10. Oktober 2012, 11:38 Uhr

Die Kohl-Marke, selbst gemalt und abgestempelt

Am Donnerstag kann sie jeder kaufen: die Kohl-Sondermarke. Damals, in den 80ern, war Altkanzlers Konterfei schon mal im Umlauf - und viele schräge Motive mehr. Ein Besuch bei Stefan Lochmann. Von Lutz Kinkel

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"Reiz des Verbotenen": Briefmarkenstylist Stefan Lochmann, 54©

Am Donnerstag ist es soweit. Die Sondermarke zu Ehren von Altkanzler Helmut Kohl liegt bei den Postämtern zum Verkauf, Wert: 55 Cent. Das gute Stück ist nassklebend, nicht selbstklebend, Kohl muss also abgeleckt werden, wie der Münchner Briefmarkenexperten der Post mit feiner Ironie erklärt. Die Auflage der Marke liegt bei fünf Millionen, vielleicht trifft der Gegenwert in etwa die von Kohl eingesackte Summe geheimer Spenden, aber das ist pure Spekulation. Grundlage des Motivs ist ein Bild des Fotografen Daniel Biskup, der mit dem Altkanzler sehr vertraut ist.

Stefan Lochmann, 54, ein Wiesbadener Grafikdesigner, wird nicht ins Postamt stürmen - er hat schon Kohl-Marken, seine eigenen. Selbst gezeichnet, verschickt und von der Post abgestempelt. Es sind kleine, satirische Memorabilia aus seinen Studientagen an der Fachhochschule, rund 130 Stück insgesamt, und Kohl ist nur ein Motiv von vielen. Es gibt auch einen breiigen Franz-Josef Strauß, Ronald Reagan im Darth-Vader-Kostüm, einen hysterischen Börsenhändler und, ironischer Höhepunkt, einen Postboten mit Blindenbinde. Selbst dieses Motiv landete, unbemerkt und unbeanstandet, im Briefkasten von Lochmanns Freunden, zu denen auch die Familie des Verfassers gehört. stern.de zeigt erstmals eine Auswahl der Marken.

Bisschen Comic, bisschen Anarcho

Niegelnagelneu war die Idee nicht, selbstgemalte Briefmarken in Umlauf zu bringen, solche Spaßaktionen gab es vereinzelt schon vor Jahrzehnten. Lochmann ließ sich von dem Lehrer und Satiriker Winfried Bornemann inspirieren, der Anfang der Achtziger mit gefakten Schreiben ("Briefmacken") Furore machte. Lochmann: "Ich dachte mir: Was der kann, kann ich auch - und besser." So entstand zwischen 1983 und 1986 in mühevoller Handarbeit seine ganz spezielle Briefmarkenserie. Was darin steckt? "Ein bisschen Comic, ein bisschen Anarcho, ein bisschen der Reiz des Verbotenen", sagt Lochmann und nippt grinsend an seinem Milchkaffee.

20 bis 30 Minuten habe er pro Marke gebraucht, erklärt der Grafikdesigner. Das System: Lochmann kaufte Originalmarken und schnitt in der Größe des bereits vorhandenen Motivs ein Stück hauchdünnes Layoutpapier aus. Darauf legte er mit Magic Markern und Rotring-Rapidographen seine eigenen Zeichnung an. Damit das Originalmotiv nicht durchscheint, pinselte er es mit Tipp-Ex weiß aus, bevor er das neue Motiv mit Sprühkleber befestigte. Der Wert der Marke blieb unverändert, und Lochmann achtete peinlich genau darauf, seine Post weder über- noch unterzufrankieren. Lohn der Mühe: Etwa 70 Prozent der Briefe erreichten das Ziel, selbst solche, die mit völlig absurden Motiven frankiert waren. Zum Beispiel einem Autofahrer, der mit Gasmaske im offenen Cabrio sitzt. Titel: "100 Jahre Automobil".

Spottlust und Denkmalisierung

Lochmann, der später als Artdirector Karriere in großen Frankfurter Werbeagenturen machte und heute selbstständig ist, hat seine Sammlung nie öffentlich gezeigt. Die Briefe liegen, fein säuberlich in einen schwarzen Folder einsortiert, in seinem Wiesbadener Büro. Einen korrekten Absender haben sie alle nicht, "weil ich schon damals wusste, dass das Urkundenfälschung ist", sagt Lochmann schmunzelnd. Das bestätigt im Übrigen auch der Münchner Briefmarkenspezialist der Post, wenngleich er zwischen den Zeilen erkennen lässt, dass bei künstlerischen Aktionen wie diesen nicht gleich das SEK losgeschickt werde. Schließlich gehe es den Tätern ja nicht darum, die Post zu schädigen, sondern um Satire. Und fürs "Derblecken" gibt es in der CSU-Monarchie Bayern schon ein gewisses Verständnis.

Was hat ihn überhaupt auf Kohl gebracht? "Och, irgendwann hab ich gedacht: Machste mal Politiker", sagt Lochmann. Natürlich habe er eher Politiker karikiert, die er damals nicht gewählt habe, "da gab es das Bedürfnis, sie hops zu nehmen." Geschadet hat es Kohl und Kollegen eindeutig nicht. Nachdem Lochmann seine Serie 1986 beendet hatte, regierte der Pfälzer noch 12 Jahre weiter, was sich damals niemand so recht vorstellen konnte. Ebensowenig wie die Tatsache, dass Kohl - Spenden hin, Einheit her - entgegen der Tradition noch zu Lebzeiten mit einer Briefmarke geehrt werden würde. Die Denkmalisierung des Altkanzlers hat inzwischen die Spottlust der 80er überholt. Was jedes Postamt ab Donnerstag dokumentieren wird.

 
 
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