17. Juni 2007, 14:38 Uhr

Sex, first Class

Tagsüber arbeiten sie als Studentin, Ärztin oder Bankern. Am Abend begleiten sie ihre Kunden ins Restaurant, ins Theater - und ins Bett. Die Damen vom Escort-Service sind teuer, aber sie bieten mehr als Sex. Einblicke in ein blühendes Gewerbe. Von Markus Götting

Zwei Stunden für 350 Euro: Diese Studentin, die für einen Escort-Service arbeitet, nennt sich Mona Lisa©

Maria-Magdalena schenkt ordentlich Rotwein nach, sich aber nur ein kleines Tröpfchen. Sie lächelt und sagt: "Ich spiele gern, ich teste Grenzen aus." Das heißt, in einer Bar fasst sie ihrem Kunden schon mal zwischen die Beine, nur so, oder sie fummelt im Restaurant unterm Tisch rum, während der Kellner gerade abkassiert. Sie hat sich Maria- Magdalena als Künstlernamen ausgesucht, weil sie ja ein smartes Mädchen ist, 23, Studentin, mit einer Menge schmutziger Fantasie in ihrem niedlichen Kopf. Sie sagt: "Maria-Magdalena - die heilige Hure." Und dabei macht sie diesen Augenaufschlag. Als hätte das Spiel gerade wieder begonnen.

Ein nettes Restaurant außerhalb der Stadt, ideale Seitensprung-Location. Kerzenschein, Tisch am Fenster, Blick auf ein Flüsschen, das draußen vorbeiplätschert. Maria-Magdalena erzählt von ihrem Job in der Escort-Agentur und auch, dass sie eh ein bisschen nymphoman sei. "Jetzt krieg ich sogar Geld dafür - ist doch super!" Sie sagt: "Wenn ich nicht einmal die Woche Sex habe, werde ich knatschig." Zum Glück ist es Montagabend, und sie kommt gerade aus New York zurück. Ein reicher Typ hatte sie für drei Tage einfliegen lassen, damit er abends nicht so allein ist. Maria-Magdalena sieht sehr ausgeglichen aus. Escort-Service, das ist Prostitution für die ökonomische Leistungselite. Und man muss sich nicht wundern, dass die Branche boomt in einer neoliberalen Gesellschaft, in der es mehr wohlhabende Menschen gibt als je zuvor. Zwischen 800 und 1500 Euro kostet eine Nacht mit einer Frau, je nach Agentur. Da scheiden die Prolls als Klientel schon mal aus, die Typen, die nur die schnelle Nummer wollen. Man geht essen, vielleicht noch ins Kino oder Theater, alles sehr kultiviert, und hinterher wird’s dann im Hotelzimmer gemütlich.

Die Illusion der Eroberung

Die meisten Kunden sind zwischen 30 und 50, Geschäftsleute, und Maria-Magdalena, die anonym bleiben und sich nicht fotografieren lassen will, sagt: "Da sind ein paar richtig süße Schnuckelchen dabei." Und dann erzählt sie von diesem ungarischen Rechtsanwalt, seinem durchtrainierten Körper. Sie sagt: "Er war genau an den Stellen rasiert, wo ich es mag, und der Sex war so ausdauernd, so intensiv. Ich wollte gar nicht mehr weg." Vor ihrer allerersten Verabredung, das war vor zwei Jahren, hatte sie aber Schiss, na klar. "Damals fühlte ich mich, als würde ich dem Fleischer vorgeführt. Das Date war dann aber sehr schön." Inzwischen genieße sie die Ungewissheit, dieses: Wie sieht er aus? Wie ist der drauf? Es ist ein erotischer Kitzel, noch ehe sie ihr Spielfeld betritt. Sie sagt: "Das ist der Kick." Und sollte ihr ein Typ wirklich nicht passen, gehe sie eben. "Dann verzichte ich lieber auf das Geld."

