24-Stunden-Rennen Nürburgring Topfschlagen bei 200 km/h


Anspruchsvolle Kurven, überraschende Wetterkapriolen und hitzige Duelle auf der Strecke: Mehr Durcheinander als beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gibt es nirgendwo. stern.de-Mitarbeiter Christian Gebhardt hat das Höllen-Chaos im Cockpit miterlebt.

Streckenabschnitt Hocheichen, schnelle Links, voll durch die Senke, fünfter Gang, Kuppe Quiddelbacher Höhe, kurz anbremsen, danach Höchstgeschwindigkeit Flugplatz bis Sprunghügel Schwedenkreuz. Wie eine kreisende Endlos-CD spult das Gehirn die wiederkehrenden Kurvenpassagen der berüchtigten Nordschleife beim 24-Stunden-Dauerlauf Tag und Nacht ab. "Knack, knister." Urplötzlich bleibt der drehende Tonträger hängen, eine weiße Wand versperrt schlagartig die Sicht aus dem Cockpit. "Wie sieht noch mal die nächste Kurve aus? War die Kuppe schon immer hier?" Die Grüne Hölle ist nicht mehr wiederzuerkennen und wird ihrem höllischen Ruf gerecht. Blitzschnell auftretender Bodennebel bringt die rasenden Gehirnwindungen der Rennteilnehmer mächtig ins trudeln.

"Da draußen siehst du nichts", brüllte mir mein Teamkollege noch schnaufend beim Boxenstop hinterher, nachdem er zwei Stunden unseren ausdauernden Marathon-Audi A3 gelenkt hatte. "Klar, ist ja auch Nacht." In den engen Schalensitz gefesselt sollte sich der bissige Kommentar schon wenige Minuten und schnelle Kurven später rächen. So schlimm kann der Nebel schon nicht sein. Eigentlich war alles wie gemacht für das wahre Eifel-Abenteuer. Drei Uhr nachts, ein schneller Bolide und die legendäre Nordschleife bei Dunkelheit. Weder bei öffentlichen Touristenfahrten noch einem anderen Ring-Spektakel gibt es das. Nur der 24-Stunden-Marathon um die Uhr bietet dieses besonders rasante Nightlife.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts…

Und jetzt so etwas. Meine Nerven liegen schon nach der ersten Runde bei der beängstigenden Nachtfahrt in der dichten Suppe blank. Undurchsichtige Nebelbänke und klare Sicht wechseln ständig. Die hellen Scheinwerfer reflektieren den dichten Dunst so stark, dass bei den nächtlichen Höllen-Runden eine Sicht von knapp zehn Metern herrscht. Zwischendurch wird die pechschwarze Nordschleifen-Idylle dann doch mal wieder sichtbar. Mal wird mit Tempo 80 am Streckenrand nach Orientierung gefahndet, dann wieder mit Vollgas gehetzt. Plötzlich ist der Vordermann wieder vor einem und auf den Eifel-Hängen werden die leuchtenden Lagerfeuer der campierenden Fans wieder erkennbar. Der Schein trügt. Schon nach der nächsten Kurve stellt sich wieder eine weiße Mauer des tückischen Eifel-Smogs ins Sichtfeld. Die blinde Hatz um den vernebelten Ring erinnert an frühe Kindergeburtstage als mit Augenbinde und klopfendem Kochlöffel Muttis Kochtöpfe gejagt wurden. Topfschlagen bei Highspeed.

Ring-Chaos

Bis zur Unkendlichkeit verformte Boliden grüßen die verrückten Nebel-Raser wie Mahnmale vom Streckenrand. Um vier Uhr unterbricht die Rennleitung endlich das gefährliche Chaos-Rennen und verordneten den Rennsüchtigen eine quälende Zwangspause bis sich die Eifelpiste wieder von der sonnigen Seite zeigt. Doch egal ob Sonne, Regen oder Nebel chaotische Zustände sind beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring Standard. Kein Wunder. Hier fährt Porsche gegen Mini, professionelles Werksteam gegen Hobbypiloten, Nordschleifen-Kenner gegen grünen Neuling. Bei keinem Rennen gehen so unterschiedliche Teilnehmer an den Start, wie beim 24-Stunden-Rennen in der Grünen Hölle. Saubere Boxenhygiene à la Formel 1 gibt es hier nicht. Rutschige Ölflecken, ein Meer aus Werkzeugen und herumliegenden Ersatzteilen erblicken die Zuschauer, die zwischen dem Renn-Chaos in der Boxengasse hin und her tapsen. Dort wird am offenen Motor operiert, hier ein verformter Kotflügel ersetzt. Nachts dösen Mechaniker auf Klappstühlen, während aufgeweckte Piloten in Renn-Montur nervös auf ihre nächste Fahrt warten. Klopfende Hammerschläge auf zerbeultes Rennblech untermalen das merkwürdige Szenario von Beginn der ersten Minute bis zum Fallen der schwarz-weißen Zielflagge nach 24 Stunden.

Geisterfahrer beim Höllen-Ritt

Auch auf der Strecke herrscht nicht nur durch die schnell wechselnden Wetterkapriolen auf der legendären Eifelpiste ständige Unordnung. "Ich bin gestern hier im Training zum ersten Mal richtig im Renntempo hier gefahren. Dafür läuft es schon ganz gut", erzählt mir ein neuseeländischer Kaufmann kurz bevor er in seinen 400 PS-Porsche springt. Keine Ahnung, wie der eine Zulassung bekommen hat. "Hoffentlich triffst du den nicht auf der Strecke wieder", schießt es mir in den Kopf. Trotz eines speziellen Nordschleifen-Lehrgangs und zahlreichen Runden im Privatwagen als Vorbereitung auf die Langstrecken-Hatz konnte ich mir die Streckenführung der 73 Ring-Kurven nur langsam merken. Von den 864 gestarteten Teilnehmer aus 29 Nationen donnern zahlreiche Fahrer am 24-Stunden-Wochenende erstmals über die Schleife. Kein Fahrzeug passiert die Ziellinie ohne Lackaustausch.

Drei Unfälle und ein Reifenschaden haben auch unser Team aus Nichtprofis getroffen und den knallgelben Renn-Audi weit nach hinten geworfen. Zum Glück bleibt mein Kerbholz während der Hatz rein. Gelitten wird trotzdem gemeinsam. Unermüdlich schuften die Boxenmechaniker aller Teams um die Fahrzeuge über die Distanz zu bringen. Wer am Ende die Chaos-Höllentour gewinnt ist eigentlich Nebensache. Bejubelt wird jeder.

Von Christian Gebhardt


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