Vietnams Schatzinsel

Die Küste des Landes ist 3000 Kilometer lang, aber nur hier kann man die Sonne im Meer so schön untergehen sehen: auf Pou Quoc, der größten Insel Vietnams. Touristen sind dort die Ausnahme. Noch! Von Wolfgang Röhl

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Palmenhütten am Sao Beach auf Phu Quoc: Tourismus wie vor 30 Jahren.©

Warum nehmen so viele Orte Bezug auf andere Orte? Hamburg will das Venedig des Nordens sein, Binz das Nizza des Ostens, Saigon das Paris des Ostens. Und Phu Quoc? Das ist - hört, hört! - das "Ko Samui Vietnams"! Aber wo zum Teufel liegt Phu Quoc?

Blick über den Mopedlenker, wie ein Ritt über die Farbpalette. Die staubige rote Piste. Das hohe Blauweiß des Himmels. Das fette Grün der Kokospalmen. Im Beiprogramm Geruchsfetzen, die mit den Örtlichkeiten wechseln. Odeurs von Brackwasser und Gammelfisch, wenn die Honda über eine schmale Holzbrücke an einem der in der Hitze dösenden Häfchen brummt. Palmölaromen und Hähnchendüfte, wenn sie Garküchen passiert. Immer weht ein kühler Fahrtwind, während der kleine Viertaktmotor vor sich hin blubbert.

In den Norden. Roten Staub schlucken, wenn Lastwagen entgegendonnern. Über ungeteerte Wege durch tropisch-üppige Vegetation ans Meer. Vor den Hütten trocknen Pfefferkörner in der Sonne. Tintenfische dörren auf Maschendraht. Im äußersten Nordwesten des Eilands, dessen Form Südamerika gleicht, liegt die Bucht Ganh Dau. Ein paar blau und türkis angemalte Fischerboote schaukeln fotogen im klaren Wasser vorm Strand. Die Fischer hocken in den beiden Lokalitäten der Bucht und tratschen.

Heimatstolz

Wir sitzen Limonade trinkend im Schatten des Wellblechdachs, in Gesellschaft eines Köters, dessen Rückenfell einen Grat aufweist. Die Rasse ist als Phu-Quoc-Hund bekannt. Die Insulaner sind stolz darauf. Ihre Hunde kämen nur hier vor, behaupten sie. Only on Phu Quoc! Manche Experten meinen aber, es handele sich um Nachfahren der Rhodesian Ridgebacks, die irgendwann von arabischen Händlern eingeführt worden seien. Uns ziemlich schnuppe. Wir kraulen den Rassekläffer und gucken auf das selbstzufrieden gluckernde Meer. Warum nicht den ganzen Tag hierbleiben, baden, am Strand spazieren gehen? Sich den Bauch mit fangfrischen Meeresfrüchten vollhauen? Schließlich siegt das Pflichtgefühl. Wir wollen sie von oben bis unten abklappern, unsere neue Entdeckung. Dabei kennen wir die Insel doch längst, klarer Fall von Déjà-vu.

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Verkäuferinnen auf einem Gemüsemarkt auf Phu Quoc.©

Ihre Strände, Wege, Wälder, Dörfer, ihre Menschen, in allem ähnelt sie wirklich frappierend dem alten Ko Samui. Die Insel Samui im Golf von Thailand war eine Legende der 70er und 80er Jahre. Ein Abenteuerspielplatz für Jungvolk aus dem Westen, mit strohgedeckten Hütten ohne Strom, nächtlichen Thaiwhisky-Cola-Räuschen und Beachpartys unter der Schirmherrschaft von Frau Mari Huana. Dann legten sie dort eine Flugpiste an. Bald darauf kamen die Hotelketten. Sie wissen, liebe Leser, was aus Samui wurde? Oder wie es mit Phuket begann, und wie es dort jetzt aussieht? Okay.

Phu Quoc ist der Versuch der Wiederinbesitznahme eines verschüttgegangenen Traums. Ganz konkret, nicht bloß im Kopf. Was uns hierher gelockt hat, ist diese magische Referenz der Reiseführer: "Wie Samui vor 30 Jahren". Wollen wir sehen.

Endlose Küste

Der Sonnenuntergang, um 17.45 Uhr von der Bar-Terrasse des Drei-Sterne-Hotels "Thien Hai Son" betrachtet, kriegt schon mal die Punkte-Höchstzahl. Durch Palmenfächer auf Meer und Horizont blicken und auf die schnell hereinbrechende Dunkelheit warten. Das wird rasch zum Ritual, wenn man am Long Beach logiert. Phu Quocs Westen ist das einzige touristische Stück Vietnam - ein Land mit Tausenden von Küstenkilometern -, von dem aus man die Sonne im Meer versinken sehen kann.

Der Strand, rund 20 Kilometer lang, beginnt unmittelbar südlich des Hauptortes Duong Dong. Jenseits der Straße, die an etwas schickeren Anlagen wie Ein kleiner Tempel und ein aktiver Leuchtturm teilen sich den Platz auf einer Mini-Insel in der Nähe des Hauptortes Duong Dong Blue Lagoon vorbeiführt, haben sich kleine Lokalitäten eingenistet, die den Hotelrestaurants Gäste abjagen. Das Rock Inn zum Beispiel. Jeden Abend fällt in der gehobenen Garküche für ein Weilchen der Strom aus. Der Service, schnell und freundlich, geht bei Kerzenschein unverdrossen weiter. Das Bier kalt, die Suppen authentisch, das Essen würzig, aber nur mäßig scharf wie überall in Vietnam, die Rechnung stets korrekt - so generiert man Stammgäste. Das Rock Inn ist ein beispielhaftes Partikel des vietnamesischen Wirtschaftswunders. Von der sozialistischen Kommandowirtschaft faktisch befreit, überschlagen sich in Vietnam die entfesselten Produktivkräfte nur so.

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