Für seine provozierenden Thesen erhält Richard Dawkins Hassbriefe von radikalen Christen. Im stern-Gespräch erläutert er seine Skepsis gegenüber jeder Form der Religion.

"Vermutlich glauben Sie ebenso wenig wie ich an die Existenz von Feen. In diesem Sinne sind wir fast alle Agnostiker." Richard Dawkins in seinem Haus in Oxford© Karen Robinson
Vielleicht hat er recht. Es scheint tatsächlich so, als kämen viele Menschen ohne Gott nicht aus. Die spannende Frage aber lautet, ob wir wirklich alle einen Gott brauchen. Ich glaube, nicht.
Als Erklärung für ihre Existenz, auch wenn die durch Gott natürlich nicht erklärt wird. Als Trost für Menschen, die einen anderen verloren haben und nach dem Sinn des Ganzen suchen. Als Hilfe für die Ängstlichen, als Stütze für die Einsamen. Es ist nicht ganz und gar lächerlich, sich einen Freund herbeizufantasieren, der einem hilft. Vielleicht hilft er nicht so sehr wie ein echter. Aber ein eingebildeter Freund kann besser sein als gar nichts.
Dagegen habe ich überhaupt nichts. Mich interessiert etwas anderes: die Wahrheit. Ich möchte gerne wissen, was wirklich ist. Und an einen Gott zu glauben, der Trost spendet, sagt nichts darüber aus, ob er tatsächlich existiert. Gibt es Gott überhaupt, lautet meine Frage. Denn falls er nicht existiert, ist der Trost, der von ihm ausgeht, eine ziemlich leere Angelegenheit.
Das war mein ursprünglicher Ehrgeiz, vielleicht war ich da ein bisschen zu kühn. Das Buch läuft hervorragend, mehr als eine Million Exemplare der englischsprachigen Ausgabe wurden binnen eines Jahres verkauft. Aber ich habe den Verdacht, dass es nicht viele bekehren wird. Menschen, die an Gott zweifeln, scheint es immerhin zu bewegen, sich zu ihren Zweifeln zu bekennen oder sogar zu ihrem Unglauben, vor allem in den USA.
Ja, Leute fühlen sich dort ermutigt, ihren Atheismus öffentlich einzugestehen. Anders als in Europa, wo das Thema keine so große Bedeutung hat, obwohl Religion auch bei uns nicht ohne Einfluss ist.
Man denke nur an die Parteien, die sich mit dem Etikett „christlich“ schmücken. An die Lehren von Intelligent Design statt des Darwinismus in den Niederlanden. Oder den Streit um Abtreibung oder Stammzellenforschung, bei dem die Kirche großen Einfluss nimmt. Selbst wenn die Mehrheit der Europäer womöglich längst nicht mehr zur Kirche geht, glauben die meisten wahrscheinlich weiter an ein übernatürliches Wesen.
Mein größtes Anliegen ist die Wahrheit. Ich will wissen, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Frage will ich mit meinen Lesern erörtern. Weniger, was die Leute mit dem Verweis auf Religion tun, auch wenn ich in ein paar Kapiteln darauf eingehe.
Ich hoffe, Sie haben ein bisschen mehr als das Vorwort gelesen. Das wichtigste Kapitel ist nämlich das vierte. Es heißt „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt“.
Ich bin Agnostiker. Üblicherweise sind Agnostiker Leute, die eine 50 : 50-Wette über die Existenz Gottes eingehen: Kann sein, dass es ihn gibt, kann auch sein, dass es ihn nicht gibt. Das finde ich zu wenig. Auf der anderen Seite stehen die Atheisten. Atheismus in purer Form heißt: Gott gibt es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht. Auch diese Position teile ich nicht. Ein Wissenschaftler sollte sich nie hundertprozentig sicher sein. Aber es geht um mehr als 50 : 50. Vermutlich glauben Sie ebenso wenig wie ich an die Existenz von Feen oder von unsichtbaren Wesen in rosa Uniformen. In diesem Sinne sind wir fast alle Agnostiker. Genau darum geht es auch bei der Existenz Gottes.
Richtig.
Auch richtig. Ich fälle ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz. Und die liegt unter 50 Prozent, ich glaube sogar, sie ist äußerst gering. Mir geht es dabei nicht nur um den alten Mann mit dem Vollbart, sondern um jede Form eines übernatürlichen Wesens oder Schöpfers.
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