Zuerst ist es der verlegte Schlüssel, das verschwundene Wort. Doch nach und nach kappt die Alzheimer-Krankheit alle Taue, die Thea Breitgraf mit der Welt verbinden - und bringt Mann und Tochter an die Grenze ihrer Kräfte. Von Anika Geisler

Die Alzheimer-Kranke in ihrer Wohnung: Ihre Tochter und ihr Mann haben sie in einen Spezialstuhl gesetzt, um sie die Treppe hinunterzubringen© Jörg Gläscher
An dem Tag, an dem Thea Breitgraf sich zum ersten Mal nicht mehr zurechtfindet in dieser Welt, trifft sie sich mit Freundinnen zum Kegeln. Die Kegelbahn liegt im Nachbarort, unzählige Male hat Thea Breitgraf sie besucht. An jenem Abend vor 16 Jahren aber passiert etwas Seltsames: Bei ihrem Mann klingelt das Telefon: "Hol mich ab", hört er seine Frau sagen, "ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause komme." Da ist Thea Breitgraf 63 Jahre alt.
Werner Breitgraf wundert sich. Er holt seine Frau ab, aber die beiden sprechen nicht über den eigenartigen Anruf. Tun einfach so, als sei nichts passiert. So, als wollten sie nicht wahrhaben, dass etwas Beängstigendes geschehen ist.
Kleinigkeiten, die hatten sich schon vorher ereignet - im Nachhinein passen sie ins Bild, damals waren sie schnell wieder vergessen: Thea Breitgraf hatte in den vergangenen Monaten immer wieder ihren Schlüssel verlegt, ihr Portemonnaie gesucht, nach Namen gefragt. Erst viel später wird klar, dass das die allerersten Zeichen der Krankheit waren, die das ganze Leben der Familie verändern sollte.
"Wir alle wollten es uns nicht eingestehen, dass etwas nicht stimmt. Auch nach dem komischen Telefonat nicht", sagt Christel Hermanns, eine der beiden Töchter von Werner und Thea Breitgraf. Sie lebt mit ihren zwei Kindern im selben Haus wie ihre Eltern in einem Vorort von Paderborn. "Wir gingen lange nicht zum Arzt - vermutlich schwang damals die Angst vor einer schrecklichen Diagnose mit."

Thea Breitgraf als junge Frau: Sie war, so sagt ihr Mann, ein fröhlicher, patenter Mensch© Jörg Gläscher
Seit jenem Kegelabend wird Thea Breitgrafs Welt immer kleiner. Und ihre Verwirrung und Hilflosigkeit immer größer. Erst scheint sie nur ab und zu und für kurze Zeit von Sinnen zu sein. Dann findet sie sich plötzlich im Kaufhaus oder im Stammcafé in der Innenstadt nicht mehr zurecht. Sortiert zu Hause Geldscheine wie Memory-Karten nebeneinander auf der Kommode oder wirft CDs ins Klo. Bald darauf, als sei ein Schalter umgelegt, ist sie wieder klar im Kopf, kann sich ihr Tun selbst nicht erklären, schämt sich, versucht zu vertuschen oder weint.
Thea Breitgraf hat Alzheimer. Eine unheilbare Erkrankung des Gehirns, bei der schleichend Nervenzellen und deren Kontaktstellen zugrunde gehen. Alzheimer gehört zur Gruppe der Demenz-Erkrankungen. Orientierung, Denkvermögen, Sprache verschlechtern sich dramatisch. In Deutschland gibt es etwa 700.000 Betroffene. Die Ursachen des Leidens sind nur zum Teil bekannt, meist wirken mehrere Faktoren zusammen, zum Beispiel erbliche Belastung und Vorschädigungen des Gehirns. Alzheimer trifft vor allem ältere Menschen, auch wenn es vereinzelt Fälle gibt, bei denen die Krankheit vor dem 50. Lebensjahr aufgetreten ist.
Alzheimer verläuft in drei Phasen, die jeweils viele Jahre dauern können: Zuerst haben die Betroffenen vor allem Gedächtnisstörungen. Sie verlegen Dinge, vergessen Verabredungen, können sich nicht mehr an Gespräche erinnern, wissen nicht mehr so genau, wie sie von A nach B kommen, finden nicht das passende Wort. Dabei sind sie sich ihrer Fehler bewusst und versuchen, diese zu verbergen, oder erfinden Ausreden. Sie sind verunsichert, deprimiert und schämen sich.
Im zweiten Stadium werden die Defizite auffälliger: Die Erkrankten verwechseln Daten oder Tageszeiten, verlieren das Zeitgefühl und die Orientierung. Sie verlaufen sich, verstehen nicht mehr richtig, was man zu ihnen sagt. Manchmal vergessen sie sogar, wen sie geheiratet haben und wie ihre Kinder heißen. Sie wollen, obwohl sie seit langem in Rente sind, plötzlich wieder zur Arbeit gehen, oder ihnen ist entfallen, welchen Beruf sie ausgeübt haben. Anders als in der ersten Phase ist den Betroffenen dabei nicht mehr bewusst, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie sind sehr unruhig, wollen weglaufen, stellen dauernd die gleichen Fragen, sind gereizt und aggressiv. Dieses Stadium ist für die Angehörigen extrem belastend.
