1. Juni 2011, 06:00 Uhr

Fifa feiert Blatters Krönungsmesse

Eine Korruptionsaffäre erschüttert die Fifa, aber Josef Blatter will davon nichts wissen. Der Schweizer steht vor der Wiederwahl als Präsident des Fußball-Weltverbandes. Seine Gegner kneifen. Von Jens Weinreich, Zürich

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Will sich als Fifa-Präsident wiederwählen lassen: Der 75-jährige Josef Blatter©

Der Tag, an dem ein Tsunami über die Fifa hinwegbrausen sollte, endete mit einem Sexskandal. Kurz nach 18 Uhr stolzierte Grace Jones, schon unglaubliche 63 Jahre alt, von der Bühne und näherte sich den swingenden Fifa-Rentnern. Da geschah es: Sie tänzelte auf den Schoss von Don Julio Grondona, 79, seines Zeichens Erster Vizepräsident des Fußball-Weltverbandes und einer der gierigsten Funktionäre weltweit. Jones und Grondona, die Schöne und das Biest, welch bizarre Combo.

Nein, die Eröffnung des 61. Fifa-Kongresses im Züricher Hallenstadion bot außer diesem kleinen Sexskandal keine weiteren Enthüllungen. Die Fußballfamilie feierte, sang und klatschte. Wie hatte der Clan-Chef Joseph Blatter noch tags zuvor erklärt: "Krise? Wir haben keine Krise, nur einige Schwierigkeiten. Und die lösen wir in der Familie!"

Kaum jemand störte die Feierlichkeiten zum Kongress, der heute tagt und die Wiederwahl des Skandal-Blatters bringen soll, auch wenn sich einige halbwegs Aufrechte, wie die Verbände von England und Schottland dagegen aussprechen. Auch IOC-Präsident Jacques Rogge benutzte das K-Wort nicht, die böse Vokabel Korruption, die in der Olympischen Charta des IOC nicht einmal vorkommt. Nein, Rogge erwähnte nur die Bestechungskrise seiner Organisation, die Salt-Lake-City-Krise 1998/99, und sagte: "Ich werde nicht mit dem Finger auf sie zeigen und sie belehren. Ich denke, dass auch die Fifa aus ihrer Krise gestärkt hervor gehen kann." Hat er überhaupt Krise gesagt? Welche Krise?

"Mutige Offensive auf dem Spielfeld der Transparenz"

Es liegt vielleicht daran, dass Rogge sich als Fußball-Liebhaber outete und als solcher zu den Delegierten sprach. Während die Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey einige Minuten später bekannte, mit Sport nicht viel am Hut zu haben, und endlich Klartext redete, als einzige an diesem Abend. Sie forderte "eine mutige Offensive auf dem Spielfeld der Transparenz", es sollten "alle Maßnahmen ergriffen werden, um das Vertrauen wieder herzustellen". Und, ja, Calmy-Rey sprach von Korruption. Kurz darauf rief Grace Jones: "Have a good time!" Dann ging es zum Gala-Dinner unter Kameraden. Journalisten waren ausgeschlossen.

Was war das für ein irrer Tag in Zürich. Die bizarren Wendungen dieser Stunden aufzuzählen, würde ganze Bücher füllen. Der suspendierte Fifa-Vizepräsident Jack Warner zum Beispiel, Chef der nordamerikanischen Konföderation, der tags zuvor noch gefordert hatte, Blatter müsse gestoppt werden, der einen Tsunami ankündigte, der die Fifa hinwegspülen werde, rief seine Verbände ernsthaft dazu auf, am Mittwoch Blatter zu wählen. Wen sonst? Einige asiatische Verbände offerierten flink noch einen Gegenkandidaten: Den Chinesen Zhang Jilong, der nach der Suspendierung von Mohamed bin Hammam (Katar) die Geschäfte der asiatischen Konföderation AFC führt. Allerdings mussten Herausforderer bereits Ende März benannt werden. Da hatte sich allein bin Hammam gemeldet, der am Sonntag wieder zurückziehen musste.

Großganoven, Opportunisten und Feiglinge

Es hat keinen Sinn, jede Äußerung, jede Schlagzeile und jede Wendung dieser aufgeregten Fifa-Spezialdemokratie zu interpretieren. Fakt ist: So lange nicht Beweise vorgelegt werden, die weitere Korruptionsvergehen etwa bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 (an Russland) und 2022 (an Katar) belegen, wird diese Fifa der Großganoven und Opportunisten, Geschäftemacher, Feiglinge und Duckmäuser nicht auseinanderfallen.

Eine Ankündigung, Bestechungszahlungen in Höhe von 20 Millionen Euro zu belegen, hatte es am Montagabend gegeben. Nun, es handelte sich um eine vorschnelle Meldung einer deutschen Nachrichtenagentur, basierend auf nicht top-seriöser Quelle, zahlreichen einleuchtenden Indizien, etlichen detaillierten Schilderungen von Vergehen - aber eben keinerlei Dokumentation. Schließlich: Der mutmaßliche Informant, "Walter Petersen" genannt, garnierte seine angekündigte Präsentation mit Lügen und anderen Unstimmigkeiten: Zum Beispiel bastelte er eine E-Mail zusammen, in der behauptet wurde, das Schweizer Bundesamt für Justiz habe seine groß angekündigte Pressekonferenz im Grand Hotel Dolder verboten.

Im Dolder, einem der beliebten Fifa-Luxushotels, lauerte am Nachmittag eine Hundertschaft von Journalisten. Vergeblich. Später hieß es, "Petersen" wolle abends andernorts noch Stellung beziehen. Fortsetzung folgt.

"Es ist Gefahr in Verzug"

Was bleibt vor Blatters Krönungsmesse? Jeder Beweis von Groß-Korruption wäre das Ende, wann immer derlei Dokumente auch auftauchen, ob am 2. Juni oder am 31. August. Blatter hat wohl seine Macht gerettet und schlingert weiter schwer verwirrt durch die Untiefen seines mafiösen Systems. Zaghaften, tapferen Widerstand liefert FA-Präsident David Bernstein, der auf dem Kongress nun weiter kämpfen muss, um die Wahl im letzten Moment zu verschieben, was kaum passieren wird. Einige Fifa-Sponsoren äußern sich, nun ja, besorgt - mehr aber auch nicht. Ein Aufstand ist von den Geldgebern nicht zu erwarten.

"Die Fifa-Pyramide" schwanke, flötete Blatter. "Es ist Gefahr in Verzug." Das war, immerhin, nicht gelogen.

Von Jens Weinreich, Zürich
 
 
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