HOME

AUS DEM STERN 24/2001: Stammtisch Strasse

Jeder ist eingeladen, kann mittrinken, mitrauchen, mitquatschen. Wo die Parkplatzraver aufkreuzen, ist Party angesagt.

Sie verbringen ganze Nächte in ihren alten Schlitten. Der Discjockey sitzt am Steuer, und die Theke befindet sich im Kofferraum. Jeder ist eingeladen, kann mittrinken, mitrauchen, mitquatschen. Wo die Parkplatzraver aufkreuzen, ist Party angesagt.

Wer noch cooler ist als diese Jungs, der friert. Sie fahren die angesagtesten Autos, die »fettesten Karren«, für die man nicht einmal die große Kohle hinlegen muss. Denn alte Ford Granadas und Taunusse, Opel Commodores und Mercedes S-Klassen findet man massenweise im Internet und in Anzeigenblättern, und sie kosten meist weniger als die Anzahlung einer Neuwagen-Finanzierung.

Traum: Musclecar

Wenn das Budget dann aber doch etwas größer ausfällt, darf es auch gern ein Musclecar sein. Das sind diese aufgemotzten amerikanischen Traumschlitten mit so viel Leistung, dass ein energischer Tritt aufs Gaspedal die durchdrehenden Hinterreifen in null Komma nix in Rauch aufgehen lässt. Diese Dinosaurier heißen zum Beispiel Dodge Charger oder Plymouth Roadrunner, und sie wurden ab Ende der sechziger Jahre so lange gebaut, bis ihnen die Ölkrise Anfang der Siebziger den Saft abdrehte.

Georg, genannt George, fährt einen Dodge Superbee von 1968, auch so eine fette Karre. Und obwohl George ebenso cool ist wie die anderen Jungs, steht er an diesem Samstagmorgen etwas ratlos an der Kasse einer Hamburger Esso-Station und vor einer schwierigen Entscheidung. Nach dem endlos lange dauernden Betanken seines V8-Schlittens hat er tatsächlich noch ein paar Mark übrig und studiert gedankenversunken die Preistafel über dem Zigarettenregal. »Ich überlege«, denkt er laut, »ob ich meiner Mieze jetzt noch 'ne Tigerwäsche verpasse.«

Dieses Problem ist im Moment aber auch sein einziges, denn heute geht's nach Wittstock zum Beschleunigungsrennen. Auf dem alten Militärflugplatz darf jeder mitfahren, auch ungewaschen. Das geht so: Zwei Autos stellen sich an die Startampel, wärmen ihre Reifen durchdrehenderweise ein wenig auf, und bei Grün geben die Piloten Vollgas. Wer als Erster die Viertelmeilen-Marke schafft, ist Sieger.

Reiner Luxus, aber total geil

Ganz einfach. Oder auch nicht. Helge hat sich zu seinen drei Autos (ein Granada, eine S-Klasse und ein Charger) jetzt auch noch einen Dodge Challenger gekauft, »nur zum Geradeausfahren, nur für diese Rennen«. Reiner Luxus, aber total geil. »An der Ampel schlägt dir jedes Mal das Herz bis zum Hals, so nervös bist du. Du legst den ersten Gang ein, legst ihn noch mal ein und dann noch mal, weil du Angst hast, der könnte nicht richtig eingerastet sein.«

Rollentausch: Pick-up reißt Abschleppwagen in die Luft – doch dann schlägt das Karma zu

Helge ist Anfang 30, Grafiker und Parkplatzraver. Hä? Parkplatzraver, das sind Leute, die treffen sich, richtig, auf Parkplätzen. Am liebsten auf'm Kiez. Vor der Kneipe oder so. Sitzen im Auto, hören Musik, trinken Dosenbier und quatschen. Aha, genau wie die Typen mit den Golf GTIs vor der Dorfdisco, oder?

»Nein«, sagt Parkplatzraver Tobias, 34, Rechtsanwalt von Beruf. »Der Unterschied zum Golffahrer ist, dass wir nicht die letzte Mark für die Autos ausgeben.« Für Spoiler und diesen ganzen Kram. »Das Leben muss auch stimmen, viel rumfahren, viel erleben«, sagt er.

