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Crossover: Wo die breiten Reifen wohnen

Breiter, schneller, wilder: Es lebe die Unvernunft. Die IAA 2005 nimmt den Besucher mit auf eine Reise in eine Traumwelt, in der die Autos die Beschränkungen des Zweckrationalen weit hinter sich gelassen haben.

Von Gernot Kramper

Mann sind die dick, Mann! Auch wenn Schumacher in der Formel 1 hinterherfährt, scheint der gemeine Kraftfahrer von unstillbarer Sehnsucht nach den breitesten Reifen besessen zu sein. Die spannenden Studien Iosis von Ford, Antara GTC von Opel, der Egeus von Renault und der SportBack von Mitsubishi haben ein Signal gemeinsam, sie setzten auf Angst einflößende Riesenwalzen. Stramme Backen über den Radläufen, schmale Taillen und ein mehr oder minder verengter Oberbau erinnern an Fahrzeuge aus einer Comicwelt. Der unverhohlene Appell an Power, Potenz und kindliche Wollust am Fahren verstört auf den ersten Blick. Auch überzeugte Automobilisten fragen sich, ob Reifengrößen jenseits der 265 Millimeter die richtige Antwort auf die Fragen der Zeit geben.

Für die Hersteller lautet die Rechnung dagegen in etwa so: Solange das Auto der Traum eines jeden Mannes und vieler Frauen ist, sollten auch Träume verkauft werden. Das Motto "ehrlich, sauber, billig und preiswert" wird in Sonntagsreden strapaziert, sobald aber der Kunde die Augen schließt und sich in das Reich seiner Konsumträume gleiten lässt, müssen die grundsoliden Langweiler draußen bleiben. Und wer nicht eingeladen wird, wenn der Konsument in Spendierstimmung ist, der hat verloren.

Langweiler will keiner

Wie wichtig diese Frischzellenkur fürs Image ist, demonstriert Opel eindrucksvoll. Der Ruf der Marke ist immer noch so getrübt, dass jede Begegnung mit den aktuellen Produkten nur positiv überraschen kann. Wie freches Design und tolle Autos mit dem Blitz aussehen, hat Opel in diesem Jahr mit dem Astra GTC und dem Zafira eindrucksvoll gezeigt. Die Studie Antara GTC setzt noch eins drauf. Sie gilt als Vorstufe für den Ende 2006 auf den Markt kommenden Nachfolger des Frontera. Der Frontera war stets ein außerordentlich langweiliger Vertreter der Gattung Geländewagen. Geschaffen, damit der Förster in aller Ruhe dahin gelangt, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen. Der Antara GTC will dagegen überallhin, Hauptsache es ist etwas los. Mehr Lifestyle gab es nie im Hause Opel. Ein Wagen, der es in jeder Beziehung krachen lässt. Crossover nennt sich dieser Trend. Gebraut wird ein wilder Cocktail aus den verschiedensten Zutaten. Ziel scheint es nicht zu sein, die bestmögliche Lösung einer realen Aufgabe anzubieten, sondern die aufregendste Mischung zu kreieren.

Der Mix macht es

Darum gibt es Geländewagen mit der Motorisierung eines Sportwagens und der Innenausstattung eines Luxuswagens. Vans mit Reifen wie von einem Dragster und einer inneren Wohnlandschaft wie aus einem Austin-Powers-Film. Karmann stellt ein SUV-Cabrio von unglaublichen Dimensionen vor. So brachial, als wäre Arnold Schwarzenegger nicht Gouverneur von Kalifornien, sondern Bürgermeister von St. Tropez geworden und hätte seinen geliebten Hummer martialisch-mediterran umgerüstet. Wagen, die die Welt nicht braucht, sagt da der Auto-Muffel. Nur: Wer von diesen Muffeln wäre bereit, für einen Wagen über 50.000 Euro auszugeben? Vermutlich keiner, denn diese Summen sind nicht durch die Lösung eines Transportproblems zu rechtfertigen, nur die Befriedigung ganz anderer Bedürfnisse lassen den Menschen so spendabel werden. So betrachtet, muss sich die Autoindustrie regelmäßig einer ziemlich scheinheiligen Diskussion stellen. Niemand kritisiert schließlich die Armani-Kollektion mit den Argumenten, sie würde das Welt-Bekleidungs-Problem nicht lösen und wäre überdies sinnlos teurer als die Mode von H&M.

Kindlich im Kopf

Der alte Umweltschützer-Reflex, diese Ausgeburten der Unvernunft zu geißeln, führt nicht weit. Spannend wird es, wenn die Perspektive vom Autodesigner zum Kopf des Kunden wechselt. Was sagt es uns, wenn Wagen aus dem Superhelden-Universum und Reifen wie vom einem Spähpanzer abmontiert beim Bürger auf der Straße so wollüstige Gefühle erzeugen? Mancher Autokunde badet offensichtlich gern und ausgiebig in infantilen Gefühlswelten, die nun in der Tat nichts mit der Noblesse von Armani zu tun haben.

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