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30. Dezember 2006, 14:00 Uhr

Aus ideologischem Anbau

Obst und Gemüse sind gesund, aber schützen sie vor Krebs? Viele Studien zu diesem Thema enthielten bislang zwei starke Wirkstoffe: Marketing und - Glauben. Von Alexandra Rigos

Oft kommt es nicht darauf an, was wir essen, sondern wie viel© Illlustration: Silja Götz

Wie sieht es aus, das ideale Anti-Krebs-Menü? Glaubt man den Schlagzeilen der Publikumspresse, müsste der Speisezettel etwa so lauten: Viel Tomatensoße, schließlich enthält die rote Frucht den Stoff Lycopin, der die gefürchteten freien Radikale unschädlich macht. Ein Muss ist auch Brokkoli, ebenfalls reich an potenten Pflanzeninhaltsstoffen. Im Duett zeigen sich beide Gemüse einer Studie der Universität von Illinois zufolge sogar wirksamer als ein Krebsmedikament - bei Ratten jedenfalls. Etwas Tofu kann nicht schaden, soll doch Soja vor Brust- und Prostatakrebs schützen. Die Mixtur würze man pikant mit Curry und Knoblauch und belege damit eine Pizza. Das Pharmakologische Institut in Mailand hat nämlich herausgefunden, dass Pizzaesser seltener an Darm- und Speiseröhrenkrebs erkranken. Und dazu genehmige man sich eine gute Tasse Tee, grünen natürlich. Er enthält einen Stoff mit dem befremdlichen Namen Epigallocatechin-3-Gallat, der in Zellkulturen die Krebsentstehung hemmt. Aber Kaffee tut es auch: Eine japanische Studie hat gezeigt, dass regelmäßiger Kaffeegenuss das Risiko, an Leberkrebs zu erkranken, um die Hälfte senkt.

Guten Appetit? Nun, schaden wird das Mahl der Gesundheit mit Sicherheit nicht, allenfalls den Geschmacksnerven. Ob jedoch Tomate, Brokkoli oder andere Lebensmittel wirklich so effektiv Krebs vorbeugen, wie es manche Laborversuche hoffen machen, ist weniger sicher. Eine Reihe neuer, groß angelegter Studien hat im vergangenen Jahr viele vermeintliche Gewissheiten über den Zusammenhang von Krebs und Ernährung über den Haufen geworfen.

So ergab ein achtjähriges Experiment mit 49 000 US-Amerikanerinnen, dass fettarme Kost die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, überhaupt nicht und das Brustkrebsrisiko nicht signifikant senkte. Übrigens bewahrte die Light-Diät die Probandinnen ebenso wenig vor Schlaganfall und Herzinfarkt, sie half ihnen nicht einmal, schlank zu werden: Das Körpergewicht der Teilnehmerinnen entwickelte sich unabhängig vom Fettgehalt ihrer Ernährung. Eigentlich hatten die Forscher mit ihrer ungeheuer aufwendigen Untersuchung, der "Women's Health Initiative", genau das Gegenteil all dieser Erkenntnisse beweisen wollen. Kurz zuvor war im angesehenen "Journal of the American Medical Association" (JAMA) eine Überblicksstudie erschienen, nach der die viel gerühmten Omega-3-Fettsäuren mitnichten vor Tumoren schützen.

Weniger schlagkräftig als erhofft

Auch die Wunderwaffen aus der Obst- und Gemüsetheke zeigen sich neuen Erkenntnissen zufolge weniger schlagkräftig als erhofft: Zumindest den Volkskrankheiten Brust- und Prostatakrebs beugt das Grünzeug nicht vor, ebenso wenig dem Eierstockkrebs. Geht es um Lungenkarzinome, profitieren allein Raucher, aber nur von Obst und dass bloß ein bisschen. Diese Entdeckung mag wissenschaftlich interessant sein, für den Hausgebrauch taugt sie wenig: Ein Raucher, der dem Lungenkrebs entgehen will, sollte tunlichst von der Zigarette lassen, statt ein paar Äpfel zu knabbern.

