21. Mai 2008, 12:03 Uhr

"Lafontaine ist kein Stalinist"

Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine ist obenauf: Die Linke zieht in ein Parlament nach dem anderen ein. Die SPD, die CSU - fast alle tanzen nach Lafontaines Pfeife. Kurz vor dem Parteitag der Linken in Cottbus spricht Co-Chef Lothar Bisky im stern.de-Interview über Lafontaines Führungsstil, larmoyante Ossis und die politischen Auseinandersetzungen in seiner Partei.

Ober-Linke: Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine (l.) und Co-Chef Lothar Bisky©

Herr Bisky, in der Linken wächst die Kritik an Oskar Lafontaine. Er sei ein autoritäter, brutaler Hund, heißt es. Ein Stalinist, der glaube, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Erkennen Sie Ihren Co-Parteivorsitzenden in diesen Einschätzungen wieder?

Nein, überhaupt nicht. Ich halte diese Kritik nicht nur für überzogen, sondern für falsch. Lafontaine ist nicht autoritär, und ein Stalinist ist er schon gar nicht.

Wie würden Sie ihn beschreiben? Als dominanten Partei- und Fraktionschef?

Lafontaine ist ein kluger Kopf. Er weiß, was er will, und er sagt, was er denkt. Er führt die Linke auf eine etwas andere Art, als ich es tue. Ich bin mehr der moderierende Typ. Als ich Vorsitzender der PDS war, konnte mit mir alles und jedes stundenlang debattiert werden. Das war, ich sage das durchaus selbstkritisch, nicht immer gut für die Partei. Lafontaine entscheidet schneller, er ist bestimmter. Er hat schließlich mal die SPD, eine gut organisierte Volkspartei, geführt. Einen solchen Vorsitzenden sind viele in unserer Partei einfach nicht gewöhnt.

Die ostdeutschen Linken sind zu larmoyant?

Nein. Ich meine etwas anderes: Wir müssen begreifen, dass wir mit der Fusion von PDS und WASG wirklich eine neue Partei geworden sind. Unsere Bedeutung ist gewachsen. Viele linke Parteien in Europa sehen in uns ein Modellprojekt. Da können wir es uns einfach nicht mehr leisten, alle Fragen so ausführlich und selbstverliebt zu diskutieren wie in der Vergangenheit. Unsere Wähler erwarten von uns politische Antworten auf ihre aktuellen Fragen und Probleme.

Die Linke wird als Lafontaine-Partei wahrgenommen, nicht als Gysi- oder Bisky-Partei. Stört Sie das?

Nein. Das sagt doch nur etwas über die Bedeutung von Lafontaine. Er steht für unseren Erfolg im Westen. Ohne ihn, ohne die WASG gäbe es uns gar nicht. Ich kann mich noch gut an das letzte Wahlergebnis der PDS im Western erinnern, Nordrhein-Westfalen, Mai 2005: 0,9 Prozent. Danach war doch dem Letzten klar, dass wir als PDS es im Westen allein niemals schaffen würden. Drei Jahre später sitzen wir als Linke in vier westdeutschen Landesparlamenten. Wir haben bundespolitisch ein großes Gewicht. Unsere Stimme wird gehört. Das ist doch großartig.

Sie fühlen sich von Lafontaine also nicht beherrscht?Quatsch. Wir arbeiten gut zusammen. Wir sind offen zueinander. Es gibt kein Gerangel zwischen uns. Gelegentlich sind wir unterschiedlicher Meinung, aber das ist kein Problem. Diese Meinungsverschiedenheiten tragen wir aus, allerdings sind wir nicht so naiv, das über die Medien zu tun. Wir wollen gemeinsam den Erfolg unserer Partei. Die Linke stellt die richtigen Fragen, das bescheinigen ihr viele Wähler. Diese Wähler sagen aber auch: Die Linke gibt nicht die richtigen Antworten.Ich behaupte auch gar nicht, wir hätten für alle Fragen am Beginn des 21. Jahrhunderts die richtigen Antworten. Welche Partei könnte das von sich schon behaupten? Was mich jedoch aufregt, ist der Vorwurf, die Linke habe kein Programm, sie wüsste nicht, was sie will. Wir haben 2007 auf unserem Gründungsparteitag programmatische Eckpunkte beschlossen, die zuvor in Urabstimmung der Mitgliedschaft beider Parteien angenommen wurde. Keine andere Partei hat das – ein in einer Urabstimmung angenommenes Programm.

Trotzdem, der Vorwurf bleibt: Die Erarbeitung des Grundsatzprogramms hat Ihre Partei verschoben.

Die Programmkommission arbeitet, sie wird bald erste Textvorschläge machen, die von unseren Mitgliedern breit diskutiert werden. Das endgültige Programm könnte dann 2010 oder 2011 verabschiedet werden. Das ist nicht zu spät. Es geht schließlich um die Identitätsfindung für die neue Linke im 21. Jahrhundert.

