HOME

Wie Underdog Leicester City die Premier League auf den Kopf stellt

Vergangene Saison als Aufsteiger erst kurz vor Schluss den Klassenerhalt gesichert, diese Spielzeit plötzlich an der Tabellenspitze: Leicester City rockt die Premier League. Der Erfolg des Teams um Robert Huth kommt nicht von Ungefähr.

Robert Huth (M.) von Leicester im Zweikampf mit Chelseas Kurt Zouma und John Terrry

Robert Huth (M.) von Leicester geht resolut in jeden Zweikampf - oder auch mal in den Dreikampf, wie hier gegen Chelseas Kurt Zouma und John Terrry

So manch einer mag sich aktuell verwundert die Augen reiben. An der Spitze der Premier League in England steht nicht etwa der FC Arsenal oder die beiden großen Klubs aus Manchester - vom amtierenden Meister FC Chelsea ganz zu schweigen. Nein, das kleine  ärgert die Platzhirsche gewaltig und führt mit 38 Zählern das Tableau an. Zwei Punkte vor Arsenal, sechs vor Manchester City. Nach bereits 17 gespielten Partien ist das nicht weniger als eine Sensation.

Zum Vergleich: Vor genau einem Jahr hatten die "Foxes" als Aufsteiger aus Liga zwei zehn mickrige Pünktchen auf der Habenseite und lagen abgeschlagen auf dem letzten Platz. Bis acht Spieltage vor Schluss sah das Team wie ein sicherer Absteiger aus, doch dann legte es eine atemberaubende Siegesserie hin. Sieben der letzten acht Partien wurden gewonnen. Am Ende sprangen Rang 14 und der Klassenerhalt heraus für Leicester City, das übrigens ausgesprochen wird, als würden vor Ort alle nur abfällig übereinander reden.

Der Ausblick auf die aktuelle Saison war also durchaus vielversprechend, doch ein Sexvideo-Skandal erschütterte den Klub in der Sommerpause. Drei Spieler, darunter der Sohn des Trainers, waren auf einem im Netz verbreiteten Clip zu sehen, wie sie in Sex mit einer Einheimischen hatten und sie dabei rassistisch beleidigten. Alle wurde entlassen - und mit ihnen gleich Trainer Nigel Pearson, der Leicester 2011 in der zweiten Liga übernommen und ins Oberhaus des englischen Fußballs geführt hatte.

Italiener Claudio Ranieri Trainer seit Sommer

Der Italiener Claudio Ranieri übernahm und machte ganz offenbar Vieles richtig. Nur punktuell wurde der Kader verstärkt - unter anderem Bundesliga-Größen wie Shinji Okazaki und Christian Fuchs spielen jetzt bei den "Foxes". Ranieri veränderte wenig und knüpfte so an den Lauf der Vorsaison an. Bilanz: Eine einzige Niederlage gegen den bei elf Siegen und fünf Remis. Sein Konzept geht auf.

Für den Aufschwung mitverantwortlich ist nicht zuletzt der Deutsche . Der Innenverteidiger kam im Winter der vergangenen Spielzeit von Stoke City und wurde sofort zum Leistungsträger, spielte fast jede Partie. Auch in diesem Jahr stand er in 16 von 17 Liga-Spielen 90 Minuten auf dem Feld. Der beinharte Verteidiger, der einst forderte für "Rumgeheule auf dem Platz" müsse es drei Spiel Sperre geben, ist dort - wie auch bei seinen Stationen zuvor - zum Publikumsliebling geworden. Die "Huth, Huth, Huth"-Rufe sind immer öfter im King Power Stadium zu hören.

Viele Gegentore, aber noch mehr Tore

Dabei liegt das Geheimnis des Überraschungsteams nicht in der Defensive - trotz eines italienischen Trainers. Unter den ersten Zehn der Tabelle hat Leicester, wie Everton, mit 24 Gegentoren am meisten bekommen. Nur dreimal stand hinten die Null. Aber die "Foxes" nehmen sich die alte Fußballweisheit zu Herzen, vorne einfach einen mehr zu machen, als sie hinten kassieren. In gleich drei Partien gewannen sie mit 3:2, einmal mit 4:2.

Das liegt vor allem an einem: Jamie Vardy. Der 28-jährige Angreifer spielte vor einigen Jahren noch in den unteren Ligen Englands, musste nach einer Verurteilung wegen Körperverletzung sogar zeitweise mit Fußfessel auflaufen. Eher ein Durchschnittskicker mit fragwürdigem Ruf. Nun hat der 2012 aus der fünften Liga nach Leiceister gewechselte Vardy gerade einen Rekord in der aufgestellt, weil er in elf aufeinanderfolgenden Partien traf. Mit 15 Saisontoren hat der Neu-Nationalspieler für England einen maßgeblichen Anteil am unfassbaren Lauf von Leicester. Selbst Hüne Huth merkte vor Kurzem an, dass er sich immer ärgere, wenn er im Training gegen ihn ranmüsse. So unangenehm sei Vardy zu spielen.

Leicester kommt über die Teamleistung

Doch trotz des überragenden Knipsers - an einzelnen Spielern ist der Erfolg schwer festzumachen. Auch wenn es abgedroschen klingt: Leicester kommt über die Teamleistung, über den kollektiven Einsatz. Ein bisschen erinnert die Mannschaft an den SV Darmstadt - den frechen Aufsteiger mit dem zusammengewürfelten Kader, der zu einer Kämpfertruppe zusammenwuchs. Nur ist Leicester deutlich erfolgreicher. Aus einer kompakten stehenden Aufstellung heraus zünden immer wieder überfallartige Angriffe - 37 Liga-Treffer sind das Ergebnis.

Ex-Chelsea-Coach José Mourinho rief den Underdog kürzlich zum Meisterkandidaten aus. Das klingt ob der namhaften Konkurrenz zunächst abwegig, aber warum eigentlich nicht? Chelsea als amtierender Champion hat auf Rang 15 herzlich wenig mit der Meisterschaft zu tun - und auch bereits gegen Leicester verloren. Tottenham und United sind mit neun Punkten Rückstand aktuell kein Thema - nur der FC Arsenal befindet sich in Schlagdistanz.

Vielleicht ist der kommende Dienstag ja ein weiterer Fingerzeig. Da müssen die "Foxes" bei Manchester City ran. Ein echter Härtetest. Gegen keinen der aktuellen Top-Fünf konnte Leiceister bislang gewinnen. Davor kommt Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool am "Boxing Day", dem zweiten Weihnachtstag (16 Uhr). Keine leichten Aufgaben zum Jahresabschluss. Und so darf man gespannt sein, ob der Lauf weiter geht - und vor allem, ob man sich womöglich auch am Ende der Saison beim Blick auf die Tabelle verwundert die Augen wird reiben müssen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity