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Duell um die Macht

Schicksalswahl und Hoffnungsträgerinnen. Julia Klöckner gegen Malu Dreyer. Wenn am 13. März in Rheinland-Pfalz gewählt wird, geht es an Rhein und Mosel auch um die Zukunft Deutschlands. Ein Doppelporträt.

Von Ulrike Posche

Malu Dreyer und Julia Klöckner

Malu Dreyer (SPD) und Julia Klöckner (CDU)  beim TV-Duell. Am 13. März finden die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz statt. 

Julia Klöckner braucht nur acht Minuten und fünf Sekunden. Dann schmilzt der Spundekäs auf dem Teller, und der Kopf rauscht einem wie nach drei Flaschen "Kröver Nacktarsch".

In der Halle der Turngemeinde 1847 von Nieder-Ingelheim dreht sich die Spitzenkandidatin der CDU an diesem Abend wie eine Walzerkönigin beim Maitanz. Sie will am 13. März Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden und Malu Dreyer ablösen. Deshalb schwenkt sie werbend mit dem Mikrofon mal linksrum, mal rechtsrum und extemporiert dabei ohne Spickzettel, bis allen schwindelig ist. Bis ihre schlanke Silhouette, die perfekt schraffierte Maquillage, das fedrig geschnittene Haar von allen Seiten bewundert sind.

Ingelheim am Rhein, einst Kaiserpfalz von Karl dem Großen. Hier hielt er Hof im Mittelalter. Hier hat er das Land zur Wiege der Deutschen Nation gemacht. Jetzt also Klöckner:

"Die Alten von heut sin ja die Revoluzzer von gestern", beginnt sie ihren Gedanken, "und wenn man sich mal auf Musik – jede Generation lacht ja über die Musik der vorigen oder beschwert sich –, wenn man Pink Floyd, Rolling Stones, wer war es noch alles? Ach ja, die Beatles – ohne die Alten wären die ja gar net erfolgreich geworden! Das ist unsere Musik, das ist ihre Musik! Da gibt’s auch den Heino, da gibt’s auch Volksmusik, da gibt’s auch Udo Lindenberg, und das sind – ich sag mal – scheinbare Widersprüche der Generationen, die haben sich dann aufgelöst in der Generation unserer Eltern ..."

Pause, Drehung, atemlose Stille in der Halle.

"... und Großeltern! Die Zeiten wiederholen sich, ohne die gleichen zu sein. Und das im Blick zu behalten, zu sagen, wenn Frauen heute eine andere Stellung haben, in der Familie, in der Politik, in der Wirtschaft, dass es so weit gekommen ist – das ist meine Heimat! Und deshalb bin ich nicht bereit, wenn wir Zuzug nach Deutschland haben und großherzig sind, dass wir uns das infrage stellen lassen, was wir uns erkämpft haben."

Was hat die Frau da gesagt? Heino, Heimat, Rolling Stones? Egal, weg mit dem Spundekäs, hinterm Horizont geht’s weiter! Die Frau Klöckner, so schwärmen die älteren Revoluzzer im Publikum nach der Rede, "die kann so spannend erzählen, da stimmt einfach alles. Wir sind Fans." Und was soll man sagen: Die Leut habbe intuitiv recht! Seit Gerhard Schröder und Karl-Theodor zu Guttenberg hat kein populistischer Politiker mit so viel fotogener Verve und Leidenschaft im Wahlkampf solchen Wirrwarr geredet – und die Menschen damit schwer begeistert.

So etwas kann man nicht lernen. So etwas hat man im Blut. Oder eben nicht. Wenn Julia Klöckner mit der Kanzlerin auftritt, dann spürt man in Frankenthal und Montabaur, wie sie sich ein wenig zurücknimmt, um die mütterliche Freundin nicht noch hölzerner dastehen zu lassen.

Julia Klöckner und Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner. 

Aber die Nummer mit Pink Floyd und Heino, die kann sie sich auch dann nicht verkneifen. An Pink Floyd und Heino macht Klöckner die stillen Ängste ihres Wahlvolks vor dem Untergang des Abendlands fest. Mit Pink Floyd, Heino und den Stones erklärt sie sich selbst zur Patronin westlicher Werte und, wenn es sein muss und wir in der Nähe von Worms sind, zur Drachentöterin.

"Früher hast de mir aber besser gefalle", mosert dennoch ein Rentner. "Weil isch da mehr auf de Ribbe hatt, gell?", volkstümelt die zurück. Und lacht bis in die hintersten Winkel ihres sehr schönen Mundes. Sie war mal bei, geschätzt, Größe 44. Jetzt vielleicht Größe 36/38.