Ihre bisherigen Erfolge verdrängen die inneren Probleme der Partei. Sie streiten über die Frage einer Regierungsbeteiligung der Linken, über UN-gestützte Militäreinsätze, eine zeitgemäße Sozialpolitik jenseits von Hartz IV, eine moderne Familienpolitik und und und. Könnte das zu einer Zerreißprobe für Ihre Partei werden?

Nein. Ich halte diese Debatte angesichts unserer Entwicklung für normal.

Warum?

Ich darf daran erinnern: Die Linke als Partei gibt es seit einem Jahr. In dieser kurzen Zeit haben wir viel erreicht. In unserer Partei gibt es einen bemerkenswerten Zusammenhalt, bei aller Unterschiedlichkeit, die es gibt und die es auch weiterhin geben wird.

Zusammenhalt ist gut. Die Ostgenossen halten die Wessis für den verlängerten Arm des DGB. Und die beinharten Gewerkschafter aus dem Westen halten die Ossis für Weicheier, die nur eines wollen: mitregieren.

Das sind Klischees, die stimmen nicht. Was stimmt: Unsere kulturellen Hintergründe sind sehr verschieden. Nehmen Sie nur mal Lafontaine und mich: Er kommt aus dem Saarland, also quasi aus Frankreich – ich komme aus Westpolen, in meinem Wahlkreis liegt Frankfurt/Oder. Das sind doch zwei Welten. Dazu kommt die unterschiedliche Geschichte von PDS und WASG. Der Übergang von einer Staatspartei zu einer Oppositionspartei führt zu ganz anderen Erfahrungen als die Existenz einer kleinen, linken Protestpartei in der Bundesrepublik. Aber wir raufen uns schon zusammen, da bin ich optimistisch. Die Linke ist auf Gedeih und Verderb zur Gemeinsamkeit verpflichtet. Gelingt ihr diese Gemeinsamkeit nicht, wird die Linke scheitern.

Mehr über die Linkspartei

Mehr über die Linkspartei ... und die "Die Diktatur des Oskariats" lesen Sie im aktuellen stern.

Zur Person Lothar Bisky, 66, ist gemeinsam mit Oskar Lafontaine Vorsitzender der 2007 gegründeten Partei Die Linke. Zuvor war der Bundestagsabgeordnete Vorsitzender der PDS.

Interview: Jens König
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
KOMMENTARE (10 von 27)
 
