Ein Weltstar geht durch die Hintertür

7. März 2013, 16:04 Uhr

Michael Ballack tritt ab - und kaum einen interessiert's. Auch der Deutsche Fußball-Bund hat daran seinen Anteil. Im Juni bestreitet der Ex-"Capitano" nun sein selbst organisiertes Abschiedsspiel. Von Maximilian Koch

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Unwürdiges Ende einer großen Karriere: Michael Ballack, langjähriger Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft©

Michael Ballack wird in den kommenden Tagen die letzten Einladungen zu seinem Abschiedsspiel verschicken. Am 5. Juni lässt der 36-Jährige seine Karriere im kleinen Kreis ausklingen. Das verkündete der ehemalige Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft an diesem Donnerstag. Wobei, so richtig klein ist der Kreis ja nicht, der sich in der Leipziger WM-Arena treffen wird: Jose Mourinho hat schon zugesagt, Lionel Messi ist wohl dabei, und auch andere Stars des internationalen Fußballs wie Didier Drogba, Frank Lampard oder Bastian Schweinsteiger werden erwartet. Weggefährten, die Ballacks Karriere entscheidend geprägt haben.

Auch auf Kevin-Prince Boateng trifft das ja im Prinzip zu. Er hat die Laufbahn des gebürtigen Görlitzers wie kaum ein anderer beeinflusst. Sie in eine gewisse Richtung gesteuert. Für Ballack war das keine gute Richtung. Boatengs fieser Tritt verhinderte Ballacks Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010. Und leitete damit das traurige Karriereende des einstigen Weltklassespielers ein. Doch so viel dürfte sicher sein: Boateng wird von Ballack keine Einladung erhalten. "Da bieten sich andere Spieler an", betonte der Gastgeber am Donnerstag.

Wirklich tangieren dürfte das den Profi des AC Mailand aber nicht. Boateng ist inzwischen selbst zu einer Marke im europäischen Fußball geworden. Ballack war das auch einmal. Doch diese Zeiten sind vorbei. Genauso wenig wie das Karriereende des 98-fachen Nationalspielers die deutsche Öffentlichkeit besonders interessierte, geschweige denn berührte, verhält es sich nun mit seinem Abschiedsspiel. Ballacks Leistungen sind in den Köpfen vieler bereits vergessen. Und so geht ein ehemaliger Weltstar durch die Hintertür. Was für ein unrühmliches Ende.

2010 wird für Ballack zum Desaster

Dass es so gekommen ist, hat mehrere Gründe. Und mehrere Verantwortliche. Ballack selbst ist gewiss nicht unschuldig. Auf seiner letzten Station in Leverkusen erreichte er nicht mehr sein sportliches Top-Level, rieb sich stattdessen an Trainer Robin Dutt und sogar an Sportdirektor Rudi Völler, der eigentlich zu seinen engeren Vertrauten zählt. Doch vor allem die Auseinandersetzung mit dem DFB und Bundestrainer Joachim Löw kostete den vierfachen deutschen Meister viel Energie. Und verlegte seinen Fokus auf Dinge fernab des Rasens.

Nach der WM 2010 wurde Ballack im Nationalteam plötzlich nicht mehr gebraucht. Vor dem Turnier schien das unvorstellbar, über Jahre galt er als einziger deutscher Weltklassespieler. Doch zum Pech von Ballack spielte die Löw-Elf in Südafrika berauschenden Fußball, so gut hatte man lange kein deutsches Team gesehen. Dass Philipp Lahm während der Titelkämpfe einen "Putsch" gegen Ballack initiierte und dessen Kapitänsamt einforderte, gab der Ausbootung des zuvor unantastbaren "Capitanos" einen faden Beigeschmack. Unter rein sportlichen Gesichtspunkten konnte man Bundestrainer Löw jedoch keinen Vorwurf machen. Die Entscheidung gegen Ballack und für einen neuen Stil erforderte Mut und Risiko. Aber sie hat sich ausgezahlt. Bis heute.

DFB gibt kein gutes Bild ab

Wie man allerdings abseits des Spielfelds mit Ballack umging, ließ den nötigen Respekt vor der Karriere des Vizeweltmeisters von 2002 vermissen. Das Angebot des DFB, Ballack noch zwei Einsätze in Testkicks zu "schenken", damit er auf die Zahl von 100 Länderspielen komme, war genau das, als was es Ballack in einer Pressemitteilung bezeichnete: eine Farce. Denn gleichzeitig verkündete Löw, dass er nicht mehr mit dem dreifachen Fußballer des Jahres plane. Ein offizielles Abschiedsspiel, wie es noch für Lothar Matthäus oder Oliver Kahn veranlasst wurde, wollte der DFB Ballack nicht gewähren.

Für den einst "torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas" bedeutete das die nächste öffentliche Vorführung. "Ich hätte liebend gerne ein Abschiedsspiel gemacht. Ich hätte es mir von DFB-Seite gewünscht. Aber gewisse Personen hatten es für mich nicht vorgesehen. Das muss ich so akzeptieren", sagte Ballack dem "Express". Da schwang viel Verbitterung mit, und Ballack war nicht der Einzige, der die Entscheidung des Verbandes hinterfragte.

Oliver Bierhoff, Manager des DFB-Teams und nicht gerade als Ballack-Freund bekannt, verteidigte das Vorgehen mit der Begründung, "dass es keine Abschiedsspiele für Nationalspieler mehr gibt. Wir hatten viele Nationalspieler wie Jürgen Klinsmann, Jürgen Kohler und andere, die über 100 Länderspiele hatten, die keine Abschiedsspiele bekommen haben." Zugleich verwies er auf das vorgeblich großzügige Angebot, das der DFB Ballack gemacht habe: "Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ihn in einem öffentlichen Spiel mit vielen Zuschauern einen Abschied zu geben. Das hat er ausgeschlagen. Und damit sehe ich da jetzt auch keine Chance mehr." Dass Ballack fast zehn Jahre lang das Aushängeschild des DFB war, schienen sowohl Bierhoff als auch der Verband vergessen zu haben.

Versöhnung mit Löw?

So musste sich der Unvollendete, der in seiner Karriere nie einen internationalen Titel gewann, selbst um ein Abschiedsspiel kümmern. Und viele Weltstars werden seiner Einladung folgen. Auch Philipp Lahm und Joachim Löw stehen übrigens auf der Gästeliste. "Ich glaube, dass wir mit Jogi Löw auch eine richtig gute Zeit hatten", sagte Ballack am Donnerstag.

Man könnte das als Größe auslegen – oder auch als Friedensangebot. Mit den Geistern der Vergangenheit abschließen, um sich neuen Aufgaben widmen zu können. Keine schlechte Idee. Mehr wird Michael Ballack von diesem 5. Juni aber auch nicht erwarten können. Leider.

 
 
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