Schütze gegen Wassermann

Es ist eine ziemliche Laune der Natur, dass zurzeit ausgerechnet zwei Frauen von Kaliber und Charisma um die Macht in einem Bundesland kämpfen müssen. Eine Verschwendung, wo doch in anderen Bundesländern nicht eine auftaucht und man sich mit Blassmännern und Ego-Trampeln behelfen muss. CDU-Vorstandsvize Julia Klöckner, 43, gegen die seit drei Jahren amtierende SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer, 55. So ist die Duell-Aufstellung. Schütze gegen Wassermann, Feuerzeichen gegen Luftzeichen – für diejenigen, die es gern astrologisch sehen. Und das im Heimatland der Nibelungen, im Heimatland von Helmut Kohl! "Scheinriesin", so hat die hiesige Zeitung Julia Klöckner neulich genannt. Je näher man ihr komme, desto kleiner werde sie.

Bei Dreyer scheint es umgekehrt. Aus der Ferne wirkt sie, die gern rote Anzüge trägt und beim Reden die Wort-Enden verschluckt, als sei ihr das Leben zu kostbar, um alles zu Ende zu sprechen; aus der Ferne scheint Malu Dreyer beinahe unbedeutend. Aber jeder, der ihr nahekommt, schrumpft vor ihrer starken Aura in der zerbrechlichen Statur. "Gu’n Morg’n, meine Herr’n un Dam’n …" Wer nicht schrumpft, wird niedergelächelt. Am Morgen nach Klöckners Ingelheimer Turnhallenrede spricht Malu Dreyer vor Eisenbahn-Gewerkschaftern im Mainzer Intercity-Hotel: "Wir brauch’n mehr Geld vom Bund. Wir brauch’n mehr Klarheit. Wir brauch’n mehr Investition in die Infrastruktur." Sie ist die Ministerpräsidentin, denkt man. Warum macht sie nicht einfach? Die Eisenbahner allerdings denken das nicht und klatschen, als hätte sie soeben Freibier versprochen. Bei der CDU gilt Malu Dreyer als eine Windel­weiche. Eine, die stets fordere, aber nichts mache. Bei der SPD gilt die forsche Klöckner dagegen als "skrupellos".

Klöckner gegen Dreyer. Zwei Frauen, erstmals. Und man sollte nicht glauben, dass es sanfter zuginge in einem Damenwahlkampf als in den üblichen. Aber dazu kommen wir später.

Als Julia Klöckner 2002 in Berlin aus der Rebstocklandschaft des Guldenbachtals aufploppte, da war sie sogleich das Prachtweib der Partei. Eine Loreley mit Puste­backen. Immer nur lächeln und immer vergnügt. Auf Parteitagen erschien sie aufgeföhnt und in weiß abpaspelierten Blazern, wie sie damals die CNN-Moderatorinnen in Amerika hatten. Sie twitterte frühest, sie war bei Facebook. Ein Glücksfall für die CDU. Einen Freund hatte die Katholikin auch, 22 Jahre älter, Buchautor und Medienentwickler, selten gemeinsam in der Öffentlichkeit. "Wohl noch verheiratet", tuschelten die Kollegen. Egal, man war modern geworden bei den Christdemokraten. Im Februar 2011 legte sie dann ihr Amt als Parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium nieder, um gegen Ministerpräsident Beck anzutreten. Gut 8000 Stimmen haben ihr am Ende zum Sieg gefehlt. Sie blieb als Oppositionsführerin in Mainz und wurde in Berlin Merkels Mädchen.

"Das Ideal von der inklusiven Gesellschaft im Kopf"

Ein Zufall, dass Malu Dreyer Mitte der Neunziger ausgerechnet in Bad Kreuznach Bürgermeisterin wurde; im Geburts- und Wohnort ihrer heutigen Kontrahentin. Sie war Richterin gewesen und Staatsanwältin. Sie hatte zuvor als friedensbewegtes Mädchen Dylans Protestsongs auf der Gitarre gespielt. Mit 13 erklärte Maria Luise Anna Dreyer ihren Eltern, sie heiße ab sofort "Malu". Und immer hatte sie "das Ideal von der inklusiven Gesellschaft" im Kopf. "Das war schon immer mein Thema", so sagt MP Dreyer und kräuselt reflexhaft die Lachfalten auf ihrer Nase, obwohl das gar nicht lustig ist, "lange bevor ich selbst die Einfühlungsbetroffenheit hatte". Einfühlungsbetroffenheit?

