10. März 2004, 12:42 Uhr

Der Pate von Parma

Er wollte größter Milchmann aller Zeiten werden, den Nudelkönig Barilla übertrumpfen: Jetzt sitzt der Gründer von Parmalat in U-Haft. Besuch im italienischen Parma, der Stadt des dreistesten Finanzskandals Europas.

Das Ende des Padrone: Am 27. Dezember 2003 wird Parmalat-Chef Calisto Tanzi verhaftet©

Parma ist die Stadt der Nerze. Prosciutto, Parmesan und Pasta, alles gut und schön. Aber kaum eine Stadt im wohlhabenden Norden Italiens hat diese Nerzdichte pro Quadratmeter Fußgängerzone. Ein ganzes Geschwader der Edelpelzträgerinnen hat sich zum Aperitivo im "Gran Caffé Cavour" versammelt, im Schatten des marmornen Baptisteriums, dessen Rosatöne sich in den perlenden Kelchgläsern der Damen zu spiegeln scheinen. Unter schweren Kristalllüstern wird gescherzt, man nascht ein bisschen an Schinken- und Gemüsestiften, und beinahe ist es wie immer. Doch dann fällt der Name Tanzi.

Im Radio wird eine Familienzusammenführung der besonderen Art gemeldet: In Parmas Haftanstalt, wo Calisto Tanzi, 65, Ex-Patron des Milchriesen Parmalat, samt Führungsriege schon länger residiert, halten an diesem Tag Bruder, Sohn und Tochter Einzug. Ein Clan - der immer gleiche Vorwurf: betrügerischer Bankrott und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die Damen reagieren indigniert: "Dio! Warum musste die Bande aus Collecchio ihre Milch bloß Parmalat nennen?"

Die bessere Gesellschaft in der "Bar Cavour" fürchtet um den Ruf der Stadt©

Seit Wochen beschwört Bürgermeister Elvio Ubaldi aus der Berlusconi-Partei Forza Italia seine 170.000 Parmigiani, keine Hexenjagd zu treiben gegen die Herrschaften aus dem zehn Kilometer entfernten Kaff, die das Image der Stadt in saurer Milch zu ersaufen drohen. Dort, wo die Zentrale des Weltmarktführers für H-Milch und viertgrößten Lebensmittelkonzerns in Europa steht, hinter dessen Kulissen sich der dreisteste Finanzskandal in der Wirtschaftsgeschichte des Kontinents abspielte. Die gigantische Summe von 14,5 Milliarden Euro ist in einem undurchdringlichen Geflecht aus über 200 Scheinfirmen zwischen Italien, Malta, Luxemburg, Südamerika, den USA und Steuerparadiesen wie den Antillen oder den Caymans versickert. Ein Enron-Thriller mit operettenhaften Zügen: Denn in der Po-Ebene waren keine coolen Finanzmanager mit raffinierten Spekulationstricks wie in Texas am Werk, sondern zwei Dutzend drittklassiger Schieber um Parmalat-Padrone Tanzi, die bei Bedarf mit Scanner, Klebstoff und Drucker Bankpapiere fälschten und ihren Computern mit Hammerschlägen den Garaus machten, als ihr auf Milliardenpump gestütztes Imperium Ende Dezember zusammenbrach.

Jetzt stehen weltweit 36.800 Arbeitsplätze in 136 Betrieben auf dem Spiel, mehr als 85.000 Sparer blieben allein in Italien auf wertlosen Parmalat-Obligationen von über 3,5 Milliarden Euro sitzen, und es vergeht kein Tag, an dem Ermittler und Medien nicht Neues über die trüben Machenschaften des "Großen Milchmanns" ("Corriere della Sera") und seiner Truppe enthüllen. Schlagzeilen, die schmerzen und peinlich sind für Parma: Die Spitzenreiterin unter Italiens Städten mit der höchsten Lebensqualität, von deren Arbeitslosenrate - 2,7 Prozent - und Sozialsystem man hierzulande nur träumen kann, satte Hochburg italienischer Agro- und Gastrokultur, die eben zum Sitz der mächtigen EU-Lebensmittelkontrollbehörde erkoren wurde - vor der Welt steht sie plötzlich da wie das sizilianische Mafia-Nest Corleone.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 12/2004

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