"Ich schäme mich manchmal für die politische Klasse"

19. Juni 2013, 10:00 Uhr

Es geht: Ein Gespräch mit Finanzminister Wolfgang Schäuble muss sich nicht um die Eurokrise drehen. Im stern spricht er über Angela Merkel, die Homo-Ehe und das Benehmen der politischen Klasse. Von Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz

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41 Jahre - und kein bisschen müde: Wolfgang Schäuble möchte der längstgediente Bundestagsabgeordnete werden.©

Er rollt und rollt und rollt. Wolfgang Schäuble sitzt an diesem Donnerstag seit exakt 14.800 Tagen im Bundestag, fast 41 Jahre lang, und er hat immer noch nicht genug. Im September will er sich zum zwölften Mal ins Parlament wählen lassen. Warum? Ganz einfach: "Weil ich sonst Richard Stücklen nicht als längstgedienten Abgeordneten aller Zeiten ablösen würde, ein paar Monate fehlen noch", sagte Schäuble im Gespräch mit dem stern.

Ein typischer Schäuble-Satz: nicht ganz ernst gemeint, spöttisch-selbstironisch – aber deshalb noch lange nicht falsch. Vollkommen ernst gemeint ist dagegen ein anderes Vorhaben: Wolfgang Schäuble kann sich gut vorstellen, weitere vier Jahre lang Bundesfinanzminister zu bleiben, falls die Union im Herbst die Wahl gewinnen sollte. Er kandidiere "jedenfalls nicht für den Bundestag, um dann die Beine hochzulegen", sagte der CDU-Politiker dem stern.

Zweifel an seiner Gesundheit seien zwar legitim, er habe aber "erfreulicherweise eine sehr gute Grundkonstitution. Mein Internist meint, ich habe einen Ruhepuls wie Eddy Merckx", so Schäuble, der im September seinen 71. Geburtstag feiert und seit 23 Jahren im Rollstuhl sitzt. Seine Frau Ingeborg ist allerdings, so Schäube, "seit Jahren dagegen, dass ich weitermache". Sie hat aber offenkundig resigniert: "Du wirst immer wieder einen Grund finden", zitiert Schäuble sie.

"Ich küsse keine Männer"

Gegenüber dem stern räumte Schäuble ein, er habe lange kein "hinreichendes Maß an Verständnis" für die Homo-Ehe gehabt. "Es fällt mir auch jetzt nicht leicht, aber wenn die große Mehrheit dafür ist, muss man das akzeptieren. Wir können anderen nicht vorschreiben, wie sie leben sollen." Er selber sei "in vielerlei Hinsicht" lieber mit Frauen zusammen, "weil's einfach schöner ist. Ich küsse keine Männer", so Schäuble. Sehnsucht nach der guten alten Zeit verspüre er trotzdem nicht. "Die Älteren sollen sich davor bewahren zu glauben, früher sei alles besser gewesen. Die Welt wird anders. Die Jungen leben anders. Und? Schön."

Nicht völlig überraschend sang Schäuble ein Loblied auf seine Kanzlerin und nahm sie dabei ausdrücklich gegen den Vorwurf in Schutz, sie sei zu zauderhaft. "Angela Merkel überlegt sich's lange, sie überlegt sich's gründlich, aber es wäre ein Irrtum zu glauben, sie würde nicht entscheiden", so Schäuble. Er bescheinigte ihr "Herrschaftswillen, ein gut ausgeprägtes Machtbewusstsein und ein klares Ego". Sie habe es allerdings nicht nötig, ihren Machtanspruch so zu demonstrieren wie ihre Vorgänger. Schäuble weiter: "Die testosterongesteuerten Typen haben es heute schwerer, weil sie vorher von den immer stärker werdenden Frauen zurechtgestutzt werden."

Mit Blick auf seine Politiker-Kollegen sagte Schäuble: "Ich schäme mich manchmal für das Verhalten der politischen Klasse insgesamt." Zu den wenigen lateinischen Sprüchen, die er sich gemerkt habe, gehöre: Quod licet jovi, non licet bovi. "Das heißt eben nicht nur: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochs nicht erlaubt. Sondern auch: Jupiter kann sich nicht benehmen wie der Ochs. Das wird manchmal leider vergessen", so Schäuble zum stern.

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Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz
 
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