Peter Schütz

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Sehen Sie selbst: Kanzlerin Angela Merkel (CDU)©

Wie heißt in der Gebärdensprache das Kürzel für die Kanzlerin?

Auf dem CDU-Parteitag in Hannover übersetzten Gebärdensprachdolmetscher die Reden von Angela Merkel. Gehörlose sind schließlich auch wahlberechtigt, 80.000 sind nach dem Schwerbehindertengesetz anerkannt. Die Antwort auf die Frage, wie "Angie" in der Gehörlosensprache heißt, dürften indes nur wenigen Hörenden bekannt sein: Merkel wird mit "Miesmund" übersetzt. Guido Westerwelle gilt in der Gehörlosensprache als "Aknehaut", Gerhard Schröder wird mit drei Handbewegungen als der "Schwanker" beschrieben, als einer, der in der Mitte stehen will, aber mal nach rechts neigt, mal nach links.

Das alles ist nicht böse oder gar politisch gemeint, die Dinge und Personen müssen in der Gebärdensprache sehr schnell auf den Punkt gebracht werden, deshalb sind ins Auge stechende Merkmale oft namensgebend. Und das sind bei Merkel nun mal die häufig hängenden Mundwinkel, Joschka Fischer heißt übrigens der "Dickdünne". Wir sind jetzt sehr gespannt, in welche Schablone Peer Steinbrück gesteckt wird. Vielleicht als "Roter Miesmund"? Oder gar als "Pinot grigio"?

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Angela Merkel hat den CDU-Bundesparteitag in Hannover mit Glanz überstanden. 97,94 Prozent Zustimmung. Für die "Frankfurter Allgemeine", hinter der laut Eigenwerbung bekanntlich "ein kluger Kopf steckt" kommentierte Leitartikler Berthold Kohler eines ihrer Erfolgsgeheimnisse: "Sie hat, nach allem, was man weiß, keinen Kredit bei einer reichen Freundin aufgenommen, um ihre Datsche in der Uckermark zu finanzieren. Sie verpfändete dafür auch nicht die Bibel ihres Vaters. Ihre Doktorarbeit schrieb sie nicht von dieser Zeitung ab. Sie hatte nichts mit einem jüngeren Mann, geschweige denn mit einer jüngeren Frau. Noch nicht einmal der Versuchung, hochdotierte Vorträge vor den Stadtwerken klammer Kommunen zu halten, ist sie erlegen." Wir kommentieren den Kommentar: Kürzer lässt sich das politische Elend außerhalb des Kanzleramts nicht beschreiben.

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Die Hessen-CDU versucht es mal wieder mit Rambazamba: Sie wirbt für sich selbst mit einer attraktiven Maid, die Boxhandschuhe trägt und auf einem Blümchen kaut. "Komm aus Deiner linken Ecke" fordert sie den Betrachter auf. Ältere Bundesbürger könnten sich an ihre politische Jugend erinnert fühlen. Denn schon 1976 forderte ein gewisser Helmut Kohl mit demselben Motiv zum Schlagabtausch auf. Damals ging die Maid noch mit grünen Boxhandschuhen in den Nahkampf, 2012 sind sie blau, man hätte das Plakat sonst als schwarz-grünes Anbändeln missverstehen können. Die CDU/CSU holte damals mit 48,6 Prozent das beste Ergebnis, das Kohl je erzielte. Es reichte für SPD und FDP dennoch zur Fortsetzung ihrer sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt. Die SPD amüsiert sich daher über die Boxerin. Die CDU mache Reklame für sich mit dem "verstaubten Frauenbild" der siebziger Jahre und übe wie so oft das "Schattenboxen".

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