gmathol (24.05.2008, 04:44 Uhr)
Hetze der etablierten Einheitspartei: CDUCSUSPDGruene gegen die Linke.
Diese unbequeme politische Konkurrenz gilt es auszuschalten, da man sonst nicht mehr die "eigenen" Ziele nicht die des "Volkes" weiterverfolgen kann.
Zu den hohen "demokratischen" Zielen der deutschen Einheitspartei CDUCSUSPDGruene gehoeren Korruption, Selbstbereicherung, Militarismus, Sozialkuerzungen und Steuererleichterungen fuer Boersen notierte Firmen.
Auch die Unterwuerfigkeit in Richtung Israels und das voellige ignorieren des neuen Holocaust's gegen die Palestinenser ist ein Markenzeichen der deutschen Einheitspartei.
Der Waehler muss der Linken mindestens 30% Sperrminoritaet geben damit diese Phlanax der Plutokraten zumindestens neutralisiert wird.
IsyAltklug (23.05.2008, 12:52 Uhr)
@FrodoBeutlin,.....
ich stimme Ihnen 100%ig zu. Zur Zeit sieht es leider so aus, das Lafo Die Linke verkörpert und außer vielen polemischen Worten nichts vorzuweisen hat. Er hat ein Händchen für Demagogik und Populismus, musste mit seiner Linken aber bisher nicht den geringsten Beweis antreten, dass seine Wunschpolitik finanzier- und durchführbar ist. Weil unter der Linken und Lafo nur viel heiße Luft und Protest aber kein begehbares Fundament steckt, ist diese Partei für mich nicht wählbar. Leider sind wir nicht bei "Wünsch dir was..."
Robbespierre (22.05.2008, 19:17 Uhr)
Linkspartei ist demokratisch
@UR63: Ich bin kein linker Spinner, sondern habe höchstwahrscheinlich ein wenig mehr Lebenserfahrung als Sie: Studium, guter Job, dann Betriebsverlagerung mit Kündigung, dann ein Jahr Bewerbungen schreiben, dann Hartz IV als Tiefpunkt, dann Privatkredit für die Selbstständigkeit und jetzt wieder Job. Wenn Sie das alles hinter sich hätten und vor allem einmal diese widerliche Hoffnungslosigkeit unter Hartz erfahren hätten, dann würden sie auch andere Fragen stellen. Und nein, ich komme nicht aus dem Osten, sondern aus dem Mittelstand in Baden-Württemberg, wo man besonders schief angesehen wird, wenn man auf Hartz ist. Insofern habe ich mit Ihrem Schießbefehl nichts zu tun. Diese Idioten von der FDP/CDU/SPD haben eine funktionierende soziale Marktwirtschaft erodieren lassen, damit die Konzerne durch Betriebsverlagerungen in Billigdiktaturen noch mehr Gewinn einfahren können. In den siebzigern und achtzigern kannten wir jedenfalls keine wirtschaftliche Zukunftsangst. Leute wie sie (die Masse, leider) werden dennoch linksfeindliche Parolen nachblöken, bis sie eines Tages der Schlag treffen wird. Ist ja auch bequemer so. @mister-mister: wenn Sie glauben, das die etablierten Parteien den Kurs wechseln, dann ist das in meinen Augen ziemlich naiv, den da herrscht bis in die Grünen hinein eine neoliberale Einheitsmeinung. Als überzeugter Demokrat nutze ich die Möglichkeiten einer Demokratie und wähle mit der Linken eine menschenfreundliche Gegenposition (rechts wäre menschenverachtend) und zwar so lange, bis der Neoliberalismus argumentativ besiegt ist. Und das wird lange dauern, sehr lange...
mister-mister (22.05.2008, 17:39 Uhr)
@UR63
.....Aber das macht doch nichts!!! Stasi, Schießbefehl - ist doch alles pillepalle...
.
Sie müssen nur die richtigen Fragen stellen.
.
Und die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.
UR63 (22.05.2008, 17:28 Uhr)
Passt gut rein hier...
Neue Akten erhärten Stasi-Verdacht gegen Gysi!
Spiegel Online!
Damit haben linke Spinner wie Robbespierre kein Problem.
Schnaafpaaf (22.05.2008, 15:59 Uhr)
@Mister mister ,14.43 Uhr
Selten so einen guten Kommentar gelesen!
FrodoBeutlin (22.05.2008, 15:32 Uhr)
...aber ein Populist
Mag sein, dass Laffo kein Stalinist ist. In erster Linie ist er Egomane und Populist. Er handelt nicht aus tiefer Überzeugung, sondern aus dem Kalkül heraus, mit welchen Thesen er am meisten Aufmerksamkeit erzielen kann. Da er nie (wieder)in die Verlegenheit kommen wird, Verantwortung übernehmen und die Umsetzbarkeit seiner Vorschläge im wahren Leben beweisen zu müssen, kann er natürlich ganz entspannt vom Leder ziehen und unbezahlbare Utopien für den Stammtisch produzieren.
mister-mister (22.05.2008, 15:20 Uhr)
@Robbespierre - Sie werdens nicht glauben.....
.....aber in 90% Ihrer Punkte stimme ich fast völlig mit Ihnen überein. Darüber hatten wir auch nicht gestritten!
.
Die 10% Abweichung sind wohl die, dass m.E. eine Änderung dieses Zustands(=Sand ins Getriebe) auf keinen Fall von einem extremen politischen Lager ausgehen darf und mangels Kompetenz, Weltanschauung, Glaubwürdigkeit und glaubwürdigem Programm auch gar nicht kann.
.
Es iust vielleicht der mühsamere Weg, aus der schwarz-rot-grünen Mitte heraus in diese Richtung zu wirken und die Chancen sind nicht gross; aber eine Stärkung eines der Extremlager - jetzt mal von speziellen Köpfen völlig abgesehen - führt meiner Meinung nach mit tödlicher Sicherheit ins Chaos.
.
Und das kann's auch nicht sein.
vegefranz (22.05.2008, 15:20 Uhr)
@robbe
die NPD und die Ex-SED als demokratiegefährliche Parteien könnte man entlarven, indem man sie konsequent zu ihren Zielen und den wegen der Umsetzung befragt. tatsächlich passiert das nicht: Die Ex-SED wird vom mainstream hofiert. Ggfls. gibt es mal lauwarme Nachfragen. Eine kritische Frage, wo zum Beispiel das SED Vermögen in Milliardenhöhe abgeblieben ist, stellt kein Journalist. Politiker der NPD als rechtsradikales Gegenstück kommen nicht vor. daher ist die Behauptung, die medien geben nur den Linksradikalen ein Forum, zutreffenT
stesocom (22.05.2008, 15:19 Uhr)
Was sonst ?
Was sonst ?
MEHR ZUM ARTIKEL
Die Lafo-Show "Es geht vor allem um ihn"

In einer Woche trifft sich "Die Linke" zum Bundesparteitag in Cottbus. Zuvor ließ sich ihr Bundesvorsitzender Oskar Lafontaine in seiner alten Heimat feiern. Und machte klar, was er will: Ministerpräsident des Saarlandes werden.

Parteiporträt Wir sind die Linken

Die einen sanieren Städte schön, die anderen wollen die Stasi wiederhaben: Oskar Lafontaines neue Genossen pflügen die politische Landschaft um und laufen von Erfolg zu Erfolg - in verschiedene Richtungen. Bilder einer gespaltenen Partei.

Bundespräsidentschaftskandidatur Wie Gesine Schwan die Linken bezirzt

Offiziell gibt es keine Entscheidung, inoffiziell hat sich die SPD geeinigt, dass Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren soll. Will sie gewählt werden, braucht sie die Stimmen der Linkspartei – bei der sie just live auftrat und vor dem Kapitalismus warnte. Ein Ortstermin.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?