Der letzte Schatz der Deutschen

1. Juli 2004, 09:31 Uhr

Der Staat ist pleite? Nicht ganz: Es gibt noch die milliardenschweren Goldreserven der Bundesbank. Viel davon lagert unter den Straßen Manhattans. Politiker und Banker streiten jetzt, ob ein Teil der Rücklagen verkauft werden soll.

Im sichersten Tresor der Welt: Bei der Federal Reserve Bank in New York sind die Barren zu einer Goldmauer aufgestapelt. Ein Drittel davon, so heißt es, gehöre Deutschland©

Der Weg führt durch insgesamt fünf schwere Tore tief in den Untergrund von Manhattan. An der Südspitze der Insel, 25 Meter unter der Erde, steht der Tresor der Federal Reserve Bank of New York. Man geht vorbei an drei schwer bewaffneten Männern und einem Zitat Goethes in großen Lettern, ins Englische übersetzt: "Gold is irresistible" - Gold ist unwiderstehlich. Ein Angestellter der Fed betätigt eine Lichtschranke, worauf sich die Tür öffnet, ein Wärter tritt hinzu und bewegt mit schweren Drehbewegungen einen 82 Tonnen schweren Stahlzylinder. Dann ist der Durchgang frei - zum größten Goldlager der Welt. Und dort schimmern sie schon durch die mit drei Kombinationsschlössern gesicherten Stahlkäfige: 550.000 Barren Gold im Gesamtwert von 90 Milliarden Dollar.

Die Barren sind rund 12,5 Kilo schwer, 25 Zentimeter lang und zu 99,5 Prozent aus reinem Gold. Bis an die Decke sind die Blöcke gestapelt, dicht aneinander wie eine Mauer aus Ziegelsteinen. Manche liegen seit Jahrzehnten an derselben Stelle. Die Schutzmaßnahmen sind ausgeklügelt: eine falsche Bewegung - und in weniger als fünf Sekunden schließen sich sämtliche Türen, die Bank wird zur Festung. "Es hat in 80 Jahren nie jemand versucht, bei uns einzubrechen", sagt der Angestellte.

Metallhändler Ernst Reußwig glaubt, dass der Goldpreis bis auf 500 Dollar je Feinunze steigen kann©

Die "Hüter des Goldes" (Eigenwerbung) sind diskret. Die Reserven gehören 60 unterschiedlichen Nationen. Doch an den Stahlkäfigen hängen keine Ländernamen, sondern Nummern. Nur ganz wenige wissen, wem die zuzuordnen sind. Wie viel Gold der Deutschen Bundesbank gehört, verrät der Mann nicht. Es soll ein Drittel des gesamten Schatzes sein. Kaum zu glauben - Deutschland hat nicht nur große Schulden, sondern auch ein kleines Vermögen: die Währungsreserven der Bundesbank im Wert von 76 Milliarden Euro. Das entspricht knapp einem Zehntel der Bundesschuld. Fast zur Hälfte bestehen die Rücklagen aus Gold. Und die ruhen nicht allein in den USA.

Während die Vereinigten Staaten im Internet veröffentlichen, wie viel Gold in Fort Knox oder New York lagert (danach gehören den USA nur sechs Prozent des Schatzes im Fed-Tresor), richten sich die Deutschen nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. "Die Bundesbank macht keine detaillierten Angaben über die Lagerorte", sagt Hans-Helmut Kotz, das für das Reservemanagement zuständige Vorstandsmitglied. Früher einmal gab ein Bankpräsident zu, dass in den Tresoren unter der Frankfurter Zentrale weniger als zwei Prozent des Gesamtgoldes aufbewahrt würden. Ein wenig mehr soll inzwischen in der Hauptfiliale in Mainz lagern. Zu besichtigen ist aus Sicherheitsgründen nur ein einziger von 274.708 Barren der Bundesbank, in ihrem Geldmuseum in Frankfurt.

Immerhin verrät Bank-Vorstand Kotz dem stern: "Der größte Teil unserer Goldreserven wird außerhalb deutscher Grenzen, wo er entstanden ist, gehalten: bei der Fed in New York, bei der Bank of England in London und der Banque de France in Paris. In dieser Reihenfolge." Im Kalten Krieg sollte das Gold dort sicherer sein als in Frankfurt, wo die Rote Armee in wenigen Stunden gewesen wäre. Heute macht die Bundesbank betriebswirtschaftliche Gründe geltend, weil ein Transport nach Deutschland "hohe Kosten" verursachen würde, auch für den Bau neuer Tresore.

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