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4. Juli 2010, 08:43 Uhr

Schweinsteiger - der bessere Messi

Es war vielleicht das beste Spiel seiner Karriere: Bastian Schweinsteiger führte die DFB-Auswahl zum furiosen 4:0-Erfolg über Argentinien. Er ist das Scharnier im deutschen Spiel - und noch mehr. Von Klaus Bellstedt, Kapstadt

WM 2010, Südafrika, Argentinien, Deutschland,  Bastian Schweinsteiger, Lionel Messi

"Meine Leistung war gut": Bastian Schweinsteiger bleibt auch nach dem Sieg über Argentinien nüchtern und sachlich© Clive Mason/Getty Images

Irgendwie mussten sie etwas geahnt haben. Die deutschen Nationalspieler schmunzelten vor dem Anpfiff des WM-Viertelfinales gegen Argentinien. Der eine mehr, der andere weniger. Lukas Podolski erhielt noch im Kabinengang eine letzte Anweisung von seinem Trainer. Kurz vor dem Herauslaufen auf den Rasen des "Green Point Stadium" musste der Kölner grinsen. Er biss sich dabei auf die Zunge. Der Moment dauerte nur ein Sekunde, aber er war vielsagend. Auch Mesut Özil sah beim Abspielen der Nationalhymne seltsam vergnügt aus. Einer aber schien die beste Laune von allen zu haben: Bastian Schweinsteiger. Der "emotionale Leader" hatte vor dem Anpfiff von Schiedsrichter Irmatov sogar noch die Zeit, seiner Freundin Sarah Brandner einen fliegenden Kuss zukommen zu lassen. Er tat es mit einem schelmischen Lachen auf dem Gesicht. Ahnte er, dass kurz danach das Spiel seines Lebens beginnen würde?

Joachim Löw hatte sich für diese Partie gegen ein scheinbar übermächtiges Argentinien eine ganz besondere Taktik einfallen lassen - und seine Spieler wollten sie endlich auf dem Fußballplatz auch anwenden. Es war die Vorfreude auf das, was da folgen würde, das die Truppe aus der Distanz so leicht und locker erscheinen ließ. Von Beginn an schnürte das Team den Gegner ein. Überfalltaktik nennt man so etwas wohl. Es war ein genialer Schachzug des Trainers. Löw wusste vorher: Zwingt man den Offensivzauberern um den besten Fußball der Welt, Lionel Messi, das eigene Spiel auf, geht man vielleicht sogar früh in Führung, dann kann man in diesem Spiel auch als Außenseiter gewinnen.

Argentinien fand nie ein Mittel
Argentinien lag bei dieser WM zuvor in keinem Spiel in Rückstand. Nach dem Treffer von Thomas Müller konnte man das der Mannschaft von Diego Maradona auch anmerken. Im Grunde fand einer der heißesten Mitfavoriten auf den Titel in den gesamten 92 Spielminuten von Kapstadt nie ein Mittel, um der deutschen Mannschaft richtig gefährlich zu werden - weil die so dominant auftrat. Das war die eigentliche Überraschung des sonnigen Winternachmittags am Kap.

"Das, was das Team heute an Willenskraft an den Tag gelegt hat, hatte Champions-Niveau", Joachim Löws Lob nach dem nie gefährdeten 4:0-Erfolg viel hoch aus. Ungewöhnlich hoch. Champion darf sich der nennen, der am Ende eines Turniers den Pokal in den Händen hält. Löw ist kein Traumtänzer. Er weiß, dass seine Mannschaft hier in Südafrika für den ganz großen Wurf bereit ist. Das liegt vor allem auch an Bastian Schweinsteiger, der gegen Argentinien bereits im Viertelfinale wie ein echter Champion auftrat. Schon wieder könnte, man meinen. Denn Schweinsteiger, der Kapitän ohne Binde, führte das Team ja auch schon gegen England im Achtelfinale zum Sieg - wenn auch etwas unauffälliger als an diesem Samstag.