Als bei Thea Breitgraf die Phase zwei anbricht, spielen sich regelmäßig Familiendramen ab: Sie irrt im eigenen Garten umher und stolpert in den Teich. Sie erkennt plötzlich ihre Tochter Christel nicht mehr. Dann vergisst sie, dass sie Enkel hat. Und auch ihr Ehemann erscheint ihr auf einmal wie ein Unbekannter. Sie beschließt mehrere Male: Bei diesen ganzen fremden Leuten will sie nicht bleiben. Sie möchte lieber zu ihren Eltern. Doch die sind schon lange tot. Thea Breitgraf ruft trotzdem nach ihnen, rennt auf die Straße, will weglaufen.
Die Familie ist entsetzt und traurig. "Als meine Mutter mich zum ersten Mal nicht mehr erkannte, das war sehr schlimm", erzählt Christel Hermanns. "Ich dachte: Jetzt ist es so weit - jetzt ist deine Mutter endgültig weg, die Bindung zu ihr."
Viel Zeit zu trauern bleibt allerdings weder Tochter noch Ehemann. Beide haben alle Hände voll zu tun, auf Thea Breitgraf aufzupassen und den Alltag zu meistern. Die Eheleute streiten sich immer öfter. "Ich wollte Thea immer belehren: Mach das so oder so. Sie sollte nach den Mustern funktionieren, die bei mir funktionieren." Der 79-jährige frühere Ingenieur ist ein pragmatischer Mann mit kräftigem Händedruck. Seine Welt ist rational strukturiert: Früher nahm er in seiner Freizeit Radios auseinander, heute beschäftigt er sich mit seinem Computer. Und dann das - seine Frau macht lauter unsinnige Sachen. Er versucht, mit Logik dagegen anzugehen. "Vor allem bei den Mahlzeiten gab es Streit", erzählt er. "Sie wollte nicht essen, und ich schimpfte, sie solle endlich den Mund aufmachen. Dass es manchmal bei ihr einfach motorische Blockaden gab und gibt, war mir lange Zeit nicht klar."
Alzheimer ist unberechenbar: Was heckt das erkrankte Gehirn gerade wieder aus? Wann kommt ein neuer Schub? Wie lange dauern die guten Phasen, wie lange die schlechten? Welche Fähigkeit verliert der Kranke als Nächstes? "Ich habe lange versucht, meine Frau zu ändern. Bis ich begriffen habe, dass es nicht mehr geht. Man selbst muss sich ändern", sagt Werner Breitgraf. "Geduld war dabei für mich am schwierigsten zu lernen."
Der Alltag in jener Zeit ist zermürbend. Ehemann und Tochter sind am Rand ihrer Kräfte. "Ich war ausgebrannt, wütend auf die Krankheit und auf unser Schicksal", erzählt Christel Hermanns. Manchmal kommt sie von der Mutter nach Hause, weint, weiß nur: "Ich will diese ganze Schiete nicht mehr." Und bekommt sofort ein schlechtes Gewissen - die innere Stimme mahnt: Du musst dich mehr kümmern und besser aufpassen. Mal übers Wochenende wegfahren? Undenkbar. Ein Buch lesen? Ausgeschlossen. Nicht einmal, als Christel Hermanns' damaliger Ehemann sagt, dass er sich von ihr trennen will, kann sie zuerst an sich denken. Diskutieren, streiten, ihn aufhalten oder zusammenbrechen - all das muss warten, weil Christel Hermanns erst einmal jemanden für ihre Mutter auftreiben muss. Die liegt mit einem Magen-Darm-Virus im Bett, auch ihr Vater ist daran erkrankt und fällt als Betreuer aus.
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Ausgabe 32/2006
Rat für Angehörige Die Betreuung eines Alzheimer-Kranken kann extrem belastend sein. Verschiedene Organisationen helfen, den schwierigen Alltag zu bewältigen.
Gruppen
Alzheimer Angehörigen-Initiative
Reinickendorfer Str. 61 (Haus 1)
13347 Berlin
Tel.: 030/4737 89-95 (Mo. bis Do. 10-15 Uhr)
www.alzheimerforum.de
Beratung per Telefon oder E-Mail, Internetselbsthilfegruppe, Seminare und Info-Veranstaltungen, betreuter Urlaub und betreute Ausflüge mit Erkrankten
Deutsche Alzheimer Gesellschaft
Friedrichstr. 236
10969 Berlin
Tel.: 030/25937950
Beratungstelefon: 01803/171017
www.deutsche-alzheimer.de
Hier erhalten Sie u. a. Anschriften regionaler Angehörigengruppen.
Kostenlose Broschüre (unter 030/25937950 anfordern):
"Das Wichtigste über die Alzheimer-Krankheit"
Alzheimer Forschung Initiative
Grabenstr. 5
40213 Düsseldorf
Tel.: 0800/2004001
www.alzheimer-forschung.de
Kostenlose Broschüren: "Leben mit der Alzheimer-Krankheit. Ein Ratgeber für Pflegende" und "Diagnose Alzheimer. Ehrliche Antworten für Patienten"
Deutsches Grünes Kreuz
Im Kilian, Schuhmarkt 4
35037 Marburg
Tel.: 06421/2930
www.altern-in-wuerde.de
Broschüre "Verwirrt, verschroben, abgeschoben? Ein kleiner Ratgeber für Angehörige von Demenz-Patienten" unter dem Stichwort "Alzheimer" anfordern und einen mit 1,45 Euro frankierten DIN-A5-Rückumschlag beilegen