Die eigene Party feiern

Die Idee zu der Parkplatzgeschichte entstand vor ein paar Jahren. Anstatt in die Disco zu gehen, in der Musik lief, die ihnen nicht gefiel, saßen sie draußen davor in ihren Autos. So, dass sie den Eingang im Blick hatten. Von dort konnten sie »Bräute abchecken«, Kumpels mit voll aufgedrehter Musik heranlocken und ihre eigenen Partys feiern. Meist ging in den Autos mehr ab als drinnen im Tanzschuppen. Im Kofferraum palettenweise Dosenbier. Einer blieb nüchtern, und wenn das nicht klappte, pennte er eben so lange, bis er wieder fahren durfte.

So geht das immer noch, wie neulich am Hamburger Berg, einer Querstraße zur Reeperbahn. Wildfremde Leute setzen sich dazu, jeder ist eingeladen. Wer sich wohl fühlt, bleibt sitzen, wer nicht die gleiche Wellenlänge hat, geht von allein wieder. So einfach ist das. Parkplatzraver sind zwar cool, aber nicht arrogant. »Wir grenzen niemanden aus«, sagt Tobias. »Das reguliert sich von selbst.« Jeder darf sich in die Ledersitze lümmeln, Bier trinken, rauchen, essen, reden. »Fenster runter, Tür auf, das ist das Ding«, sagt Helge. Auf den selbst gestalteten Club-Auf-klebern steht »Kommunikation, Bildung, Aktivitäten«. Das Motto gilt überall. Auf Autobahnraststätten, bei Open-Air-Veranstaltungen, ganz egal.

Keine Oldtimer-Spinner

Die Parkplatzraver sind Autofreaks, aber keine peniblen Oldtimer-Spinner, die ihre Schätzchen nur bei Sonnenschein aus der Garage holen und bei jedem Kratzer gleich durchdrehen. Solche Leute mögen sie nicht. »Neulich war da so ein Typ mit einem echt geilen Charger«, sagt Helge. »Aber der hat ein Kind zusammengeschissen, nur weil es sein Auto angefasst hat. Vollidiot.« So einer hat verschissen.

Parkplatzraver e.V.

Michael (auch Grafiker, fährt einen Opel Commodore und einen 69er Plymouth Roadrunner) und Marcus, ein Kumpel aus Oyten bei Bremen, gründeten damals sogar einen Verein, »Parkplatzraver e. V.« Sinn und Zweck: »Förderung der Parkplatzkultur«. Wohl deshalb, weil sich keiner vom zuständigen Amt darunter etwas vorstellen konnte, dauerte die Eintragung ins Vereinsregister ein volles Jahr. Ist ja auch kein typischer Club. Vereinsmeierei findet nämlich nicht statt, wäre auch irgendwie schwer vorstellbar. »Unser Stammtisch ist die Straße«, sagt Helge. Dort treffen sie sich auf Zuruf per Handy. Mitgliedsbeiträge hat bisher noch kein Mensch gezahlt, folglich muss auch keine Jahreshauptversammlung stattfinden, die den Vorstand entlastet.

Die Aufnahmekriterien für neue Mitglieder sind allerdings dehnbar, denn über sie entscheidet das Bauchgefühl. Tolerant und neugierig auf andere Leute sollte jeder Kandidat sein, aber doch den »Style« draufhaben, also das Modeding, und

der Musikgeschmack sollte eine größere Spannweite haben als die Charts - am besten alles von Country bis Techno. Ein bisschen Ahnung von Autos kann nicht schaden, aber ein Parkplatzraver redet nicht den lieben langen Tag nur Benzin.

Frauen gehören ganz klar dazu, aber keine »Schattenkatzen«, die den ganzen Abend nur an ihrem Typen dranhängen. »Selbstfahrerinnen« eben, »nich so Mäuschen«, wie Carmen sagt, Helges Freundin, die auch einen Granada fährt. Und Karrieretypen mit Anzug und Schlips haben keine Chance, selbst wenn sie eine »absolut fette Karre« fahren. »Du kannst dich bei uns nicht einkaufen«, sagt Helge.