Man muss sie sich ziemlich ehrgeizig vorstellen als junge Frau, diszipliniert, feministisch, supersportlich, anstrengend. Bis heute sind ihre Sätze im Abgang manchmal eine Note zu sehr Liebfrauenmilch. Martin Luther King habe sie beeinflusst. Nelson Mandela sei ihr "politisches Vorbild". Willy Brandt, Bob Dylan hätten ihr den Weg ins humane politische Handeln gezeigt. Okay, okay, wer denn auch sonst? Malu Dreyer meint das so. Kein Zynismus, keine Ironie.

Auf die Frage nach ihrem Lieblingslied von Bob Dylan nennt sie: "Josie". Dylan ist für Dreyer, was Pink Floyd für Klöckner ist und der "Deidesheimer Herrgottsacker" für den Saumagen. Er hebt. "Forever Young", "Blowin’ In The Wind" – irgendwas von ­Dylan kennen die Leut immer. Nur dass "Josie" leider von Donovan ist.

Große Politik in der Provinz

Im völlig aus dem Ruder gelaufenen Flücht­lingszustrom organisierten Julia Klöckner und ihre Landtagsfraktion Mitte Januar einen ersten Flüchtlingsgipfel mit 230 Land­räten und Bürgermeistern. Regierungschefin Malu Dreyer forderte im Fernsehen, das Bundesamt für Migration müsse eben mehr arbeiten, oder sie sprach daheim besonnene Sätze.

Lass doch die Konkurrenz Konzepte zu Grenzzentren und Hotspots schreiben! Lass doch die Parteiführung taumeln und streiten. Sie hatte ihren eigenen "Plan A" für "die Menschen, die täglich nach Rheinland-Pfalz kommen". Sie sorgte für die "anständige Unterbringung" der inzwischen 50 000. Sie richtete Integrationskurse ein mit eigenen Programmen, eigenen Bildungsträgern, mit helfenden Richtern und Staatsanwälten. Sie wollte nicht darauf warten, bis der Bund reagierte. Sie ist heute stolz auf das Konzept der Rückführung. Im Ländervergleich steht das gelobte Rheinland-Pfalz für 2015 mit 6004 Rückkehrern an fünfter Stelle bundesweit, gemessen an der Aufnahmequote sogar ganz vorn.

"Eine Mammutaufgabe", sagt sie, und "ein Glück, dass ich da die Fäden in der Hand haben darf und die Möglichkeit habe, das zu gestalten."

Julia Klöckner empfindet das natürlich absolut nicht als Glück. Flüchtlinge, Zuwanderung, Integration, das ist ihr Herzthema! Damit hat sie sich in ihrer Partei eine gewisse Leitrolle erarbeitet! Burka-Verbot, respektlose Imame, Tageskontingente und Strafen für Integrationsunwillige. Die tüchtige CDU-Frau hat viele wunde Punkte durchaus als Erste angesprochen. Und sie hat sie mit Macht zu den Ansichten der Kanzlerin gemacht. Manches in Merkels Asylvorschlägen und Parteitagsbeschlüssen trägt Klöckners Handschrift. Und doch war ihr "Plan A2", der ein Scoop im Vorwahlkampf hätte sein sollen, nach wenigen Tagen schon verdampft. Zu vieles war bereits Monate zuvor von Horst Seehofer gefordert worden oder von der Koalition ins Asyl­paket gepackt. Als sie den Plan nun erneut aus dem Ärmel zog, wirkte es, als falle sie der ohnehin alleingelassenen Kanzlerin auch noch in den Rücken. Die Nerven liegen blank. Kaum ein Tag vergeht, an dem die stellvertretende Bundesvorsitzende nicht mit einem Vorschlag, einem Statement zu irgendwas um die Ecke käme.

Julia Klöckner beim Autorennen

Die rheinland-pfälzische CDU-Herausforderin Julia Klöckner als Beifahrerin in einem Porsche-Rennwagen auf dem Nürburgring.

Dauernd bläst die üppig besetzte Mainzer CDU-Pressestelle Dutzende von Mitteilungen in die Postfächer. Sie teilte sogar liebevoll mit, welches närrische Kostüm die Kandidatin bei der Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz" tragen würde ("200 Jahre Rheinhessen") und dass sie es "natürlich aus eigener Tasche zahlt".

Die Wahlkämpferin Malu Dreyer hatte kein schulterfreies Motto-Kostüm. Aber sie hat zwei beeindruckende Eigenschaften: Stoizismus und Starrsinn. Wenn Klöckner wettert: "Die Roten können nicht mit Geld umgehen", atmet Dreyer die Rügen mitsamt der Opposition einfach weg. "Ich gucke hinter deren Vorwürfe, sehe außer Luftbuchungen nichts und hake ab", sagt sie. Sie lässt Klöckner abtropfen, bleibt cool. Und der Ärger neulich mit der AfD und der von ihr boykottierten Elefantenrunde, den nehme sie in Kauf.

