Der Kapitalismus steckt in der Krise, doch die Linkspartei profitiert nicht davon. Oskar Lafontaine erklärt im stern.de-Interview, die Partei habe sich zu lange mit sich selbst beschäftigt.
Die Mieterhöhungen kurz vor der Wahl haben uns Stimmen gekostet. 12.000 unserer ehemaligen Wählerinnen und Wähler haben sich für die Piraten entschieden.
2011 war für uns alles andere als erfolgreich. Wir sollten uns daher fragen, was falsch gelaufen ist. Meine Antwort: Wir müssen an die Politik anknüpfen, die uns in den Jahren zuvor viele Erfolge beschert hat. Der Höhepunkt waren die 11,9 Prozent bei der Bundestagswahl. Ausschlaggebend waren ein klares soziales und außenpolitisches Profil.
Wenn es um die Parteivorsitzenden geht, kann das sinnvoll sein. Geschäftsführer und Schatzmeister sollten auf Parteitagen gewählt werden.
Dann sind auch Wowereit und Künast entzaubert worden, deren Wählerinnen und Wähler ebenfalls zu den Piraten gegangen sind. Bei der FDP kann man nicht mal von Entzauberung sprechen. Die Liberalen sind weggezaubert worden.
Eben nicht! Schauen Sie sich doch mal die FDP-Führung an. Bei der CDU ist unübersehbar, dass Frau Merkel ihre Partei in große Schwierigkeiten gestürzt hat. Bei der SPD haben wir drei potentielle Kanzlerkandidaten, die noch nie eine Wahl gewonnen haben. Bei den Grünen wäre es kühn zu behaupten, dass Roth, Künast, Özdemir oder Trittin große Wählermagneten sind.
Wir haben im Vorstand verabredet, dass wir öffentlich keine Personaldebatten führen.
Die Linke hat sich in den vergangenen Monaten zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wir haben versäumt, die Themen in den Vordergrund zu rücken, die unsere Wählerinnen und Wähler interessieren. Das sind die sozialen Themen, von Hartz IV bis zur Rente mit 67. Das ist die friedliche Außenpolitik, die an die Willy Brandts Politik des Gewaltverzichts anknüpft. Und wir haben die Chance versäumt darzustellen, dass wir die einzige Partei sind, die überzeugende Antworten auf die Finanzkrise hat.
Entscheidend ist eine durchgreifende öffentlich rechtliche Organisation des Finanzsektors. Wenn das nicht geschieht, ist alle Mühe vergeblich. Um die Schulden abzubauen brauchen wir eine europaweite Vermögenssteuer, vor allem in Griechenland, denn dort haben 2000 reiche Familien 80 Prozent des Vermögens. Es ist doch geradezu abenteuerlich, was die gegenwärtige Mehrheit in Europa macht, nämlich die griechische Wirtschaft abzuwürgen über Lohn- und Rentenkürzungen. Den Akteuren fehlt jedes Fünkchen Sachverstand.
Man sieht doch die Folgen. Die griechische Wirtschaft stürzt ab. Wir haben die Transaktionssteuer befürwortet, als alle anderen sie abgelehnt haben. Wir haben Eurobonds vorgeschlagen, als SPD mit Steinbrück noch dagegen war. Und wir haben immer gefordert, dass der Finanzmarkt strikt reguliert werden muss. Weil das nicht gemacht wurde, waren die Industriestaaten in der Finanzkrise gezwungen, Banken und Versicherungskonzerne zu verstaatlichen. Die Gewinne blieben privatisiert, die Verluste wurden sozialisiert.
Wir gewinnen und verlieren gemeinsam. Es wäre nicht fair, einzelnen dafür die Verantwortung in die Schuhe zu schieben.
Wir haben vereinbart, keine Personaldebatten zu führen.
Die Linke muss ihre Organisation stärken, vor allem in den westlichen Bundesländern. Dort sind wir organisatorisch zu schwach. Im Osten kommen zu wenige junge Leute zu uns und viele ältere Mitglieder sterben. Meine Erfahrung war immer: Mit überzeugenden Programmvorstellungen, die jung und alt begeistern, gewinnt man Wahlkämpfe und Mitglieder.
Sie können es noch so oft versuchen, Personaldiskussionen sind kontraproduktiv.
Auch auf diese scheinbar harmlose Frage gibt es nur eine Antwort: Wir gackern nicht über ungelegte Eier.