Die Krise in der Lebensmitte - sie ist wohl kaum mehr als eine Erfindung cleverer Ratgeberautoren: Die Generation 40 plus nimmt noch mal kräftig Schwung auf für neue Aufgaben und neue Lieben. Ihr Lohn ist mehr Sinn und Lust am Leben. Von Peter Sandmeyer

Glücklich gelandet: Vor dem "Ufo" des Bremer Science Centers denkt Johannes Missall über weitere Ausstellungen nach© Edgar Rodtmann + Jens Neumann
Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keine "Midlife-Crisis". Die seelische Krise in der Lebensmitte, die erdbebenartige Erschütterung der gesamten Existenz, sie war eine Erfindung cleverer Autoren psychologischer Populärliteratur. Alle neueren Forschungen zeigen, "dass die Frage nach einer universellen Krise im mittleren Erwachsenenalter eindeutig zu verneinen ist". So die knappe Zusammenfassung der Ergebnisse.
Und nun die schlechte Nachricht: Entwicklungspsychologische Krisen kann es in allen Lebensaltern geben. Also auch in den Jahren zwischen 40 und 50. Für die Psyche ist die Zeit der Lebensmitte nicht besser oder schlechter als die davor oder danach. Aber sie ist anders.
"In dieser Lebensphase bereitet sich eine bedeutende Veränderung der menschlichen Seele vor", schrieb Carl Gustav Jung, der Begründer der analytischen Psychologie. Ähnlich wie in der Pubertät, glaubte er, fühle der Mensch sich beim Erreichen der zweiten Lebenshälfte bedroht. Beunruhigt von kommenden Erschütterungen, deren Vorboten er spürt.
Unbegründet ist die aufsteigende Unruhe nicht. Fast 60 Prozent der deutschen Unternehmen haben keine Beschäftigten, die älter sind als 50. Die Welt der Chancen wird die der Jüngeren. Auch die Welt der Grenzenlosigkeit. Jenseits der 40 verliert sich das Gefühl, das Leben sei endlos.
"Es gelingt noch, den Blick der Männer auf sich zu ziehen", erzählt die Hamburger Psychologin Petra Ohlsen, 54, "aber wenn der Blick dann kommt, schätzt er kurz ab und wandert weiter; früher wäre er haften geblieben, zu einem Lächeln, vielleicht einem Flirt geworden." Der Blick in den Spiegel, die Falten, das Schwinden der Schönheit sind eine Kränkung der Seele. Die ist, sagt die Psychologin, "umso größer, je weniger man sonst besitzt."
So kann das Leben einen bitteren Geschmack annehmen. Durch den Zweifel an dem, das man geführt, die Trauer über das, welches man nicht gelebt hat. Die abservierten Liebschaften, die abgebrochenen Ausbildungen, die abgetriebenen Kinder, die abgelehnten Chancen. "Das Gute ungetan, die Liebe nicht geliebt, die Zeit verschleudert", so blickte der englische Dichter Philip Larkin auf sein Dasein zurück. Ein Gefühl des Gefangenseins kann sich einstellen, gefangen in einem Leben, in das man zufällig geraten ist, aus dem man nicht mehr herausfindet.
Jede Entscheidung im Leben, die man für etwas trifft, trifft man auch gegen etwas. Gegen die Frau, die man nicht heiratet, den Beruf, den man nicht ausübt, die Stadt, in der man nicht lebt. Das Leben kann als immer schmaler werdender Korridor erscheinen mit Türen, die im Rückblick weit offen standen. War es richtig, keine zu durchschreiten? Hätte man dahinter die "Fülle des Lebens", von der die Bibel spricht, gefunden? Hat man gelebt oder wurde man gelebt? Getrieben von Kleinmut, Vorsicht, Pragmatismus?
