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30. Dezember 2008, 11:46 Uhr

Wo Hessisch-Sibirien blüht

Nordhessen wird in den nächsten 15 Jahren zehntausende Einwohner verlieren. Doch ausgerechnet dort, wo die Verkehrsanbindungen am schlechtesten und die Wälder am dichtesten sind, gibt es eine Stadt, die womöglich noch wachsen wird. Warum? Von Sebastian Christ

Zoom

Frankenberg blüht: Trotz schlechter Bevölkerungsprognosen für die Region Nordhessen wird die Kleinstadt an der westfälischen Grenze wohl an Einwohnern hinzu gewinnen© Sebastian Christ

Der nächste Autobahnanschluss? 50 Kilometer entfernt. Zugverbindungen? Nur eine Pendelbahn nach Marburg. Busse? Witzig. Am besten, man kommt mit dem Privatwagen nach Frankenberg und nimmt sich viel Zeit. Es geht über schmale, gewundene Straßen, die der Natur weichen müssen und nicht umgekehrt, auf denen manchmal noch der Mittelstrich fehlt und an deren Ende sich die Stadtsilhouette hinter den grünen Baumkronen und geschwungenen Hügeln wie eine Faltpostkarte am Horizont aufklappt, die Liebfrauenkirche zuerst, und dann die Fachwerkhäuser drum herum. "Hessisch-Sibirien" nennen die Südhessen diesen Landstrich. Warum? Vielleicht, weil ihnen so viel Idylle fremd und geheimnisvoll scheint.

"Wir sind da, wo nichts ist"

Es ist früher Nachmittag, Siegrid Sommer hält in einem Industriegebäude am Stadtrand einen Vortrag. An der Wand leuchtet eine Powerpoint-Präsentation, die sie Besuchern von außerhalb zeigt. Sommer ist Geschäftsführerin eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens: Günther Heißkanaltechnik. Hier werden Anlagen zur Kunststoffverarbeitung entwickelt und produziert. Aber: Wo liegt Frankenberg eigentlich? "Sehen sie die Autobahnen?", fragt Frau Sommer. A44, A45, A5 und die A4 bilden ein Rechteck. "Wir sind da, wo nichts ist, in der Mitte." Alle Zuhörer lachen, auch der Firmengründer, Herbert Günther. Hier in Frankenberg kennt man das Problem. Und mindestens genauso gut kennen sie hier in diesem Betrieb die Vorteile des Standorts: "Unsere Angestellten haben eine feste Bindung an die Region", sagt Sommer. Das schaffe Kontinuität, weil nicht ständig neue Jobsuchende mit der komplizierten Technik vertraut gemacht werden müssten. "Wir hatten erst gestern fünf Mitarbeiter, die wir für 15 Jahre Betriebszugehörigkeit ausgezeichnet haben." Die Menschen in Frankenberg hingen derart an ihrer Heimat, dass sie nahezu unbrauchbar seien für den Außendienst. "Leute von hier aus in andere Länder zu entsenden ist fast unmöglich."

Die Kleinstadt ist ein demografischer Sonderfall: Während viele Städte und Gemeinden in Westfalen, Südniedersachsen und Nordhessen an Einwohnern verlieren, wird Frankenberg bis 2020 vielleicht sogar einige Einwohner hinzu gewinnen. Einer Studie der landeseigenen Hessen Agentur aus dem Jahr 2005 zufolge könnten in zwölf Jahren 20.040 Menschen in der Stadt leben. Das wäre ein Plus von vier Prozent. Auch die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert bis 2020 nur einen marginalen Bevölkerungsverlust von einem halben Prozent für Frankenberg. Andere Städte Nordhessens werden im selben Zeitraum bis zu 15 Prozent ihrer Einwohner verlieren, für die gesamte Region rechnen verschiedene Studien mit einem Schwund von vier bis zehn Prozent.