»Total überrestauriert«

Granada-Lars zum Beispiel ist auch so ein Problemfall. Der will gern dazugehören und fährt zumindest das richtige Auto, trotzdem haben die Jungs Bedenken. »Der ist zwar ein echt korrekter Vogel, weil er auf diese Oldtimernummer abfährt«, sagt Helge. »Aber der hat den Geist der Sache nicht verstanden.« Denn Granada-Lars hat seine Karre »total überrestauriert«, Zustand besser als neu, und demzufolge ist er sehr pingelig. Bei ihm im Auto darf man nicht rauchen und nicht kleckern. Also setzen sich auch keine Leute zu ihm in die Karre. Keine Anziehungskraft, kein Parkplatzraver. Punkt.

Und »Neuwagen gehen gar nicht«, das steht schon als einleitender Hinweis auf der eigenen Internet-Homepage. Denn »Auspuffsounds werden bei Sportwagen heute im Labor künstlich auf guten Klang getrimmt. Früher klangen die von alleine gut. Ich will immer was spüren«, sagt Helge. »Beim Autofahren, beim Sex, beim Musikhören. Fahrstuhlgedudel haut nun mal keinen um.« Helges Leben soll gefühlsecht bleiben.

Romantiker mit TÜV-Segen

Die Parkplatzraver sind Romantiker, ein bisschen Gesetzlose, weil man sich bei manchen ihrer Autos fragt, auf welchen abenteuerlichen Wegen die den TÜV-Segen bekommen haben. Und Träumer sind sie auch, aber solche, die sich viele ihrer Wünsche letztlich erfüllen. So wie die eigene Werkstatt im Hamburger Hafen, wo sie ihre Autos wieder flottmachen, Ersatzteile lagern und sich auf ein Bier treffen. »Das war auch ein Traum, als ich noch bei minus fünf Grad am Bordstein an meiner Karre geschraubt hab'«, sagt Helge.

Die eigene Zeitschrift

Anderer Traum: die eigene Zeitschrift zu machen. Ziemlich verwegenes Projekt, steht aber kurz vor der Verwirklichung. Seit Monaten schon doktern die Raver daran herum, mit minimalem Budget, aber totaler Hingabe. Das Blatt sollte eigentlich schon voriges Jahr erscheinen, aber so nebenbei, nach Feierabend, dauert das eben länger. Vieles läuft über Beziehungen. Beispielsweise haben die Jungs neulich mal einen ihrer Schlitten als Requisite an einen Fotografen ausgeliehen, der gut im Geschäft ist. Diese Autos sind nämlich total angesagt, bei Modeshootings und für Musikvideos. Dafür durften die Raver dann zwei Tage gratis dessen Studio benutzen. »Das wäre sonst unbezahlbar gewesen«, sagt Tobias. Jetzt, kurz vor Redaktionsschluss, ist die Stimmung geradezu euphorisch, gearbeitet wird oft bis tief in die Nacht. »Wegen unseres Magazins hat Michael gerade einen Arbeitsvertrag mit fünfstelligem Monatsgehalt ausgeschlagen«, sagt Tobias voller Anerkennung. »Ja«, sagt Michael, beinahe verlegen angesichts so viel Lobes, »ich will das unbedingt durchbringen, dieses Ding.«

Dieses Ding, das »Motoraver magazine« soll dieser Tage das erste Mal und dann immer vierteljährlich erscheinen. Und worüber wollt ihr in der ersten Ausgabe berichten? »Also«, sagt Helge, »wir haben da zum Beispiel eine Geschichte drin über Wunderbäume, diese Duftdinger, die am Rückspiegel hängen. Und eine über die fünf besten Verfolgungsjagden, die je im Kino gezeigt wurden.« Steve Mc Queen in »Bullit« ist natürlich dabei, denn aus der gleichen Zeit wie der Film stammen ja schließlich die Lieblingsautos der Parkplatzraver.

»Wir haben ganze Schubladen voller Ideen«, sagt Helge. Nebenbei will er aber auch noch seinen gerade erstandenen Dodge Challenger flottmachen, damit er beim nächsten Beschleunigungsrennen mit am Start sein kann. »Angemeldet hab ich mich schon, damit setz ich mich ein bisschen mehr unter Druck.« Und wie soll das alles gehen? Das Heft, der Job, das Auto vorbereiten? Alles auf einmal?

»Ma gucken«, sagt Helge.

Wissenscommunity