Im Prinzip funktioniert ihr Job wie ein Blind Date. Nur steht das Ergebnis vorher fest. Man trifft sich in der Hotellobby, im Restaurant, dann: Komplimente, ein ausgedehnter Flirt; die Männer geben sich richtig Mühe. Vielleicht aus Eitelkeit. Oder weil sie die Selbstachtung wahren wollen. Vielleicht aber auch, weil die Escort-Ladys ihnen eine Illusion verkaufen. Das ist nicht die strukturelle Strenge eines Bordells mit viertelstündlicher Taktung, runtertickender Uhr. Da sitzt eine charmante, gebildete Frau, die so tut, als wolle sie erobert werden. Und genau das will sie wirklich.

Es geht nicht nur um Geld

Denn auch die Escort-Frauen, die meisten zwischen 20 und 40, sind auf sexuelle Abenteuer aus. Den wenigsten geht es allein um das Geld. Das ist der Hauptunterschied zum Rotlichtmilieu. Escort-Damen sind Nebenerwerbshuren: Tagsüber sitzen sie im Hörsaal oder arbeiten in der Bank, als Ärztin oder Anwältin, und an ein, zwei Abenden pro Woche verwandeln sie sich in eine Verführerin, die teure Dessous trägt und halterlose Strümpfe. "Wer nur schnelles Geld verdienen will, ist bei uns falsch", sagt Karla Jacobs*. Frau Jacobs, 34, ist Maria-Magdalenas Chefin. Vor vier Jahren hat sie die Agentur Noblesse Escort gegründet, sie selbst ist unter dem Künstlernamen Isabelle buchbar, und inzwischen arbeiten 120 Frauen für sie, Geschäftsadresse: Friedrichstraße, Berlin. Sie trägt ein cremefarbenes Kostüm, hochhackige Schuhe, und ab und zu kramt sie ihren klingelnden Communicator aus der Louis-Vuitton-Handtasche. Sehr businessmäßig. Früher war Frau Jacobs Immobilienmaklerin. Letztlich macht sie immer noch das Gleiche: "Ich bringe Menschen zusammen."

Internet hat Branche revolutioniert

"Wir sind bezahlte Geliebte auf Zeit", sagt Karla Jacobs. Und das fasst es hübsch zusammen. Natürlich geht es um Gefühl und Intimität, und anders als im Bordell ist auch Küssen erlaubt: Es ist sogar explizit erwünscht. Wie sonst sollte so etwas wie erotische Spannung zwischen Mann und Frau entstehen? Etwas Authentisches. Am Ende aber ist es doch immer ein Geschäftsmodell, zeitlich begrenzt, und vor allem: für beide Seiten ohne weitere moralische Verpflichtung. Männer, die Escort-Services buchen, sind oft jene, die sonst mit einer richtigen Geliebten fremdgehen würden. Nur kostet das auch Geld, irgendwie, und fast immer gibt es irgendwann Stress, uneingelöste Versprechen, Drohungen. Von dieser moralischen Belastung kaufen sich die Escort-Kunden frei. Es ist eine zeitgenössische Form der Ablasszahlung: Vergebung der Sünde gegen Bares.

Die Liberalisierung der Prostitutionsparagrafen im Strafgesetzbuch hat die Branche verändert. Das Internet hat sie revolutioniert. Seit die Vermittlung bezahlter Sexualkontakte straffrei ist, mischen seriöse Geschäftsleute mit, und im Netz kann man sich Hunderte Frauen ansehen mit ihren Setcards, Kurzprofilen, mit ihren Maßen, der Körbchengröße, ihren sogenannten Specials. Da erfährt man dann, wie die Mädels rasiert sind, ob sie Piercings an interessanten Körperteilen haben, welche Sexspielzeuge sie zum Date mitbringen. Es ist eine gigantische Fleischbeschau. Früher musste man in der Agentur vorbeischauen, Kataloge wälzen. Heute läuft das anonymer ab. Diskreter. Die guten Agenturen investieren eine Menge Geld, um bei Google ganz oben zu stehen. Frau Jacobs spricht von Marketingtools.

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