Sie habe immer gesagt, "ich geh nicht mit AfD-Leuten ins Fernsehen, die zum Teil offen rassistisch und antidemokratisch sind". Sie helfe nicht, "denen eine mediale Bühne zu geben". Im Übrigen ist sie auch gar nicht die Parteivorsitzende. Weder im Land noch stellvertretend hinter Sigmar Gabriel.

Malu Dreyer und Sigmar Gabriel

SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer Hand in Hand mit ihrem Parteivorsitzenden  Sigmar Gabriel beim Berliner Parteitag im Dezember 2015.

"Ich hab da meine Haltung", sagt sie. Sogar Parteifreunde legten ihr die Weigerung als Schwäche aus. Aber es ist den Genossen schon klar, dass sie sich angesichts wackeliger Prognosen keine Kritik an ihrer Hoffnungsträgerin erlauben können. Fällt nämlich Mainz, wo die SPD seit 25 Jahren regiert, dann fällt die gesamte Partei. Im Moment führt die CDU in Umfragen mit 35 Prozent. Im Moment liegt die SPD bei 33. Im Land rechnen deshalb viele mit einer großen Koalition. Und in Berlin wird Klöckner bereits als Merkel-Nachfolgerin gehandelt. Irgendwann. Es ist ja kein Geheimnis, dass am 13. März auch über Angela Merkel und deren Flüchtlingspolitik abgestimmt wird.

Dreyers Weg zur Ministerpräsidentin

Malu Dreyer bringt das alles nicht aus der Ruhe. Sie verspricht ihrem Volk weiterhin schnelles Internet bis in die Täler des Hunsrück, gute Schulen auch für die Kinder von Landau, kostenlose Kitas selbst im Westerwald, medizinische Topversorgung bis ins hinterste Eifeldorf. Ja, das ganz besonders.

Dreyer ist 34, als ihr plötzlich beim Inlineskating ein Bein wegrutscht. Eine rare Spielart der multiplen Sklerose wird entdeckt, eine unheilbare Nervenkrankheit. Es gebe dafür keine Medikamente, sagen die Ärzte kühl. Es folgen Reha, Disziplin und irgendwann der Rollstuhl. Die Pfälzerin nimmt die Krankheit, wie sie kommt. Aber sie gibt ihr nicht die Herrschaft über ihr Leben. Dreyer macht weiter Karriere, verliebt sich in den Witwer Klaus Jensen, damals Bürgermeister von Trier. Sie heiratet in Weiß, eine Rose in der Hand. Da ist sie 43.

Sie wird Sozialdezernentin, später Sozialministerin in Becks Kabinett. Sie übersteht als Ministerin eigene Skandale und die der Regierung. Nürburgring-Skandal, Flughafen-Skandal, Schlosshotel-Skandal. Immer geht es um Steuergeld, das in irgendwelchen Großprojekten versaubeutelt wurde. Und am Ende muss irgendein Minister zurücktreten und Kurt Beck entschuldigt sich vor dem Parlament. Im Herbst 2012 macht er dann wie üblich Ferien an der Mosel: "Komm mal auf ein Glas Wein", sagt er, als er sie aus den Ferien anruft, "is’ wichtig." Da fährt Malu Dreyer zu den Becks nach Cochem. "Die Bauchspeicheldrüse", erklärt ihr Kurt Beck, der bekannt dafür war, dass er gern trank und lieber noch aß. Innereien, "Schnüffel" vom Schwein oder "Schniss", wie der Pfälzer sagt. Man mag es sich nicht vorstellen. Aus gesundheitlichen Gründen wolle er das Amt deshalb gern an sie übergeben. Dreyer sagte Ja.

Ministerpräsidentin! Schon damals waren Geländer zur Regierungsbank hin angeschraubt worden, um der Ministerin Halt für die Stufen zu geben. Auf längeren Strecken sah man sie zu jener Zeit oft im Rollstuhl. In ihrer Umgebung hielt man den Arm hin, wenn sie gelaufen kam. Und bis heute schnappt sie sich im Notfall und ohne Ansage einfach eine Hand, die ihr Sicherheit gibt. Neulich sogar die des Bundespräsidenten. Es ist erstaunlich, aber in solchen Momenten wirkt es so, als stütze sie, der man am Gesicht ansieht, wie viel eiserne Kraft es sie kosten muss, mit erhobenem Haupt zu gehen oder an ein Rednerpult zu treten, oft wirkt es, als stütze die Landesmutter auch noch den anderen.