Manche geraten in Panik, wenn sie sich der Erkenntnis stellen müssen, dass ihr bisheriges Leben keine Einbahnstraße zum Glück war. Krempeln das Dasein noch einmal völlig um. Kappen alle Taue, die sie an ihr altes Leben fesseln. Schmeißen den Job hin, reichen die Scheidung ein, heiraten mit 50 eine 20-Jährige, setzen sich ab in die Südsee, den Swingerclub oder die Weinkeller der Toskana. Wollen das Glück, das bisher fehlte, gewaltsam ins Leben zwingen.
Suzanne Goff, Deutsch-Amerikanerin, Single und Privatlehrerin ohne Rentenanspruch, entschied nach ihrem 50. Geburtstag, dass alles anders werden müsste. Sie wollte mehr materielle Sicherheit, einen Mann und durch ihn die Aussicht auf einen geborgenen Nachmittag des Lebens. Mann und großzügiges Haus fand sie in Arkansas, der Countdown in Deutschland war kurz, die Abschiedsparty der Freunde rührend. Ein Jahr später war sie zurück in einer Hamburger Einzimmerwohnung. Die Seele war nicht an dem Ziel angekommen, für das der Kopf sich entschieden hatte. Zurück in ihrem alten Leben voller materieller Unsicherheit, schrieb Suzanne an ihre Schwester: "Ich bin wieder in meinem sicheren Hafen und fühle mich gut. Vollauf zufrieden, dort zu sein, wo ich geachtet, geschätzt, geliebt werde."
Was, fragt der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid, ist denn Glück eigentlich? Nur die Maximierung von Lust, die Minimierung von Unlust? Nichts gegen die Lust, sagt Schmid, sie ist ein Hochgefühl, ein schöner Moment; aber sie hält nicht vor, sie vergeht; das gehört zu ihrem Wesen. Und was ist mit der Unlust? Dazu zählen nicht nur Schmerz, Leid und Krankheit, die mit allen Mitteln bekämpft werden, sondern oft schon jede Einschränkung der persönlichen Freiheit durch die Ansprüche anderer. "Aber wenn ich von allen Bindungen befreit bin, wo stehe ich dann? Im Nichts." Die Sehnsucht nach Glück sei eigentlich die Sehnsucht nach Sinn, schreibt der Philosoph: Sinn der Arbeit, Sinn des eigenen Lebens, Sinn des Lebens überhaupt. "Wo Sinn erfahrbar wird, ist Glück die Folge." Erfahrbar wird Sinn durch andere Menschen. Im Erlebnis, gebraucht, geachtet, geschätzt, geliebt zu werden.
Christina von der Linde ist 47 und wird vielfältig gebraucht. Von Haus und Hund, von ihrem Mann, von der zwölfjährigen Tochter und dem zehnjährigen Sohn und von ihrer neuen Geschäftspartnerin Sunna Lensch, mit der sie nach Jahren in der Werbebranche gerade die eigene Agentur Zauberwerk gegründet hat. Anspruchsvolles Konzept: Kunden mithilfe eines Netzes von befreundeten Künstlern, Fotografen, Programmierern und PR-Profis - alle über 40 - Konzepte für Werbekampagnen anzubieten, vom Inserat über die Schaufensterdekoration bis zum Kostüm der Hostess, die die Pröbchen verteilt.
Mit Mitte 40 ein kompletter beruflicher Neuanfang, ein Sprung ins kalte Wasser, riskant, oft stressig. "Klar, da gibt es diese Morgen, an denen man ein tiefes Bedürfnis nach Ruhe, nach Cappuccino auf einer sonnigen Terrasse, nach Sauna, Massage und Wellness empfindet." Aber noch stärker empfindet sie die Befriedigung darüber, dass die Sinnhaftigkeit in ihrem Leben zugenommen hat. Und den wesentlichen Teil dieser Sinnhaftigkeit erfährt sie durch die Menschen, mit denen sie lebt, für die sie lebt - die Freunde, die Kinder, den Mann.
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Stern
Ausgabe 38/2008