Entsetzen über Lidls Stasi-Methoden

26. März 2008, 15:05 Uhr

Die Enthüllungen von stern und stern.de über die "Lidl-Stasi" werden ein politisches Nachspiel haben. Vertreter von CDU, SPD und der Linken fordern Konsequenzen aus dem Skandal. SPD-Politiker Rainer Wend sprach von einer "menschenverachtenden Anmaßung". Von Sebastian Christ

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Ab zu Lidl. Das werden sich in Zukunft vielleicht einige Menschen weniger denken. Die Vorfälle sind dem Image des Discounters nicht zuträglich©

Der Skandal um die Bespitzelung von Lidl-Mitarbeitern hat über alle Parteigrenzen hinweg Bestürzung ausgelöst. Mandatsträger von CDU, SPD und der Linken forderten politische und rechtliche Konsequenzen.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rainer Wend, zeigt sich entsetzt über die Geschehnisse bei dem Discount-Riesen. Er erfuhr am Telefon davon. "Das ist ja schon krank", sagte er. "Das ist eine menschenverachtende Anmaßung, was dort stattfindet."

Für ihn komme dieser Fall jedoch nicht überraschend, dies sei in der Discount-Branche absehbar gewesen. "Man kann der Belegschaft jetzt nur raten, in Gewerkschaften einzutreten und Betriebsräte zu gründen. Irgendwann ist trotz allen Drucks Zivilcourage gefragt." Wend forderte die zuständigen Staatsanwaltschaften auf, die strafrechtliche Relevanz der Fälle zu prüfen.

"Ich kaufe nicht bei Lidl"

Für Gerald Weiß, Chef der Arbeitnehmergruppe in der CDU-Bundestagsfraktion, sind die Vorgänge bei Lidl einfach nur "gespenstisch". Der Konzern sei schon in der Vergangenheit durch seine Mitarbeiterführung negativ aufgefallen. "Ich kaufe deswegen prinzipiell nicht bei Lidl. Da wurde früher schon sämtliche Mitbestimmung verhindert." Weiß sagte, dass man nun prüfen müsse, auf welcher rechtlichen Grundlage man Angestellte vor derartigen Übergriffen schützen könne. "Man muss zumindest darüber nachdenken, ob es einer Klarstellung oder Verschärfung der Normen bedarf."

Auch bei den Linken herrscht Bestürzung über den Skandal. "Für Lidl handelt es sich offensichtlich nicht um ein Arbeitsverhältnis, sondern um eine Vorstufe zur Leibeigenschaft. Lidl betrachtet Mitarbeiter als sprechende Werkzeuge, die überwacht werden müssen wie eine Fertigungsstraße", sagt Herbert Schui, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linken-Fraktion im Bundestag. "Die meisten Beschäftigten bei Lidl sind in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. Dass Lidl trotz der entwürdigenden Behandlung überhaupt Mitarbeiter findet, zeigt, wie groß die Angst vor ALG II ist."

Die Linke werde in Zukunft alle Versuche unterstützen, bei Lidl Betriebsräte zu gründen. Außerdem forderte Schui eine Gesetzesreform: "Verletzungen der Persönlichkeitsrechte dieser Art müssen ein Offizialdelikt werden, das vom Staatsanwalt verfolgt wird." Wie der stern und stern.de aufdeckten, ließ der Lebensmitteldiscounter Lidl über Monate systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Der Redaktion liegen mehrere Hundert Seiten interner Lidl-Protokolle vor, in denen jeweils mit Tag und Uhrzeit notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt." Die meisten dieser Einsatzberichte stammen aus Filialen in Niedersachsen, dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein.

Lidl selbst bestreitet die Existenz der Protokolle gegenüber dem stern nicht, behauptete zunächst aber, sie "dienen nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens", wie Lidl-Sprecherin Petra Trabert sagte. Auch von den detaillierten Protokollen aus der Privatsphäre der Beschäftigten distanzierte sich das Unternehmen und erklärte, die "Hinweise und Beobachtungen entsprechen weder im Umgangston noch in der Diktion unserem Verständnis vom Umgang miteinander."

Datenschützer ermitteln

Mittlerweile hat das Unternehmen zudem eingeräumt, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

Das Innenministerium in Baden-Württemberg kündigte unterdessen an, die Vorgänge zu prüfen: Es werde datenschutzrechtlich geprüft, ob die Beschäftigten in zahlreichen Filialen systematisch überwacht wurden, sagte eine Sprecherin des baden-württembergischen Innenministeriums. "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden."

