Männlich, jung, Fleischfan

10. Januar 2013, 15:30 Uhr

60 Kilogramm Fleisch verzehrt jeder Deutsche im Jahr: Ein "Fleischatlas" des BUND zeigt, welche Probleme das mit sich bringt - und woher das Fleisch der Zukunft kommen könnte. Von Lea Wolz

Was auf unseren Tellern landet, ist auch eine politische Entscheidung. Denn was wir konsumieren, hat in einer globalisierten Welt weitreichende Auswirkungen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat nun gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung und der Monatszeitung "Le Monde Diplomatique" einen "Fleischatlas" herausgegeben. Damit soll gezeigt werden, was das Schnitzel auf unserem Teller mit dem Regenwald im Amazonas zu tun hat und wie unsere Fleischgier mit dem Hunger im Süden der Welt zusammenhängt. Um Probleme wie Antibiotikaeinsatz und Raubbau an den Ressourcen zu lösen, fordert der BUND eine Kehrtwende in der Agrarpolitik. stern.de stellt zehn Fakten zum Fleischkonsum aus dem Bericht vor.

1. Jeder Deutsche isst 1094 Tiere

Rund 60 Kilogramm Fleisch verzehrt jeder Deutsche pro Jahr im Schnitt - und damit doppelt so viel wie die Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Auf ein ganzes Leben gesehen kommen so pro Bundesbürger 1094 Tiere zusammen - verteilt auf 945 Hühner, 46 Puten, 46 Schweine, 37 Enten, 12 Gänse, 4 Schafe und 4 Rinder. Die Bewohner der ärmsten Länder der Welt essen mit unter zehn Kilogramm pro Jahr und Kopf deutlich weniger Fleisch. "Die globalen Ungerechtigkeiten lassen sich an nichts anderem so deutlich ablesen, wie am Verbrauch von tierischem Eiweiß", heißt es in dem Bericht.

2. Wurst und Fleisch landen zu häufig auf dem Teller

85 Prozent der Deutschen essen nahezu täglich Fleisch und Wurst. Männer langen häufiger zu als Frauen. Bei Männern sind die 19- bis 14-Jährigen dem Bericht zufolge die größten Fleischvertilger. Bei den Frauen liegen die 25- bis 34-Jährigen mengenmäßig auf dem Spitzenplatz. Auch wenn immer mehr Verbraucher angeben, auf Biofleisch zu achten: Im Vergleich zur konventionellen Fleischwirtschaft sind die Absätze noch gering. Mit einem Marktanteil von vier Prozent beim Rind, zwei Prozent beim Geflügel und einem Prozent beim Schwein (Stand: 2010) bleibe Bio noch in der Nische, schreiben die Autoren des "Fleischatlas".

3. Der hohe Fleischkonsum frisst Ressourcen

Fleischproduktion verbraucht viele Ressourcen. In jedem Kilo Rindfleisch stecken laut "Fleischatlas" 6,5 Kilo Getreide, 36 Kilo Raufutter wie Heu oder Rüben und 15.500 Liter Wasser. Fast zwei Drittel der hiesigen Agrarflächen würden inzwischen für die Erzeugung von Futtermitteln gebraucht, die für die Aufzucht von Schweinen, Hühnern und anderen Tieren in Mastfabriken dienen. Weltweit werde nahezu ein Drittel der Landflächen für die Futtermittelproduktion eingesetzt, während die Kleinbauern zunehmend ihr Land - und damit ihre Nahrungs- und Existenzgrundlage - verlieren, kritisieren die Herausgeber des Berichts. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung und immer knapper werdenden Ressourcen werde es daher unmöglich sein, den Fleischhunger von immer mehr Menschen zu stillen - ohne dies auf Kosten der Umwelt und anderer Menschen zu tun.

4. Vor allem Industrieländer exportieren Fleisch

Die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, die EU und Australien sind die größten Fleischexporteure der Welt. Von den zehn größten Fleischhändlern weltweit haben sieben ihren Hauptfirmensitz in den USA, heißt es im "Fleischatlas". Das meiste Fleisch, das weltweit verzehrt wird, stammt vom Schwein. Stark aufgeholt hat die Geflügelproduktion. Sie hat sich seit den 60er Jahren weltweit mehr als verzehnfacht.

5. Fleisch ist Symbol für Aufstieg und Luxus

In den Industrieländern stagniere der Verzehr von Fleisch auf hohem Niveau, schreiben der BUND und seine Partner. In Schwellen- und Entwicklungsländern nimmt er hingegen zu. Fleischverzehr gelte dort als Symbol für Aufstieg und Luxus. China etwa langt kräftig zu: Innerhalb von drei Jahren hat sich der Fleischverzehr dort vervierfacht.

6. Vorlieben zerstören lokale Märkte

Abgepackt liegen die Hähnchen-Brustfilets in den Kühlregalen der Discounter: Vor allem US-amerikanischen und deutsche Konsumenten bevorzugen diesen Teil des Huhns. Der Rest wird andernorts vermarktet - und zerstört dort lokale Märkte, etwa im westafrikanischen Ghana, wo die restlichen Teile des Hähnchens günstig verkauft werden. Die lokale Geflügelproduktion konnte bei den Dumpingpreisen nicht mithalten und brach in den neunziger Jahren zusammen.

7. Subventionen setzen falsche Anreize

Größere Ställe, mehr Tiere: Der Weg hin zur Massenproduktion werde massiv subventioniert, kritisiert der Bericht. So fördere die EU etwa den Futtermittelhandel mit Milliarden. Auch Investitionen in Ställe und Land würden bezuschusst, über 240 Millionen Euro stehen dem Atlas zufolge im EU-Haushalt direkt für die Fleisch verarbeitende Industrie zur Verfügung. Der BUND und seine Partner fordern verbindliche Leistungen für die Umwelt im Gegenzug für die Subventionen.

8. Antibiotika werden zu häufig eingesetzt

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge bekommen mittlerweile mehr gesunde Tiere als kranke Menschen Antibiotika. Das Problem: Die scharfe Waffe im Kampf gegen Keime wird stumpf, immer mehr Bakterien werden dagegen resistent. Im weltweiten Ranking liege Deutschland mit geschätzt etwa 170 Milligramm eingesetzten Antibiotika pro Kilogramm erzeugtem Fleisch auf einem der vorderen Plätze, kritisiert der BUND.

9. Fleisch aus dem Labor ist Zukunftsmusik

Kommt das Fleisch der Zukunft aus der Petrischale? Gelingt es, Schnitzel oder Burger im Labor zu züchten, würde dies die Umwelt schonen, argumentieren Befürworter. Doch obwohl Gewebeforscher seit Jahren an dem In-vitro-Fleisch tüfteln, ist es bis jetzt noch nicht geglückt, ein schmackhaftes Labor-Steak herzustellen. Es werde daher wohl noch eine Weile dauern, bis in der heimischen Küche neben dem Brotbackautomaten ein Steak-Inkubator steht, schreiben die Autoren des "Fleischatlas".

10. Weniger Fleich ist besser für die Gesundheit

Was also bleibt? Der Verzicht auf Fleisch sei längst salonfähig geworden, heißt es im "Fleischatlas", das Unbehagen an der Massentierhaltung gestiegen. Der Gesundheit ist eine weniger fleischlastige Ernährung zuträglich: Vor allem rotes Fleisch steht im Verdacht, das Risiko für verschiedene Krankheiten zu erhöhen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt daher, dass der Fleisch- und Wurstkonsum 300 bis 600 Gramm nicht übersteigen sollte - pro Woche wohlgemerkt, nicht täglich.

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