Chance vertan

18. Januar 2013, 14:15 Uhr

Lance Armstrong gibt zu, was längst alle wussten: Er hat gedopt, gelogen, betrogen. Doch die wirklich wichtigen Fragen bleiben offen. Seine Strategie kann nicht aufgehen. Ein Kommentar von Christian Ewers

Lance Armstrong bekennt sich schuldig. Er räumt Doping bei all seinen Tour de France-Siegen ein – und bestätigt damit die Recherchen der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, die er langezeit als unfair, tendenziös und jeder rechtlichen Grundlage entbehrend bezeichnet hatte. Armstrongs Auftritt in der Talkshow von Oprah Winfrey gleicht einer Kapitulationserklärung: Es bleibt nichts übrig vom Glanz des einstmals größten Radhelden der Welt; seine sportlichen Erfolge waren auf systematischen Betrug und Manipulation gebaut, daran gibt es nun keine Zweifel mehr.

Und dennoch war es nicht die ganze Wahrheit, die Armstrong am Donnerstagabend offenbarte. Er habe niemals Teamkollegen zu Doping gezwungen, sagte der 41 Jahre alte Texaner. Die Usada-Akten und auch Tyler Hamilton, Armstrongs ehemaliger Helfer, behaupten das Gegenteil und belegen dies konkret mit Beispielen. Hamilton schreibt in seinem Buch "Die Radsport-Mafia", Armstrong habe sogar einen Fahrer zum Medikamentenmissbrauch genötigt, der sich zunächst geweigert hatte, weil sein Vater an einer Überdosis Drogen gestorben war.

Für Strafmilderung muss Armstrong umfassend aussagen

Auch dass Armstrong seinen ehemaligen Arzt Michele Ferrari verteidigt und als "guten Mann" bezeichnet, zeugt von der fortwährenden Hybris Armstrongs. Ferrari ist in seinem Heimatland Italien wegen Beihilfe zum Doping angeklagt; seine Missetaten im Radsport sind durch die Usada-Akten bestens dokumentiert. Armstrong wird seine Strategie ändern müssen, um Strafmilderung von Sportgerichten und zivilen Instanzen erwarten zu dürfen. Bleibt es bei einem schlichten "Mea culpa", wird Armstrong nicht von einer Kronzeugenregelung profitieren können.

Armstrong muss härter mit sich ins Gericht gehen, als er es jetzt vor Fernsehpublikum tat. Er muss umfassend aussagen. Er muss die Hintermänner des Dopingsystems nennen, Ärzte, Apotheker, Dealer. Er muss offenlegen, wer ihn deckte im Radsport-Weltverband UCI. Er muss sagen, von welchen politischen Allianzen er profitierte. Nur zu bestätigen, was die Ermittler um Travis Tygart und Jeff Novitzky sowieso schon wissen, genügt nicht.

Kommt die UCI ungeschoren davon?

2013 wird ein entscheidendes Jahr für Lance Armstrong. Gewaltige Schadensersatzforderungen stehen gegen ihn im Raum. Das US-Justizministerium wird sich einer Klage von Floyd Landis anschließen, der wegen des Missbrauchs von Steuergeldern gegen Armstrong vor Gericht zieht. Armstrongs Team war jahrelang von der staatlichen Post US Postal gesponsert worden; angeblich mit insgesamt 30 Millionen Dollar. Der ehemalige Radprofi Landis, ebenso des Dopings überführt wie Armstrong, hofft nun auf eine Prämie als Whistleblower. Die sieht das amerikanische Gesetz für Bürger vor, die dabei helfen, veruntreute Staatsgelder an den Fiskus zurückzuführen. Möglicherweise wird Armstrong in diesem Prozess nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge unter Eid vernommen. Das bedeutet: Er darf nicht lügen. Die Leichtathletin Marion Jones tat dies in einem vergleichbaren Fall und musste dafür ins Gefängnis.

2013 wird auch ein entscheidendes Jahr für den Radsport. Der Weltverband UCI steht unter dem dringenden Verdacht, sich von Armstrong gekauft lassen und positive Dopingproben verschwiegen zu haben. Es gibt Belege über sogenannte Spendenzahlungen; bis heute kann der Verband keine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Verwendungszweck liefern. Lance Armstrong könnte zur Aufklärung beitragen und so die Basis für einen personellen Neuanfang im Verband schaffen. Das wäre wirklich ein Dienst an seinem Sport, den Armstrong noch immer zu lieben vorgibt.

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