Die Magie des Gesteins

12. Juli 2008, 10:46 Uhr

Das Land, das wir Deutschland nennen, wurde in Milliarden Jahren immer wieder zerrissen, aufgefaltet, überflutet und neu zusammengefügt. An manchen Orten sind die Dramen der Erdgeschichte bis heute sichtbar - eine Reise zu Deutschlands Nationalen Geotopen. Von Axel Bojanowski

Lichter Buchenwald bedeckt die Kreidefelsen von Rügen©

Südlich von Dresden beginnt ein Märchenland. Schroffe Felssäulen ragen 500 Meter in die Höhe, an ihren Spitzen hängt Nebel. Schlanke Birken krallen sich an die Steilwände. Unten im Tal gurgeln kristallklare Bäche durch dämmrige Schluchten, wuchert Farn auf Geröllhaufen und mannshohen Findlingen - die Sandsteinformation Bastei in der Sächsischen Schweiz zählt zu den spektakulärsten Naturwundern Deutschlands. Jährlich reisen zweieinhalb Millionen Besucher hierher, um auf schmalen Brücken von Felsnadel zu Felsnadel zu steigen und durch die wilden Canyons zu wandern. Und seit das Elbsandsteingebirge zum "Nationalen Geotop" erklärt wurde, kommen außer Naturfans und Panorama-Liebhabern auch immer mehr Menschen, die sich für die Geologie des Ortes begeistern.

Geotope - auf den ersten Blick mögen das Ansammlungen bizarr geformter Steine sein. Doch wer genauer hinsieht, kann aus stummem Fels die dramatischsten Kapitel der Erdgeschichte herauslesen, vor allem an den 77 Orten in Deutschland, die die Akademie der Geowissenschaften in Hannover im Mai vergangenen Jahres zu "Nationalen Geotopen" erklärt hat (siehe Karte Seite 72). Sie vermitteln eine Ahnung von den ungeheuren Kräften, die früher auf die Erdoberfläche gewirkt haben: Immer wieder wurde das Land, das heute Deutschland ist, zerrissen, zu Gebirgen aufgefaltet, abgeschliffen, von Meeren überspült, von Asteroiden getroffen und neu zusammengefügt. Pflanzen und Tiere mussten sich dem ständigen Wandel unterwerfen - manche Arten überlebten, andere starben aus. Als Fossilien haben sie ihre Spuren hinterlassen. Kein Zweifel: Steine können erzählen.

Die Geschichte, von der sie zeugen, beginnt vor etwa 4,6 Milliarden Jahren, als sich glühende Gesteinsbrocken zu einem Planeten ballten. In den folgenden Milliarden Jahren geschieht, was mit menschlicher Vorstellungskraft kaum zu fassen ist: Die Erde bekommt ihr Gesicht. Gase aus ihrem Inneren bilden eine Atmosphäre, brodelndes Urgestein kühlt zu einer festen Kruste aus, und eine gewaltige Sintflut lässt den Urozean anschwellen. Irgendwann schweben darin die ersten Einzeller.

Die Steinerne Agnes

Dann, vor 542 Millionen Jahren, entwickelt sich das Leben im Meer plötzlich zu einer ungeheuren Artenvielfalt: Schneckenartige Weichtiere, grotesk aussehende Gliederfüßer, gepanzerte Fische und bis zu zwei Meter lange Seeskorpione durchstreifen den Ozean. Das Land, das später Deutschland bilden wird, befindet sich zu dieser Zeit südlich des Äquators und wird in der Mitte von einem subtropischen Meeresarm durchtrennt, einem Vorläufer des Mittelmeers. Dort, wo Köln liegen wird, plätschert damals eine Lagune.

Die Reste eines vorgelagerten Riffs aus dieser Zeit stehen heute mitten im Wald bei Bergisch Gladbach. Es ist der Geotop im Tal der Schlade, in dem der Besucher auf einem Lehrpfad von der früheren Brandungszone durch das zentrale Riff bis zur Lagune spazieren kann. Der Meeresboden und die Kalkwände des Riffs sind gespickt mit fossilen Muscheln, Schwämmen und Hohltieren - die Einheimischen nennen die uralten Versteinerungen von Schwämmen wenig ehrfürchtig "Nudelsalat".

Auch weiter südlich, im Lattengebirge bei Berchtesgaden, wandert man über ehemaligen Meeresboden. Nach einem steilen Aufstieg von Bischhofswiesen hinauf in die Berge taucht in 1300 Meter Höhe die Steinerne Agnes auf: eine schlanke, zehn Meter hohe Säule aus Dolomitstein, den Wind und Wetter zu einer Frauengestalt mit Hut geschliffen haben. Das Gestein der berühmten Landmarke und der gesamten Berchtesgadener Alpen entstand vor rund 220 Millionen Jahren, als Bayern noch von einem tropischen Flachmeer bedeckt war. Darin jagten krokodilähnliche Meeressaurier nach Fischen und schweinegroßen Wesen, den Vorfahren der Säugetiere. In den folgenden Jahrmillionen lagert sich Kalkschlamm im warmen Meerwasser ab, der sich mit der Zeit zu Kalkstein verfestigt. In den vom offenen Meer abgeschnittenen und sehr salzhaltigen Lagunen wird das Calcium durch Magnesium ersetzt, dort bildet sich Dolomitgestein, das sich mehr als 2000 Meter hoch auftürmt.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 28/2008

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