Den Schutzeffekt von Obst und Gemüse relativiert hat das europäische Forschungsprojekt EPIC ("European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition"), bei dem Wissenschaftler aus zehn Ländern an 519 000 Probanden den Einfluss des Speisezettels auf die Krebsrate untersuchen. Hierzulande sind das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg und das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke beteiligt. "Nach der jetzigen Datenlage ist das krebspräventive Potenzial von Obst und Gemüse geringer als bislang angenommen und auf wenige Krebsarten beschränkt", sagt Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE.

Wie kann das angehen? Hatten nicht frühere Untersuchungen nahegelegt, dass eifrige Grünzeug-Esser seltener an Krebs erkranken? Haben nicht Molekularbiologen in ihren Labors mehr und mehr darüber herausgefunden, wie allerlei Pflanzeninhaltsstoffe freie Radikale meucheln, das Erbgut vor chemischen Attacken bewahren oder das Wachstum von Tumorzellen hemmen? Der Glaube an die Macht der Diät, des kontrollierten Essens, ist seit Jahrtausenden in der Medizin, gleich welcher Spielart, verankert, sei es die indische Ayurveda-Lehre oder die antike Heilkunde. Vom griechischen Arzt Hippokrates stammt die Empfehlung: "Lass deine Nahrung Medizin sein und Medizin deine Nahrung." Ein Satz, den auch heute viele unterschreiben würden.

Augenmerk auf die Ernährung durch Kulturvergleiche

Kulturvergleiche scheinen die Annahme zu bestätigen, etwa die Beobachtung, dass Brust- und Prostatakrebs in Japan seltener vorkommen, Magenkarzinome hingegen häufiger. Diese Unterschiede verschwinden bei Auswanderern spätestens in der zweiten Generation: Kinder japanischer Migranten in den USA leiden unter denselben Krebserkrankungen wie andere Amerikaner auch. Die Erklärung in den Lebensgewohnheiten zu suchen drängt sich auf, und zuallererst richtete sich das Augenmerk der Wissenschaftler auf die Ernährung. Schätzwerte geisterten durch die Literatur, nach denen sich zwischen 20 und 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch bessere Kost vermeiden ließen.

So gesehen ist es den Experten kaum zu verdenken, dass sie fleißig Empfehlungen in die Welt gesetzt haben, die einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Seit Jahren bläut ein eigens gegründeter PR-Verein der deutschen Öffentlichkeit ein, man müsse mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich zu sich nehmen, um gesund zu bleiben. Das entspricht etwa 650 Gramm. Wer kein eingefleischter Vegetarier ist, muss sich schon anstrengen, diese Hürde zu nehmen. Interessanterweise empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO lediglich 400 Gramm täglich. Da liegt es nahe, einen Einfluss der Obst- und Gemüselobby auf die deutsche Kampagne zu vermuten, schließlich gehören dem Verein "5 am Tag" neben Krankenkassen und Krebsgesellschaften auch Dutzende Firmen aus der Branche an.

Nachdem die EPIC- Resultate bekannt wur- den, zog zumindest die Deutsche Krebsgesellschaft Konsequenzen: "Wir müssen offensichtlich umdenken und unsere Arbeitsschwerpunkte im Bereich Krebs und Ernährung neu setzen", erklärt Hans Konrad Biesalski, für das Thema zuständiger Sprecher der Organisation.

Glaubenssätze geraten ins Wanken

Noch suchen die Ernährungsspezialisten nach Erklärungen, warum plötzlich einige ihrer Glaubenssätze ins Wanken geraten sind. Als möglich gilt, dass frühere Forschungsarbeiten schlicht in die Irre führten. Sie beruhten zumeist auf sogenannten Fall-Kontroll-Studien, bei denen man gesunde und an Krebs erkrankte Menschen befragt, wie sie sich in der Vergangenheit ernährt haben. Dabei entsteht unter Umständen ein verzerrtes Bild: Zum einen mag die Erinnerung trügen; zum anderen neigen Krebsopfer dazu, sich Antworten auf die bohrende Frage "Warum ich?" zurechtzuzimmern - und ihre Lebensgewohnheiten nachträglich schlechtzureden. Moderne, "prospektive" Studien hingegen gehen von einer Gruppe kerngesunder Teilnehmer aus, zeichnen deren Lebensstil auf und begleiten die Probanden über viele Jahre hinweg. EPIC beispielsweise läuft seit 1992.

Gefunden in ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 6/2006

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