Günther Schedler, Datenschutzbeauftragter in Baden-Württemberg, kritisierte im Gespräch mit stern.de vor allem die Organisation von Lidl: "Das Problem bei Lidl fängt mit der Verschachtelung des Unternehmens in eine Vielzahl von Unterfirmen an. Wir müssen prüfen, welche GmbH & Co KG für was verantwortlich ist", sagte er und kündigte an, den Fall genau zu prüfen: "Man muss sich das wohl Filiale für Filiale genau ansehen. Wir werden Lidl einige Fragen stellen."

 
 
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KOMMENTARE (10 von 38)
 
BayernOssi (29.03.2008, 15:44 Uhr)
Stasi-ich sehe keinerlei Vergehen
MA bei Lidl haben doch nichts schlimmes zu verheimlichen gehabt, Raucher sollten gar keine Pausen bekommen, es stinkt, Gerüche nach Schweiss und Rauch sind besonders im Sommer zu erkennen, Kassiererinnen nicht niesen, den Aufenthaltsraum sauber halten, Privatgespräche nach Dienstschhluss führen und und und. Mich hat gefreut zu lesen, dass die Bespitzler Dinge erkannt und aufgeschrieben haben, die ich mich nie getraut habe zu äussern, bspw. Sie stinken nach Schweiss, Sperma, Käsefüße, Mundgerüchen oder Qualm, nicht gewaschen ??
Danke RTL !
Die Stasi hat schlimme Dinge bei uns im Osten angerichtet, nicht vergleichbar mit Privatdetekteien!
greenkrust (27.03.2008, 20:10 Uhr)
@ Stern
nicht wo ist das Problem, sondern wo ist mein Komentar? werden denn hier nur den Komentare abgebildet, die den Herren vom Stern in den Kram passen? Mich wundert die recht große klaffende Lücke im Thread zum Artikel "Lidl gibt Bespitzleung zu" vom heutigen Tag (27.03 zwischen 10:33 und 18:42). Hat denn da etwar keiner diesen Artikel Komentiert???
Ich schon, aber zu sehen ist nichts.
Sie regen sich über Bespitzelungen auf, treten aber die Meinungsfreiheit mit Füßen.
Soll man Sie ernst nehmen, oder sind Sie nicht besser als Lidl, Hauptsache die Auflage stimmt.
Danke schön, dass kann man sich sparen...
IrMe (27.03.2008, 16:55 Uhr)
rdiess
"Legasthenie etwa?"
Ähm, wo genau hat Tweety denn krasse Rechtschreibfehler oder Zeichensetzfehler in den Beitrag eingebaut, dass es angebracht wäre, so etwas zu fragen? Finden Sie ein paar Rechtschreibfehler in einem langen Text schon Leghasthe-würdig?
Haben Sie nichts besseres zu sagen, als auf ein paar Rechtschreibfehlern rumzureiten?
alcide (27.03.2008, 13:50 Uhr)
ach deutschland
wirds nie lernen, bespitzeln, denunzieren, es liegt im deutschen Blut.
rdiess (27.03.2008, 12:32 Uhr)
@tweety_88
"Ich war einmal ein Mitarbeiter bei LIDL, ich habe dort eine Ausbildung gemacht, die ich leider nicht abschließen konnte, da LIDL mir nicht nachweißbare Sachen unterstellt hat."
Legasthenie etwa? Auch bei LIDL muss man als Azubi ordentlich auf die Kacke hauen, damit Schluss ist.
"Aber die meisten hier meinen, dass die Mitarbeiter unfähig seien, alleine zu arbeiten, der einzige der unfähig ist, das ist der/die Filialverantwortliche. Die sitzen doch meistens nur im Büro, rauchen, trinken Kaffee und telefoniern fast den ganzen Tag."
Also, da wo ich einkaufe hechelt der Filialleiter eigentlich rund um die Uhr durch den Laden und weiß nicht, zu welcher Nachtstunde er seinen Bürokram fertig kriegt.