Der Mittelstand macht's

Bürgermeister Christian Engelhardt (CDU) hat seinen Amtssitz in einem schiefergetäfelten Neubau auf dem Obermarkt im Stadtzentrum. An der Wand steht eine Deutschlandfahne, im Vorzimmer packt seine Sekretärin Geschenke ein, auch in der Stadtverwaltung werden heute Angestellte für langjährige Mitarbeit geehrt. Der 36-Jährige kennt die Nachteile Frankenbergs: vor allem die schlechte Infrastruktur. Kurioserweise habe eben diese Situation mit den Jahren dazu geführt, dass die Wirtschaftsstruktur des Standorts relativ krisensicher sei. "Wegen der schlechten Verkehrslage ist die Wirtschaft hier historisch gewachsen. Die meisten Arbeitsplätze gibt es bei Unternehmen, die auch hier in Frankenberg gegründet wurden." Ableger von Konzernen sucht man in der Stadt vergeblich, dafür findet man mehr als ein halbes Dutzend größere Mittelstandsfirmen aus unterschiedlichen Branchen. In der nordhessischen Provinz ist so ein kleines Wirtschaftsbiotop entstanden, das zwar nicht unabhängig vom Weltmarkt funktioniert, wohl aber von den Renditevorstellungen der börsennotierten Aktiengesellschaften. Für junge Facharbeiter aus der Region heißt das: Wer in Frankenberg eine Familie gründet, kann durchaus noch darauf zählen, sein ganzes Berufsleben lang bei ein und demselben Betrieb beschäftigt zu sein.

Engelhardt ist seit vier Jahren Bürgermeister. Sein Jura-Studium hat er in Marburg absolviert, auch seine Anwaltspraxis war dort. Nach seinem Umzug aus der Uni-Stadt habe er spontan das Gefühl gehabt, dass auf den Straßen von Frankenberg wenig junge Menschen unterwegs seien, sagt er. Es ist die andere Seite der Entwicklung: Trotz aller positiven Vorzeichen kann eine Stadt wie Frankenberg nicht verhindern, dass jedes Jahr viele der begabtesten jungen Bürger die Heimat verlassen. "Wer hier keinen Hochschulabschluss machen kann, der zieht dann nach dem Abitur weg", sagt Engelhardt. Es gibt zwar mittlerweile über die Berufsakademie Nordhessen ein eng begrenztes Studienangebot. Aber für viele Abiturienten ist das immer noch keine Alternative. Der Akademiker-Wegzug ist ein Grund, warum trotz aller positiven Vorzeichen auch in Frankenberg die Zahl der alten Menschen zunehmen wird.

Familien-Programm mit Landesmitteln

Die Stadt setzt deshalb auf Familienförderung. Kurz nach seinem Amtsantritt sorgte Engelhardt dafür, dass Frankenberg sich im hessischen Landeswettbewerb "Familienstadt mit Zukunft" bewarb - und diesen schließlich auch gewann. Seitdem erhält die Stadt jährlich eine halbe Million Euro aus Wiesbaden für Familienprojekte. Ob die Hebammen im Frankenberger Kreiskrankenhaus deswegen in Zukunft Extraschichten schieben müssen? Das bleibt abzuwarten.

"Die angenehme Landschaft!" Das fällt Herbert Günther als erstes ein, wenn er über den größten Standortvorteil von Frankenberg nachdenkt. Siegrid Sommer sagt: die Weiterbildungsmöglichkeiten. "In Frankenberg muss man selbst ausbilden, Facharbeiter kommen nicht so einfach hier her." Deswegen absolvieren Mitarbeiter der Firma Günther in regelmäßigen Abständen Schulungen, manche lassen sich sogar in einem weiteren Berufsfeld ausbilden. "Wissen sie, eigentlich brauchen wir für unsere Produkte auch keinen Autobahnanschluss", sagt Sommer.

Und hinter der Werkshalle fließt die Eder entlang, ein kleiner Fluss, der auf voller Länge unschiffbar ist, daneben gibt es Schienen, die seit Jahren außer Betrieb sind. Der Weizen steht golden auf den Feldern, die nächste Großstadt ist 75 Kilometer entfernt. Frankenberg ist schwer zu finden. Und irgendwie frei.

Die Stationen der Demografie-Reise bei stern.de In den nächsten Tagen veröffentlicht stern.de in loser Folge weitere drei Reportagen zu den einzelnen Etappen der Reise: Holzminden, Hoyerswerda und Görlitz. In den vergangenen Tagen sind bereits Berichte aus Gelsenkirchen und Bochum erschienen.

Grafiken zur demografischen Lage Sehen Sie hier einige ausgewählte Grafiken zur Zukunftsfähigkeit deutscher Regionen aus der Studie "Die demografische Zukunft von Europa", die vom Berlin-Intitut erarbeitet wurde. Darin enthalten ist unter anderem auch eine Übersichtskarte mit den Bevölkerungsprognosen für alle deutschen Regierungsbezirke und Bundesländer.

Ihre Meinung

Die Landstriche veröden: Was können wir tun, um die Folgen des Bevölkerungsschwunds in den Griff zu bekommen?

