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300 Milliarden Wiedergutmachung für Nazi-Terror

Zur Begleichung von Kriegsschäden sollte Griechenland 30.000 Tonnen Industriegüter von Deutschland bekommen. Geliefert wurde nichts - bis heute für viele Hellenen eine Wunde.

Von Andreas Albes

  Deutschand müsste den Griechen noch 70 Milliarden Euro überweisen. Dass das Geld aber wirklich fällig wird, ist unwahrscheinlich.

Deutschand müsste den Griechen noch 70 Milliarden Euro überweisen. Dass das Geld aber wirklich fällig wird, ist unwahrscheinlich.

Die Zahl kennt in Griechenland jedes Schulkind: 300 Milliarden Euro. Soviel schuldet Deutschland den Griechen als Wiedergutmachung für Schäden und Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. Das jedenfalls haben griechische Historiker ausgerechnet. Weshalb die Vorstellung verbreitet ist, Berlin habe im Grunde überhaupt kein Recht auf irgendwelche Ansprüche gegenüber Athen. Ja, eigentlich müsste es noch ein paar Milliarden drauflegen. Schließlich haben die Deutschen bislang nur 37 Milliarden Euro zu den Rettungspaketen für Griechenland beigesteuert. Neu sind derlei Forderungen nicht. Doch jetzt, wo die Gesellschaft unter der Schuldenlast ächzt, werden sie heftiger denn je diskutiert. Vergangene Woche richtete das Finanzministerium in Athen eine Arbeitsgruppe ein, die nach alten Dokumenten suchen soll, um sie zu belegen.

Fakt ist, die Griechen gehören zu jenen Nationen, die am meisten unter den Nazis litten. Ihnen wurde ihr Widerstandswille zum Verhängnis. Den Anfang machte ein legendäres Telegramm, das der in Athen herrschende Diktator General Metaxas im Oktober 1940 ans faschistische Italien schickte - als Reaktion auf Mussolinis Ultimatum zur Kapitulation. Es enthielt den schlichten Text "ochi" (nein), weshalb die Griechen bis heute jeden Oktober den "Ochi-Tag" feiern. Kurz darauf griffen die Italiener Griechenland an und wurden, obwohl zahlenmäßig überlegen, bis weit hinter die albanische Grenze zurückgedrängt.

Jetzt war Hitler gezwungen, seine Truppen zu schicken. Auch die stießen auf massive Gegenwehr. Als die Nazis am Ende gesiegt hatten, errichteten sie ein brutales Besatzungsregime, um aller Welt zu zeigen, was kleinen Ländern passiert, die sich nicht unterwerfen. Auf Kreta, das besonders umkämpft war, erging der Befehl, für jeden gefallenen Wehrmachtssoldaten zehn Kreter zu erschießen. 30 Inseldörfer wurden vernichtet. Insgesamt starben durch die Besatzung zwischen 1941 und 1944 mehr als 80.000 Griechen. 7,2 Prozent der Bevölkerung.

Zinslose Kredite für Hitler

Gleichzeitig ließen die Faschisten Produktionsmittel wie Autos und Maschinen nach Deutschland verfrachten. Ebenso die Ernte der Bauern. Die Kosten der Besatzung ("Aufbaukosten" genannt) musste Athen selbst tragen. Es dauerte nicht lange, da brach die Wirtschaft total zusammen. Historiker haben berechnet, dass Griechenland nach Polen, der Sowjetunion und Jugoslawien den größten materiellen Schaden im Krieg davontrug. Eine Schlüsselrolle bei den heutigen Forderungen Athens spielt die Tatsache, dass Hitler die griechische Nationalbank zwang, dem Dritten Reich zinslos Geld zu leihen. Die Gesamtsumme dieser Staatsanleihe betrug 476 Millionen Reichsmark, was heute zehn Milliarden Euro entspricht.

Im Herbst 1945 fand in Paris die erste Konferenz statt, in der über die Reparationen verhandelt wurde. Griechenland forderte damals zehn Milliarden US-Dollar, was von allen Konferenzteilnehmern als überzogen angesehen wurde. Vor allem die USA waren immer gegen zu hohe Reparationsansprüche, um die Entwicklung der Demokratie in Deutschland nicht zu gefährden. Und um ein zweites Weimar zu verhindern. So wurden Griechenland lediglich Sachleistungen zugesprochen: 30.000 Tonnen deutsche Industriegüter im Wert von rund 25 Millionen Dollar (heute ungefähr zwei Milliarden Euro). Diese Waren haben Griechenland jedoch nie erreicht.

Athen sei fahrlässig damit umgegangen, so Heinz Richter, Professor für neugriechische Geschichte, in der "Financial Times Deutschland". 1950 seien 10.000 Tonnen auf Schiffe verladen worden, aber nicht in Griechenland angekommen. Den Rest von 20.000 Tonnen hätten die Griechen im Hamburger Hafen vor sich hin rosten lassen. Schließlich wurden die Maschinen und Rohstoffe an die Briten verkauft. 1953 dann habe Bonn den Griechen als "verkappte Reparation" einen Investitionskredit von 200 Millionen Mark gewährt. 1960 schlossen die Bundesrepublik und Griechenland einen Vertrag, wonach 115 Millionen Mark für die Opfer von Naziverbrechen bezahlt werden sollten. Im Gegenzug erging die Verpflichtung, keine weiteren Forderungen nach individuellem Schadenersatz mehr zu stellen. Die 115 Millionen wurden gezahlt, doch das Geld sei versickert, erklärt Heinz Richter.

Das soll kein Präzedenzfall werden

Das Bergdorf Distimo in der Nähe von Delphi verlangt bis heute 37,5 Millionen Euro von den Deutschen. Dort hatte die vierte SS-Polizei-Panzergrenadier-Division 1944 eines der schlimmsten Massaker des Zweiten Weltkriegs angerichtet. Bei einer Vergeltungsaktion wurden 218 Einwohner, vor allem Frauen und Kinder, auf bestialische Weise ermordet. Ein griechisches Gericht verurteilte Deutschland deswegen Ende der 90er-Jahre zur Zahlung von 28 Millionen Euro. Aber Staaten besitzen Immunität, und deshalb war der Richterspruch eher symbolisch. Inzwischen liegt der Fall beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Die 300 Milliarden Euro Wiedergutmachung, die in der griechischen Presse immer wieder auftauchen, sind die Gesamtsumme aller Forderungen inklusive diverser Zinsen. Die deutsche Seite argumentiert, man habe alle Schulden dem Völkerrecht entsprechend beglichen. Das hat auch Griechenland bei den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung offiziell anerkannt. Die größte Chance auf ein paar Milliarden aus Berlin hat Athen theoretisch wegen der von Hitler erwirkten Zwangsanleihe über 476 Millionen Reichsmark. Nämlich dann, wenn die Summe nicht als Kriegsschaden, sondern als gewöhnlicher Kredit bewertet würde. Inklusive aller Zinsen stünden den Griechen dann 70 Milliarden Euro aus Berlin zu. Doch Experten erwarten keine sensationellen Entscheidungen mehr in der Diskussion um die Reparationen. Allein deshalb, weil kein Präzedenzfall geschaffen werden soll. Auch die von den Griechen eingesetzte Arbeitsgruppe wird daran wenig ändern. Geschichtsprofessor Heinz Richter sieht in der Forderung der Griechen vor allem eines: "Ablenkung der Wut der Bürger nach außen."

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