"denn die Mitarbeiter arbeiten fast mehr als der Chef."
Ja, was denn nun? Wenn der - wie behauptet - nix tut, ist "fast mehr" doch genauso wenig, oder?
vonSelbenstein (27.03.2008, 11:21 Uhr)
Lidl boykottieren...
... schadet zwar dem Konzern, aber viel mehr aber letztlich den Mitarbeitern, die dadurch eventuell ihren Job verlieren.
Ohne Zweifel muss etwas getan werden um diese Stasi-Methoden zu unterbinden. Allerdings sollte man die Bosse an den E..ern packen.
tweety_88 (27.03.2008, 09:48 Uhr)
Mitarbeiter-Kontrolle
Es schreiben hier fast alle, dass es nur gerechtfertigt ist, die Mitarbeiter zu kontollieren. Ich war einmal ein Mitarbeiter bei LIDL, ich habe dort eine Ausbildung gemacht, die ich leider nicht abschließen konnte, da LIDL mir nicht nachweißbare Sachen unterstellt hat. Aber die meisten hier meinen, dass die Mitarbeiter unfähig seien, alleine zu arbeiten, der einzige der unfähig ist, das ist der/die Filialverantwortliche. Die sitzen doch meistens nur im Büro, rauchen, trinken Kaffee und telefoniern fast den ganzen Tag. Über die regt sich niemand auf, oder? Es sind ja nur die Mitarbeiter die schlimmen. Ich verstehe diese Einstellung nicht, denn die Mitarbeiter arbeiten fast mehr als der Chef. SO war es bei uns! Und wenn dann mal ein Fehler passiert, dann wird zusammengefaltet, als wäre man nicht ganz richtig! Wenn man mit den Mitarbeitern ein gutes Verhältnis aufbauen will, dann sollte man mit Ihnen reden und nicht überall Kameras aufhängen, um Sachen über die Mitarbeiter raus zu finden. Ich finde die Überwachung nicht gerechtfertigt und ich hoffe, dass LIDL endlich mal zur Rechenschaft gezogen wird und für alle geschädigten eine Abfindung zahlen muss! Ich finde auch, wenn man weiterhin bei LIDL einkauft unterstützt man die Stasi-Methoden weiterhin. Die sollen mal sehen, wie es ist, wenn alle gegen einem arbeiten!!! Ich persönlich und auch viele in meinem Bekanntkreis, werden nicht mehr bei LIDL einkaufen!!!
MfG
rdiess (27.03.2008, 09:47 Uhr)
Ausgerechnet "Die Linke"
Zitat: "Die Linke werde in Zukunft alle Versuche unterstützen, bei Lidl Betriebsräte zu gründen. Außerdem forderte Schui eine Gesetzesreform: "Verletzungen der Persönlichkeitsrechte dieser Art müssen ein Offizialdelikt werden, das vom Staatsanwalt verfolgt wird."
Schön, dass es Leute gibt, die sich mit Persönlichkeitsrechten auskennen. Ist das jetzt Satire? Bei dem, was da in der "Linken" noch an Personal kreucht und fleucht, kann man sich über so ein Geeier totlachen - es sei denn, man ist dummerweise Opfer der SED-Diktatur...
Klatscher (27.03.2008, 08:20 Uhr)
Lidl-Praktiken
Wen wundert denn das ganze noch, die Praktiken der Discounter sind alle gleich: Bsp.Schlecker, die Mitarbeiter in diesen Unternehmen tun mir nur noch leid.Aufgefordert sind alle endlich Zivilcourage zu zeigen, sich zu organisieren, Gewerkschaften wieder stark zu machen, es ist gerade mal knapp 100 Jahre, wo sich viele Dinge im Arbeitsumfeld erkämpft wurden und wir sind genau auf dem Weg dorthin wieder zurück. Die Zukunft wird es beweisen, es wird nur noch unten oder oben geben.Sozialer Anstand wird ein Fremdwort sein und eine Indifikation mit dem Unternehmen ebenso. Als Betriebsrat eines Unternehmens kenne ich viele Sorgen und Nöten der Mitarbeiter und sehe die Zukunftsängste, aber wir selbst haben es in der Hand, dagegen was zu unternehmen und uns zu organisieren, um wenigstens einen Teil des Kuchens zu erhalten.
tweety1964 (27.03.2008, 00:19 Uhr)
Gesellschaftsproblem
Ob die Überwachungen nun Rechtens sind oder nicht, sei dahingestellt.
Offensichtlich scheint kein gutes Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern zu bestehen. Ausserdem scheinen die Marktleitungen reichlich unfähig zu sein!
Woran kann das liegen? Vielleicht werden die Filialleiter genauso schlecht bezahlt wie andere Mitarbeiter, Deshalb können auch nur minderwertig fähige Leiter angestellt werden.
Warum aber werden Mitarbeiter schlecht bezahlt? Weil Geiz angeblich GEIL ist !! Alles muss immer billiger werden, niemand will mehr was für Waren oder Dienstleistungen zahlen, wenn niemend was zahlt kann man auch keine Mitarbeiter ehrbar entlohnen. Das führt dann zu Situationen, dass Vollzeitbeschäftigte Harz IV beantragen müssen, um überleben zu können: sowas ist PERVERS, aber so scheint nun mal unsere Gesellschaft zu sein! (Übrigens ist jetzt sogar das Top-Management von Ryan-Air auf dem Geiz-ist-geil-Trip: weil Sprit teurer wird, sollen die Flughäfen jetzt doch bitte die Gebühren senken. Anpassung der Preise für den Kunden? Fehlanzeige ...)
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