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Von Sebastian Christ
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Duesseldorfer (10.09.2008, 14:03 Uhr)
Liebeserklärung
Seit meiner Kindheit fahre ich nun schon in diese Gegend, unsere Familie hat dort seit 70 Jahren ein Ferienhaus. Die wunderbaren Wälder und Felder, die Ruhe, die gute Luft, aber auch die freundlichen Menschen, uns treibt es aus der Großstadt immer wieder dorthin. Die fünfte Generation (fast 4 Jahre) wächst nun gerade heran und fängt auch schon an zu quängeln, Papa, wann fahren wir wieder nach Haine?...
Frei_Talk (09.09.2008, 11:33 Uhr)
Liebe Grüße
Hallo Frankenberger
schöne Grüße aus Westfalen. Von einem Nordhessen der auszog um die Welt zu sehen. Komme ursprünglich aus dem Marburger Land. Bleibt so wie ihr seid. Seit froh das ihr so herrlich wohnt...wenn ich in die alte Heimat fahre komme ich oft an Frankenberg vorbei..Tschau und ei gude wie..
MiB303 (09.09.2008, 10:52 Uhr)
Standortvorteil Pampa
Also die Entfernung von 40 km zur nächsten Autobahn kann auch ein Standortvorteil sein. 40 km die man Mautfrei benutzen kann. Und Frankenberg liegt ja ziemlich in Deutschland. Ich komme aus Korbach und hier sind in den letzten Jahren einige Logistik Zentren gebaut worden. Und neben Konzernen gibt es hier in der Region auch noch einige große Familienbetriebe. Okay aus meinem Jahrgang sind nur noch sehr wenige hier, aber dafür gibt es günstig Häuser und wohnen ist auch sehr billig.
provocateur (09.09.2008, 09:44 Uhr)
Espelsibirsk...
In der Nähe von Bielefeld gibt es auch eine Stadt, die wachsen wird. Espelkamp. Liebevoll nennen wir sie Espelsibirsk, da dort fast nur Russen wohnen. Aufgrund ihres zumeist konservativen, christlichen Familienhintergrunds gibt es dort keine Nachwuchssorgen. Dennoch sind daran mehr Befürchtungen als Hoffnungen zu knüpfen.
Salzsteuer (09.09.2008, 09:36 Uhr)
Hessisch-Sibirien
ist im Original nicht die Region um Frankenberg sondern um Bad Hersfeld, wegen der dortigen Kältelöcher in strengen Wintern.
Xennia (09.09.2008, 08:46 Uhr)
ausgeglichene Verhältnisse
In Frankenberg gibt es relativ viele Unternehmen und nur wenige Einwohner.
(12000). Wenn dieses ausgeglichene Verhältnis überall in Deutschland herrschen würde, hätte wir keine Arbeitslosigkeit. Mobilität und Arbeitskräfteüberschuss durch Massenzuwanderung tragen ihren Teil dazu bei, dass solche "Wunder" wie Frankenberg kaum noch existieren.
Solartaschenlampe (09.09.2008, 08:06 Uhr)
Beneidenswert
Wer kann denn heutzutage noch als Kleinstädter/Dörfler seßhaft bleiben?
Ich selber darf nächstes Jahr wohl (mal wieder) eine neue Heimatstadt für mich küren.
starmax (09.09.2008, 02:57 Uhr)
Frankenberger, wartet nur ein Weilchen...
...euch kriegen sie auch noch klein per Mittelstandshetze - und Verordnungen. Und nur auf eine Karte/Arbeitgeber zu setzen, ist bekanntlich gefährlich, man wird leicht erpreßbar.
ikaron (09.09.2008, 00:27 Uhr)
Ballung...
...habe beruflich mit neubauten etc zu tun. Es ist so, dass in ländlichen Regionen die Zahl der bauanträge drastisch einbricht, während sie rund um die Ballungszentren leicht steigt. Das liegt einfach daran, dass die Leute aufgrund steigender Fahrtkosten dahin ziehen müssen / wollen wo die Jobs sind. Im schönen Grün leben, das ist vielleicht auf den ersten Blick eine günstige Sache was Bauland etc angeht, aber die Folgekosten für Berufspendler fressen einen auf. Das ist der Grund, warum ländliche Regionen veröden.
Wenn dies in Frankenberg anders ist, dann deshalb, weil die Menschen vor Ort ein mittelständisches Unternehmen haben. welches Brot und Lohn in der Region hält.
Was tun? Mittelständlern Standortvorteile erschließen um die Jobangebote wieder zu dezentralisieren.
knilch_59 (04.09.2008, 13:58 Uhr)
Toll!
Aber leider kein Konzept, von dem andere Städte abschreiben könnten - manchmal klappt es eben auch ohne Plan!
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