Schweinsteiger - Herz und Motor
Man merkte den Argentiniern an, dass sie Respekt vor diesem Mann mit der Rückennummer 7 hatten, über den Bundestrainer Joachim Löw sagt, er sei Herz und Motor der Mannschaft. Und der Motor stotterte nicht, er lief, als hätte es nie dieses Zwicken im linken Muskel gegeben. Schweinsteiger - weiße Schuhe, weiße Schweißbänder - gab die Richtung vor. Er war das Scharnier im Spiel der Deutschen, er forderte den Ball, nahm Tempo auf, wenn es der Platz denn erlaubte, und trat auf den Ball, wenn es hektisch wurde. Gegen Argentinien ermöglichte er den Kollegen so auch immer wieder Phasen der Orientierung. Wenn Schweinsteiger es wollte, stand alles still im "Green Point Stadium". "Es war ein grandioses Länderspiel von Bastian Schweinsteiger. Wie er gearbeitet hat, wie er das Team in der Organisation geführt hat. Bei fast jedem Angriff war er mit dabei. Besser kann es nicht machen. Bastian war herausragend in dieser Partie, in jeder Beziehung", schon wieder geizte der Bundestrainer hinterher nicht mit Lob. Schon wieder lag er goldrichtig.

Schweinsteiger ist keine stattliche Erscheinung, auch wenn er stets die Brust rausdrückt. 1,83 Meter, steht in seinem Spielerpass, bei 77 Kilogramm Körpermasse. Und doch ist der Akteur des FC Bayern immer präsent. Gegen Argentinien war das nicht anders - hinzu kam eine neue Form der Effektivität. Vor dem 1:0 durch Thomas Müller streichelte Schweinsteiger den Ball beinahe in den Strafraum, seine Flanke führte erst zum Torerfolg. Und dann erst das 3:0. Es lief die 74. Minute, als sich der 25-Jährige im Stile von Lionel Messi anschickte, die halbe argentinische Hintermannschaft mit Körpertäuschungen, Dribblings und angedeuteten Pässen zu narren, um dann den tödlichen Ball zu spielen, den Arne Friedrich dankbar verwertete. Schweinsteiger war gegen Argentinien der bessere Messi.

Was war mit dem teuflischen Angriffsdreieck?
Und das Original? Was war mit ihm? Was war mit Argentiniens teuflischem Angriffsdreieck bestehend aus Messi, Tevez und Higuain? "Wir haben es geschafft, diese drei zu eliminieren"; sagte Löw. Der Trainer hob bei seiner Analyse neben dem Tor-Phänomen Miroslav Klose und seinem Spiritus Rector Bastian Schweinsteiger explizit den Defensivverbund seiner Mannschaft hervor. "Die Abwehr hat Messi aus dem Spiel genommen. Wir haben ihn immer wieder ohne Foulspiel unter Druck gesetzt. Es war eine Kombination aus hoher Disziplin in der Defensive und dem Willen, die langen Wege zu gehen."

Aber zurück zum Matchwinner. "Meine Leistung war gut", Bastian Schweinsteiger wollte sich partout nicht länger über sein geniales Spiel gegen Argentinien äußern. Als sein Trainer noch über das Vergangene dozierte, dachte er schon wieder über die Zukunft nach. "Jetzt wünsche ich mir im Halbfinale Spanien. Ich spiele immer am liebsten gegen die stärksten Teams", Schweinsteiger lachte schon wieder schelmisch. Dann stieg er in den Mannschaftsbus. "Germany, on the way to get the cup", steht auf dem Lack des Gefährts. Nächste Ausfahrt Durban. Mittwoch. 20.30 Uhr. WM-Halbfinale.

P.S.: Kann die deutsche Nationalelf jetzt den WM-Titel gewinnen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Von Klaus Bellstedt, Kapstadt
 
 
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