Wie gefährlich ist der Schluck aus einer Plastikflasche? Antwort darauf sucht Werner Boote in "Plastic Planet", der heute in die Kinos kommt. Ein Film, der ein heikles Thema aufgreift. Von Sylvie-Sophie Schindler

Geniale Erfindung oder Gefahrenquelle? Unmengen an leeren Plastikflaschen transportiert dieser Rikschafahrer© Thomas Kirschner/Farbfilm-Verleih
Es gab diesen Moment, mitten in der Produktionsphase von "Plastic Planet", da hat Werner Boote völlig die Nerven verloren. "Um Gottes Willen, rund um mich herum ist Gefahr, und niemand weiß es. Bin ich der Einzige? Das ist alles schrecklich", dachte der Regisseur nach rund zehn Jahren Recherche. Auf seinen Reisen von Deutschland, Österreich, Italien bis nach China, Japan und Indien hat Werner Boote 700 unabhängige Studien gesammelt, sagt er. Alle würden zeigen, wie schädlich Plastik sei. Lediglich zehn Studien, so Boote, beweisen das Gegenteil - allesamt von der Industrie in Auftrag gegeben. Medienwirksam unterzog sich das Filmteam einem Bluttest. Heraus kam, was schon bekannt ist: Das Plastik ist auch im Körper, jedes Crewmitglied hatte Plastik-Substanzen wie Bisphenol A (BPA), Weichmacher und Flammschutzmittel im Blutplasma.
"Vor unseren Augen findet ein Skandal statt, und wir merken es nicht einmal", entrüstet sich Werner Boote. "Bisphenol A kann schon in sehr geringen Mengen gefährlich werden, Allergien und Krebs auslösen, eventuell sogar das Erbgut schädigen", sagt er. Der Österreicher hofft, dass es ihm mit seinem Streifen gelingt aufzurütteln und prophezeit: "Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken."
Plastik ganz aus dem Weg zu gehen, dürfte allerdings kaum möglich sein. Die Menge des Kunststoffs, die in den vergangenen 100 Jahren produziert wurde, würde reichen, um den gesamten Erdball sechsmal einzupacken. Weltweit werden jährlich fast 240 Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt, 60 Millionen Tonnen davon in Europa. Zum Vergleich: Vor 40 Jahren waren es in Europa noch fünf Millionen Tonnen Plastik jährlich. Heute macht die Kunststoffindustrie 800 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Mehr als eine Million Menschen arbeiten allein in Europa in der Plastikindustrie. Jeder Industriezweig ist heute auf Kunststoff angewiesen. Mit dem Film "Plastic Planet" geht der Streit um die Gefährlichkeit nun in eine weitere Runde.
Der Toxikologe Ibrahim Chahoud von der Charité in Berlin kennt sich mit dem Thema Bisphenol A bestens aus. Er sagt: "Gefahren sehe ich vor allem für Schwangere, Säuglinge oder Kleinkinder. Denen kann ich nur raten: Lieber einen weiten Bogen um Plastikflaschen machen." Von Panikmache hält das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dagegen nichts. "Eine Gesundheitsgefährdung für Säuglinge und Kleinkinder, die Nahrung aus Polycarbonatflaschen aufnehmen, besteht nicht", sagt ein BfR-Sprecher, der sich ebenfalls auf wissenschaftliche Studien beruft. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und die amerikanische Lebensmittelsicherheitsbehörde (FDA) teilen diese Bewertung. In einem weiteren Bericht des BfR heißt es: "Bisphenol A gehört zu einer Gruppe von Substanzen, die hormonähnlich wirken können. Die Substanz hat eine geringe akute Giftigkeit. Es gibt jedoch keine Hinweise auf eine Krebs auslösende Wirkung."
Gefährlich oder nicht? Was stimmt, ist für den Konsumenten nur schwer zu überprüfen. Allein die Additive, Weichmacher wie Farb- und Flammschutzmittel, die bei der Kunststoffproduktion beigemischt werden, sind ein eigener Kosmos für sich. "Es ist in der Praxis nicht machbar, die Erzeugung von Plastik - vom Erdöl bis zum fertigen Produkt - lückenlos zu dokumentieren", sagt Boote. "Die chemische Zusammensetzung ist Firmengeheimnis - und zwar weltweit."
Deutlich wird in dem Film "Plastic Planet" auch: Plastik hat nicht nur eventuelle gesundheitliche Auswirkungen, sondern auch handfeste ökologische. Auf seinen Reisen traf Boote unter anderem auf Charles Moore, der 1994 entdeckte, dass 1600 Kilometer vor der Küste Kaliforniens ein Müllstrudel im Pazifischen Ozean treibt, der "Great Pacific Garbage Patch". Seine Größe wird mittlerweile auf 700.000 Quadratkilometer geschätzt. Auch im Nordatlantik haben Forscher nun riesige Flächen von Plastikmüll entdeckt. Vor zehn Jahren sei das Verhältnis Plastik zu Plankton in den Ozeanen noch 6 zu 1 gewesen, sagt Moore. Mittlerweile gibt es zehnmal mehr Plastik. Die Folge: Fische und Seevögel sterben, weil sie die Kunststoffe mit Nahrung verwechseln.
In dem Film kommen auch Plastikhersteller zu Wort. 18 Monate musste Boote warten bis ein Interview mit John Taylor, dem Präsidenten von "Plastic Europa", der Dachorganisation europäischer Kunststofferzeuger, zustande kam. Etwas, das selbst der größten amerikanische Sendung "60 Minutes" nicht glückte. "Doch sobald man kritische Fragen stellte, erhielt man ausweichende Antworten", erzählt Boote. Dabei dürfte Boote der Kontakt zu den Großen der Kunststoffindustrie nicht fremd sein. Fast wie eine Ironie der Geschichte mutet es an, dass ausgerechnet sein Großvater in den 60er Jahren Geschäftsführer der deutschen Interplastik-Werke war. "Und nun kämpft der Enkel mit harten Bandagen", sagt Boote.