12. Dezember 2012, 14:50 Uhr

#sagspeer

Steinbrück im Twittergewitter: Der Kandidat schlug sich gut, musste aber auch viel Spott einstecken, vor allem wegen seiner Nebeneinkünfte. Klar ist: Der Mann hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Von Lutz Kinkel

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"Treten Sie in die SPD ein": Kanzlerkandidat Peer Steinbrück©

Dieser Mittwoch, der 12.12.12, ist laut "Bild" der "magischste Tag des Jahrhunderts" - aber für Peer Steinbrück begann er, wie so häufig in seiner kurzen Karriere als SPD-Kanzlerkandidat, mit einem Holperstart. Der Grund: eine technische Ungeschicklichkeit bei seinem Interview auf der Internetplattform Twitter zwischen 10 und 11 Uhr. Steinbrücks Helfer, der seine Antworten eintippte, setzte das verabredete Stichwort ("Hashtag") #fragpeer in den meisten Fällen nicht hinter dessen Sätze. Deswegen waren die Antworten nicht so einfach zu finden. Die User mussten hin und her switchen: zwischen #fragpeer, um die Fragen zu lesen, und Steinbrücks persönlichem Account, @peersteinbrueck, um alle Antworten zu verfolgen. So richtig geschmeidig lief das nicht. Steinbrück, der Widerborst, der mit neuen Medien bisher so viel am Hut hatte wie Helmut Schmidt mit Nichtraucherinitiativen, musste allein deswegen ein paar spöttische Bemerkungen über sich ergehen lassen.

Hat es sich trotzdem gelohnt? Definitiv. Nicht nur, weil sich zeigte, dass Twitter für Steinbrück eigentlich ein passgenaues Medium ist. Ein Mann, der Interviewfragen gerne mal mit "Ja" oder "Nein" beantwortet und ansonsten die knäppliche, pointierte Aussage pflegt, kommt mit 140 Zeichen gut hin. Vor allem aber waren die Fragen interessant, die sich an den K-Kandidaten richteten. Denn sie spiegeln das Glaubwürdigkeitsproblem, das Steinbrück bereits mit sich herumschleppt. Einer der populärsten Tweets war die ironische Frage, wie viel wohl eine Antwort Steinbrücks kosten würde - wenn er für Reden schon 25.000 Euro bekommt. Der Kandidat parierte die Stichelei nicht. #fragpeer hatte mitunter den Charakter von #sagspeer.

Ein tagespolitisch relevanter Tweet

Über weite Passagen hinweg haute Steinbrück - wie zu erwarten - die Schlagworte seiner neuen, sozialdemokratischen Musteridentität heraus, die er sich für den Krönungsparteitag in Hannover zugelegt hatte, um die Partei hinter sich zu versammeln. Auf die Frage nach der ungerechten Einkommensverteilung in Deutschland antwortete er beispielsweise: "Mindestlohn, Einschränkung Leiharbeit und Minijobs, gleiche Bezahlung Frauen und Männer, Steuererhöhungen in den oberen Etagen." Dass er, der eigentlich konservative Sozialdemokrat, noch nicht vollständig links resozialisiert ist, zeigte sich allenfalls bei Fragen nach einer Erhöhung von Hartz-IV-Sätzen oder der Einführung eines bedingungslosen Grundheinkommens. Solche Vorstöße bügelte Steinbrück kurz und schmerzhaft mit Hinweis auf die Steuerzahler ab.

Zumindest eine Antwort von Steinbrück hatte auch unmittelbare, tagespolitische Relevanz. Die von Schwarz-Gelb erwünschten Steuersenkungen, die an diesem Mittwoch im Vermittlungsausschuss des Bundesrates verhandelt werden, lehnte Steinbrück im Twitter-Interview ab. Sie würden Geringverdienern nur zwei Euro Entlastung im Monat bringen, Besserverdienern aber wesentlich mehr. Die SPD dringt darauf, die Steuersenkungspläne fallen zu lassen und stattdessen nur den Grundfreibetrag zu erhöhen.

Zeit für Bullshit

Steinbrück, der die Anfragen in rasender Geschwindigkeit abarbeitete - im Schnitt setzte er so zirka alle 80 Sekunden einen Tweet ab - nahm sich seltsamerweise auch Zeit, Bullshit zu beantworten. Beispielsweise die Frage, ob er sich vor dem Weltuntergang noch schnell einen Doktortitel holen wolle. Steinbrück: "Wie kommen sie bei mir auf die Idee?" Oder er parierte den Einwurf "Wo bleibt mein Bier?" mit "Ist das eine konkrete Frage oder ihre Art von Humor?" Da hätte er mal lieber noch zwei Takte zu seinen Nebeneinkünften sagen sollen.

So richtig gemein machen mit dem Volk mochte sich Steinbrück andererseits auch nicht. Ein User, der das lässig klingende, von der SPD gesetzte Hashtag #fragpeer wörtlich nahm, fragte höflich nach: "Dürfen wir Sie jetzt immer und überall Peer statt Herr Steinbrück nennen?" Antwort des Kandidaten: "Treten Sie der SPD bei, dann können sie mich auch duzen. Ich bin weder anbiedernd noch distanziert." Diese Eigenschaft wird Steinbrück noch auf tausenden Marktplätzen der Republik, über die er während des Wahlkampfs touren wird, unter Beweis stellen müssen.

Von Oktober bis Dezember

Für einen Mediendinosaurier, der Steinbrück nun mal ist - vermutlich beantwortete er auch deswegen keine Fragen zur Netzpolitik - schlug er sich nicht schlecht. Twitter verlang den kurzen, schnellen Dialog, Steinbrück bringt die dafür notwendige Schlagfertigkeit und Chuzpe mit. Der Papst, der an diesem Mittwoch ebenfalls angefangen hat zu twittern, will dem Vernehmen nach nur drei Fragen beantworten. Aber die Antworten des Papstes brauchen ja auch eine längere Mindesthaltbarkeitsdauer, ein paar Jahrhunderte sollten es schon sein. Steinbrück kann da flexibler reagieren. Noch im Oktober hatte er gesagt: "Ich twittere nicht. Facebook machen meine Mitarbeiter." Nun haben wir Dezember.

Von Lutz Kinkel
 
 
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