Seit einiger Zeit nimmt sie ein elektrisches Dreirad, wenn sie vorankommen muss. Die Mainzer nennen es "Malumobil". Kinder wollen es ausprobieren. Sie trainiert täglich am Rudergerät. Physiotherapie, zweimal die Woche. Sie will stark sein für die Wahl. Seit dem letzten Reha-Urlaub könne sie wieder ein bisschen schwimmen, verrät sie Mitarbeitern vor Monaten, und auch ein bisschen länger am Stück gehen. In der Staatskanzlei sprechen sie inzwischen von "Wunderheilung". Dreyer sagt, "ich habe ein verantwortungsvolles Amt, das liebe ich, das erfüllt mich, das würde ich zum Wohl der Bürger gern weitermachen. So einfach ist das."

Im Team von Julia Klöckner wissen sie das. Das mit der Krankheit. Und das mit dem Tabu. Die Frage ist: Wie macht man Wahlkampf gegen eine, die – nun, ja – behindert ist?

Natürlich auch mit Argumenten. Und mit viel Geld aus der Zentrale für die PR, die tollen Auftritte (elf!) mit der Kanzlerin; mit einem hinreichend abgebrühten Wahlkämpfer, der früher schon für die Ministerin Merkel Strippen zog und ihr, als sie Generalsekretärin war, während der CDU-Parteispendenaffäre die Kastanien aus dem Feuer holte.

Vor allem aber macht man es mit Sub­botschaften. Im Frühjahr zeigte sich Malu Dreyer bei einem "Raderlebnistag" mit ihrem Mann auf einem Tandem. Es ist eines, auf dem man nebeneinander in die Pedale tritt.

Malu Dreyer bei Radfahren

Malu Dreyer und ihr Ehemann, der Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, beim Radfahren auf dem Tandem. 

Anfangs war ihr das auffällige Ding peinlich. Aber inzwischen ist sie so frei, dass sie sich auch damit hinaustraut. Dreyers Team hatte sich lange schon überlegt, was wohl die Strategie der um mehr als einen Kopf größeren Herausforderin im Kampf um die Macht am Rhein sein würde. Klöckner werde sich, ohne dass die Behinderung angesprochen würde, als Kraftvolle inszenieren, vermutete Dreyer selbst. Unterschwellige Botschaften

Unterschwellige Botschaften

Dann kam Klöckner in neuem Look aus der Sommerpause und gab Fernsehinterviews – auf dem Rennrad. Es gab Fotos von ihr auf dem Rennrad, Fotos mit Fahrradhelm, beim Schnüren der Joggingschuhe. Sie habe das Rennradfahren für sich entdeckt und ganz nebenbei noch einiges abgenommen! Wenn ehrgeizige Dicke plötzlich ganz dünn werden, signalisiert das ja immer, dass sie nach Höherem streben. "Ich bin die Kraftvolle", hieß die Subbotschaft. Trotzdem stiegen Dreyers Sympathiewerte zum Herbst um zehn Prozent. Im Netz kursierten plötzlich Berichte über "Die dunkle Seite der Julia Klöckner".

Die Temperaturwerte am Rhein steigen nun täglich. Vor einer Woche postete der Koblenzer CDU-Lokalpolitiker Daniel Wilms Fotos von Dreyer im Rollstuhl und warf der SPD vor, den Wahlkampf auf der "Mitleidsschiene" zu fahren: "Schämt euch … eure Dreyer soll besser Erwerbsminderungsrente beantragen und abtreten." Die Reaktion im Netz – verheerend, Julia Klöckner distanzierte sich rasch.

Kurz zuvor hatte der SWR gerade den beiden Lagern das Studio-Setting für das einstündige TV-Duell der beiden Politikerinnen im März vorgestellt. Sie werden nun an Sitzpulten platziert, auch die CDU hat schließlich zugestimmt.

Vor Wochen war das noch unklar. Da ­saßen die Herolde und Heroldinnen der beiden Lager erstmals mit Chefredakteur Fritz Frey zusammen. Vier auf jeder Seite. Ein wichtiger Termin, weil nur hier und kurz vor der Wahl die Gegnerinnen in hitziger Atmosphäre direkt aufeinandertreffen. Es gibt viele Möglichkeiten, solch ein Duell auf Augenhöhe zu gestalten, wenn ein Teilnehmer an einer nicht heilbaren Nervenkrankheit leidet oder gar im Rollstuhl sitzt. Klöckners Leute "präferierten" diese: Sie wollten, dass sich die Frauen am 1. März stehend duellieren.

Duell, das heißt schließlich immer, dass einer fällt.

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