Fehler im System

9. Februar 2013, 16:35 Uhr

Wütende Fans, eine undisziplinierte Mannschaft und ein Trainer ohne Kredit - beim FC Schalke passt aktuell nichts zusammen. Die Krise der Königsblauen könnte auch Manager Heldt in Bedrängnis bringen. Von Maximilian Koch

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Optimismus sieht anders aus: Jens Keller und Schalke 04©

Horst Heldt war sich in dieser Woche wohl selbst nicht so sicher, wie er mit der Krise "auf" Schalke umzugehen hat. In den Tagen nach der 1:2-Blamage gegen den Tabellenletzten Greuther Fürth sollten seine Worte noch bedrohlich klingen: "Es wird Konsequenzen geben", sagte der Manager der "Königsblauen", und damit war nicht Trainer Jens Keller gemeint, sondern die Schalker Mannschaft. Wie genau diese Konsequenzen aussehen würden, erklärte Heldt nicht – doch seine Botschaft war klar: Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Die Mannschaft steht jetzt in der Pflicht. Ich greife durch!

Im Laufe der Woche setzte bei Heldt aber offensichtlich ein Sinneswandel ein. Je näher das Spitzenspiel beim FC Bayern (heute, 18.30 Uhr/live bei Sky und im stern.de-Liveticker) rückte, umso gemäßigter äußerte sich Heldt. Seine neue Idee: das aufgebrachte Umfeld der Schalker beruhigen, Zuversicht ausstrahlen. Die Saison sei ja noch lange nicht zu Ende, ließ Heldt verlauten: "Wir sind in der Lage, das Ganze noch zu drehen. Dazu haben wir die Qualität." Heldt hatte noch eine weitere Botschaft vorbereitet, die die gleiche, naja zumindest eine ähnliche Motivation in sich trug: für Ruhe sorgen. Und so verkündete Heldt, dass Coach Keller in jedem Fall bis zum Sommer Trainer in Gelsenkirchen bleibe.

Kellers schwerer Stand bei den Fans

Wahrscheinlich wusste Heldt, dass er mit dieser Aussage niemanden im Umkreis der Schalker Arena beruhigen würde. Der Trainer Keller hat schon nach vier Pflichtspielen jeglichen Kredit bei den Fans verspielt. Im Prinzip besaß er nie welchen. Überraschen konnte Heldts Bekenntnis zu Keller trotzdem nicht – denn Keller ist sein Mann. Er hat ihn vom B-Jugend-Trainer zum Coach eines Champions-League-Achtelfinalisten gemacht und ist damit ein großes Risiko eingegangen. Heldt weiß, dass ein Scheitern von Keller, zu dem er seit gemeinsamen Tagen in Stuttgart ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, auch sein Scheitern wäre.

Und womöglich ist dieser Zeitpunkt schon bald erreicht. Unter Kellers Regie gelang in vier Spielen nur ein Sieg, das 5:4 zum Rückrundenstart gegen Hannover. Schalke ist bis auf Platz sechs abgestürzt, die direkte Champions-League-Qualifikation liegt in weiter Ferne. Setzt sich dieser Trend fort, wird Keller das Saisonende "auf" Schalke wohl nicht erleben. Viele Fans lehnen den neuen Coach, der bei seinem ersten Trainer-Intermezzo in Stuttgart durch unkollegiale Äußerungen gegenüber seinem Vorgänger Christian Gross aufgefallen war, schon jetzt offen ab. Am Samstag, bei der Niederlage gegen Fürth, reagierte das Publikum mit wütenden Pfiffen, als Keller Publikumsliebling Julian Draxler auswechselte.

Und auch sportlich scheint sich der Tausch auf der Trainerbank nicht auszuzahlen: S04 wirkt genauso verunsichert wie unter Stevens, es fehlt weiter ein Konzept, vieles im Spiel nach vorne basiert auf Einzelaktionen und Zufall.

Disziplinlosigkeiten ziehen sich durch die Saison

Zweifellos: Die Bedingungen für Keller sind in Gelsenkirchen alles andere als leicht. Zum einen schon deshalb, weil er auf Schalkes "Jahrhunderttrainer" Stevens folgte, der bei den Zuschauern ungemein beliebt war. Zum anderen würde die Mannschaft der "Königsblauen" wohl auch jeden anderen Bundesligatrainer vor Probleme stellen. Zahlreiche Disziplinlosigkeiten ziehen sich durch diese Saison, von Kyriakos Papadopoulos' Ausraster in Leverkusen, über die Streitereien zwischen Stevens und Jermaine Jones, bis hin zu Draxlers doppeldeutigem Facebook-Eintrag nach dem Fürth-Spiel, den man auch als Unverständnis über seine Auswechslung interpretieren konnte.

Hinzukommen Verletzungspausen wichtiger Spieler wie Papadopoulos, Ibrahim Afellay oder jetzt Klaas-Jan Huntelaar, der wegen eines Blutgerinnsels im Auge für die Partie in München ausfällt, sowie unerklärliche Formschwächen einiger Leistungsträger wie Christian Fuchs oder Atsuto Uchida.

Heldt muss sich Fragen gefallen lassen

Es hat sich gezeigt, dass der Schalker Kader in der Breite nicht stark genug besetzt ist, um auf diese Probleme reagieren zu können. Die Verantwortung dafür trägt Manager Heldt. Der hat zwar wichtige Spieler gehalten (Huntelaar, Jefferson Farfan) und Topspieler verpflichtet (Afellay, Michel Bastos). Doch augenscheinlich passt die Mannschaft in der jetzigen Konstellation nicht zusammen. Es fehlt eine Hierarchie. Es fehlen Anführer. Auch Jermaine Jones, der eher durch Unsportlichkeiten auffällt, taugt dazu nicht.

Heldt muss sich den Vorwurf gefallen lassen, den Kader nicht mit Weitsicht zusammengestellt zu haben. Die Qualität ist ohne Frage da, das zeigen beeindruckende Spiele wie das 2:0 in der Gruppenphase der Champions League bei Arsenal London. An Ausgeglichenheit und Führungsfiguren fehlt es aber. Die Beförderung Kellers hat nun nicht dazu beigetragen, dass Heldts Arbeit positiver bewertet wird. Viele fragen sich, wie ausgerechnet ein Novize wie Keller genug Autorität besitzen soll, um eine offensichtlich schwer zu führende Mannschaft auf Kurs zu bringen. Da kann man nur schwer widersprechen – Kellers Bilanz ist schlecht. Und die von Heldt nicht viel besser.

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