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AUTO: Tamagotchi auf Rädern

Single? Und ständig erfolglos auf Partnersuche? Die Wohnung außerdem zu klein für einen Hund? Toyota hat die Lösung, wie die Zukunft trotzdem rosig aussehen könnte: das Auto als Freund.

Single? Und ständig erfolglos auf Partnersuche? Die Wohnung außerdem zu klein für einen Hund? Toyota hat die Lösung, wie die Zukunft trotzdem rosig aussehen könnte: das Auto als Freund.

Mein Auto, mein Kumpel

Denn mit dem knubbeligen Kleinwagen namens Pod ist man auch ohne Partner nie allein. Wenn man sich ihm nähert, öffnet der Stadtflitzer automatisch seine Schiebetüren, reißt die Kulleraugenscheinwerfer weit auf und strahlt zur Begrüßung mit den Leuchtbändern an seiner Front in fröhlichem Gelb. Damit der Pod seinen Fahrer erkennt, hat Toyota in Zusammenarbeit mit Sony einen elektronischen Schlüssel erdacht, der einem großen Gummibärchen ähnelt. Dieses Ding soll sich sogar die persönlichen Vorlieben des Besitzers merken.

Böser Blick gegen Crashs

Während der Fahrt legt der Bordcomputer die Lieblingsmusik auf oder gibt auf dem Weg zum Shopping schon mal jene Tipps, die den Geschmack am ehesten treffen - schließlich ist Pod per Internet immer auf dem Laufenden. Und falls unterwegs ein Ausweichmanöver nötig ist, um einen Crash zu vermeiden, leuchtet die Front böse in aggressivem Rot. Gleichzeitig verengen sich die Scheinwerfer zur Warnung anderer Verkehrsteilnehmer zu grimmig blickenden Schlitzen. Man ahnt: Der Stinkefinger hat bald ausgedient.

Pädagogisch sinnvoll

Der Pod (englisch für: Hülse) wird sogar pädagogisch tätig, was vor allem für Führerscheinneulinge wertvoll sein könnte. Im elektronischen Hirn des Toyota sind nämlich die Verhaltensweisen eines vorbildlichen und seelisch ausgeglichenen Autofahrers gespeichert. Die vergleicht es permanent damit, wie hektisch der junge Heißsporn am Joystick (Lenkrad? Fehlanzeige!) gerade Gas gibt, lenkt oder bremst. Rückmeldung kommt über Symbole im Display auf dem Armaturenbrett. Tränen der Enttäuschung rügen den Fahrer beispielsweise für riskanten Fahrstil - macht er alles richtig, erscheinen applaudierende Hände. Willkommen im Tamagotchi-Auto.

Zeigen, was man drauf hat

Auf der Tokio Motor Show, die noch bis zum 7. November läuft, machen die japanischen Autohersteller ein für allemal Schluss mit dem Vorurteil, sie würden die westliche Konkurrenz und deren Ideen bloß kopieren. Wo sonst auf den Messeständen von Toyota, Honda und Co. oft nur gähnende Langeweile herrschte, stehen in diesem Jahr die einfallsreichsten Studien. Sie sind zwar Jahre von der Serienreife entfernt, aber ihre Macher zeigen selbstbewusst, was sie drauf haben - wenn man sie machen lässt.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Futuristische Schwaben-Studie

Von den deutschen Herstellern bewies in Tokio nur Mercedes, dass Entwickler auch rumspinnen dürfen. So zeigen die Schwaben mit dem Forschungsfahrzeug F400 Carving eine sensationelle Fahrwerkstechnik: Die jeweils kurvenäußeren Räder des futuristischen Mobils verstellen automatisch ihren Sturz so, dass sich die Fahrstabilität deutlich erhöht. VW hingegen zeigt erneut die Studie eines Anti-Ferrari mit Zwölfzylindermotor, der schon 1997 am selben Ort ausgestellt wurde. Einzige Unterschiede: Nun ist es ein seriennaher Prototyp, der orange statt gelb lackiert ist.

Langweilige Europäer

»Früher galten die europäischen Autos als das Maß der Dinge, und man konnte von ihren Herstellern sehr viel lernen«, sagt der 28-jährige Mazda-Designer Norihito Iwao. »Aber heutzutage haben die jungen Leute in Japan das Selbstvertrauen, etwas Neues zu schaffen. Vielleicht gibt es bald ein Design, das die Europäer von uns kopieren.«

Pfiffige Ideen

Auf den ersten Blick total durchgeknallt wirkt der Honda-Van namens Unibox, aber auch dieses Plexiglas-Auto ist vollgestopft mit pfiffigen Ideen. Der dreiachsige Van trägt als Grundgerüst ein Fachwerk aus Aluminiumstreben: In den Zwischenräumen befinden sich zwei klappbare Mopedwinzlinge mit Elektroantrieb sowie ein Einkaufskarren mit Navigationssystem. Der Vierzylinder-Benziner ist mit einem Elektromotor zu einem Hybriden verkoppelt, der nicht nur beim Beschleunigen mit vereinten Kräften zieht, sondern beim Ausrollen und Bremsen auch als Generator arbeitet und so stets für geladene Batterien sorgt.

Sehen und gesehen werden

Anstelle von Blech besteht die Karosserie aus transparentem Polycarbonat. Die Passagiere sitzen wie in einem Wintergarten - auf dem Präsentierteller. »Wir hatten alle Freiheiten bei dieser Studie«, sagt Projektleiter Osamu Akimoto. »Unsere ersten Gedanken galten daher nicht den Abmessungen der Karosserie, sondern der Beziehung zwischen dem Innenraum und der Umgebung, in der sich das Auto bewegt. Sehen und gesehen werden ist damit ganz einfach.«

Todschick

Weil im Zwölf-Millionen-Ballungsraum Tokio selbst die winzigsten Wohnungen teuer sind, ist es kein Wunder, dass dem Auto als erweitertem Lebensraum eine immer größere Bedeutung zukommt. »Ist doch toll«, findet Akimoto. »Mit so einem Fahrzeug hat man einen zusätzlichen Raum und ist auch noch mobil.« Todschick ist das rollende Wohnzimmer obendrein. Der Fußboden unter den edel aussehenden Sesseln besteht aus dunkel gebeizten Holzdielen.

Ideen aus dem Leben

Die Ideen für die Strasse kommen von dort, wo das pralle Leben tobt. Mitten im angesagten Tokioter Bezirk Shibuya mit seinen Läden, Bars und Discotheken arbeiten die jungen Designer der Firma Creative Box, die Nissan mit der Entwicklung der Studie Nails beauftragt hat. »Hier kriegen wir die besten Anregungen«, sagt Teammitglied Shu Takahama.

Stöpsel im Boden

Ihr blauer Pick-up, dessen Crashstruktur von einem Motorradrahmen abgeschaut wurde, zielt auf die Freizeitbedürfnisse der jungen Kundschaft. Für den Transport sperriger Sportgeräte ist die Trennwand zwischen Ladefläche und Kabine per Reißverschluss zu öffnen. Ebenso schnell kann man die Sitzbank zu einem Einzelsitz zusammenschieben. Und im Boden hat der Nissan einen verstöpselten Abfluss. So lässt sich der Innenraum - beispielsweise nach der Rückkehr von einem Mountainbike-Ausflug - problemlos auswaschen.

Von Frank Warrings

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