Letzte Hoffnung für den Fisch

14. Mai 2013, 09:14 Uhr

Überfischung, Beifang, Lebensraumvernichtung: Erstmals seit Jahrzehnten bietet sich in der EU die Chance, das Massaker auf den Meeren zu stoppen. Doch einige Länder versuchen, die Reform auszubremsen. Von Lutz Meier

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Kabeljau auf dem Markt - so große Fische gibt es immer seltener: Durch die Überfischung werden die Tiere kleiner und kleiner. Falls die Reform gelingt, könnte es auch wieder mehr üppige Kabeljaue geben©

Wie dramatisch die Sitzung ist, merkt man schon an den Appellen vorab. Selbst die deutsche Agrarministerin Ilse Aigner sprach von einer "historischen Chance", bevor sie nach Brüssel abreiste. Vielleicht reden Minister öfter so, aber Aigner ist nicht die einzige, die das sagt und in diesem Fall hat sie nicht übertrieben: Auf der Sitzung, auf der Aigner wahrscheinlich noch bis Mittwoch früh mit ihren EU-Ministerkollegen um eine Einigung ringt, geht es um die Frage, ob eine Rettung der Meere noch möglich ist. Und es geht darum, ob in einigen Jahren noch in nennenswertem Umfang Speisefisch in europäischen Gewässern lebt.

Das EU-Parlament hat einen weitreichenden Reformplan für die EU-Fischerei fixiert, die Minister einen sehr zaghaften. Nun müssen beide Seiten einen Kompromiss schließen. Aber erst einmal müssen die 27 Minister sich überhaupt auf Kompromisslinie begeben und darüber, ob sie das tun, müssen sie sich zunächst verständigen - Länder wie Frankreich und Spanien würden nämlich die ganze Reform am liebsten ausbremsen, wie Beteiligte urteilen. "Wenn das jetzt scheitert, wäre das ein Riesenskandal", sagt die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Ulrike Rodust, die Verhandlungsführerin des Parlaments, die bang in ihrem Büro den Fortgang der Ministerkonferenz abwartet. "Und wenn die es so kommen lassen, dann werden wir es der Öffentlichkeit sehr deutlich sagen". Es klingt wie das übliche komplizierte EU-Politik-Hin und Her - aber es geht tatsächlich um eine Jahrhundertreform, um die Frage, ob die Politik trotz der ganzen vertrackten Strukturen gerade in Brüssel überhaupt noch in der Lage ist, ein Übel abzustellen.

Bestände sind überfischt, tonnenweise Fische verenden

Und das Übel, um das es geht, ist riesig: Ein naturzerstörerisches Drama, das sich jeden Tag in den europäischen Meeren abspielt und in der Regel der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Mehr als 80 Prozent der Fischgründe im Mittelmeer und 62 Prozent in den EU-Revieren des Atlantik sind überfischt.Überfischt bedeutet: wenn wie bisher dort Fische gefangen werden, sind die Bestände in wenigen Jahren vernichtet. Gleichzeitig hat die bisherige EU-Politik mit ihren starren Quoten dazu geführt, dass tonnenweise Fisch getötet wird, der nicht einmal als Nahrung gebraucht wird. Der so genannte Beifang, Fische die wieder ins Meer zurückgeworfen werden und da meist verenden und das Ökosystem stören, macht rund ein Viertel des gesamten EU-Fischfangs aus, 1,7 Millionen Tonnen Fisch im Jahr.

Diesen Irrsinn wollen die Reformer im EU-Parlament jetzt abstellen. Ihre Reform hat zwei Elemente: Erstens wollen sie die Masse der gefangenen Fische in den belasteten Gebieten begrenzen. Damit sich der Bestand erholen kann, sollen nur noch so viele Fische gefangen werden, wie dieser verträgt, ohne dass er sich selbst nicht mehr reproduzieren kann. Gleichzeitig wollen die Parlamentarier das tonnenweise Zurückwerfen von halbverendeten Fischen ins Meer verbieten. Im Gegenzug würden Fischer Unterstützung von der EU erhalten, um bessere Fangmethoden einzuführen, bei denen keine unerwünschten Fische mehr in den Netzen landen.

Wenn man den Rechnungen folgt, die die Parlamentarier anstellen, dann hat ihr Plan nur Vorteile. Nicht nur, dass er die Naturzerstörung stoppen würde. Es gäbe auf mittelfristige Sicht wieder mehr Fisch in den Meeren, weniger Existenznot und mehr Einkünfte für die Fischer, die gleichzeitig weniger Energie und Kosten hätten und der Steuerzahler würde bei den Subventionen auch noch sparen. "Wenn das konsequent so umgesetzt wird, dann gibt es tatsächlich eine Chance, dass sich die Fischbestände langfristig wieder aufbauen können", sagt Sakia Richartz, die im Brüsseler Büro der Umweltorganisation Greenpeace den Fortgang der Verhandlungen verfolgt.

Regierungen beugen sich kurzfristigen Interessen

Trotz der wunderbaren Perspektiven, die die Reformer ausmalen, wollen die Minister lieber etwas langsamer und vorsichtiger vorgehen. Sie wollen später anfangen, die Fischerei in den belasteten Beständen zu begrenzen und beim Rückwurfverbot wollen sie Ausnahmen zulassen. Grund ist die Sorge der Regierungen vor allem um Spanien und Frankreich um ihre Hochseefischerei, die sich kurzfristig möglicherweise beschränken müssten, um langfristig noch fischen zu können. "Diese Regierungen lassen sich einseitig von kurzfristigen Interessen ihres großen industriellen Fischfangsektors beeindrucken", sagt Richartz - obwohl die kleinen und mittelgroßen Fischer auch in Frankreich und Spanien auf die Reform hoffen. Am Montag protestierten etwa in Galizien spanische Küstenfischer zum Auftakt der EU-Konferenz gegen die Blockadehaltung ihrer Regierung.

Vielleicht hat sie sich davon bewegen lassen Konferenzteilnehmer berichteten, dass die bisher bremsenden Länder sich zumindest kompromissbereit gezeigt hätten. Deutschland übrigens setzte sich sehr dafür ein, die Reform nicht scheitern zu lassen. Auch wenn Ministerin Aigner sich zunächst vertreten lassen musste, weil ihr Flug nach Brüssel ausfiel. Ulrike Rodust, die Verhandlungsführerin des Parlaments hat vergangene Woche noch einen Brandbrief an die Minister geschrieben "Ich kann Ihnen versichern, dass das Parlament große Opfer bringen würde, um einen Kompromiss zu erreichen", heißt es in dem Schreiben, dass stern.de vorliegt. Vielleicht muss Rodust Ausnahmen vom Rückwurfverbot in Kauf nehmen, aber sie will zumindest verhindern, dass diese zu allgemein gehalten werden. Und vielleicht muss sie schlucken, dass die Fangbegrenzungen erst 2018 statt 2015 beginnen. Und wenn die Minister drohen, die Reform scheitern zu lassen? "Dann kämpfe ich eben weiter", sagt sie. Dafür sei sie schon zu lange in der Politik, um sich von Erpressungen der anderen Seite aufhalten zu lassen.

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