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Drohende Fahrverbote: Und wohin jetzt mit dem Diesel?

Wegen der Luftverschmutzung planen deutsche Städte Fahrverbote für Diesel-Pkw. Die Autos verlieren dadurch an Wert. Wer kann, verkauft noch schnell. Stuttgart erlebt schon jetzt, was bald überall passiert.

Dieselfahrverbot: Und wohin jetzt mit dem Diesel?

Dieselfahrverbot: Ab 2018 sollen Diesel an kritischen Tagen nicht mehr durch Stuttgart fahren dürfen.

Der schneeweiße VW Golf von Andro Broznic ist erst zwei Jahre alt, scheckheftgepflegt, glänzend wie frisch aus dem Laden. Unter der Haube ein moderner Motor, der kaum fünf Liter schluckt, selbstverständlich mit Partikelfilter, keine 36.000 Kilometer gelaufen. Auf der Heckklappe des Kombis pappt der Schriftzug "Bluemotion", was sehr sauber klingt.

Der 28-jährige Ingenieur will sein Auto verkaufen, er sucht etwas Schickeres, mit Abstandsradar. Das Problem nur: Niemand mag seinen Golf haben. Nicht einmal für günstige 13.899 Euro, die Broznic im Internet als Preis angesetzt hat: "Nach anderthalb Monaten haben vielleicht vier Leute angerufen." Woran das liegt, ahnt er inzwischen: "Es ist ein Diesel."

Solche Autos sind in Stuttgart gerade ausgesprochen unerwünscht. Diesel stoßen besonders viel Feinstaub und Stickstoffdioxid aus, woran die Stadt zu ersticken droht. Allein seit Neujahr löste das Messgerät "Am Neckartor" an 48 Tagen Feinstaubalarm aus. Anfang Mai kündigte die Bezirksregierung daher als erste in Deutschland an, die Autos aus der Stadt zu verbannen. Ab 2018 will sie an kritischen Tagen Fahrverbote für Diesel unterhalb der Euro-6-Abgasnorm verhängen. Broznics Golf dürfte dann nicht mehr fahren, der hat nur Euro 5. Er fragt: "Wer will denn jetzt so ein Auto kaufen?"

Diesel-Pkw: Von solider Investition zur Schrottanlage

Der Effekt, den Broznic in Stuttgart erlebt, ist inzwischen im ganzen Land zu spüren. Die Diskussion um drohende Fahrverbote in den Städten verunsichert die Menschen – die Autokäufer genauso wie die Autobesitzer. Was ist ein Diesel bald noch wert? Lohnt es sich überhaupt noch, einen Diesel zu kaufen? Wer einen hat, versucht jedenfalls, ihn loszuwerden. Die Webportale sind voll mit Angeboten. Innerhalb weniger Monate sind Diesel von einer soliden Investition zu einer Schrottanlage verfallen.

Deutschland erlebt gerade eine Diesel-Inflation, einen dramatischen Wertverlust. Die Onlineplattform Mobile.de registriert das bundesweit: Während gebrauchte Benziner deutlich teurer wurden, sanken die Preise für Diesel im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozent. Das klingt erst mal nicht viel, ist aber ein deutliches Signal. In Stuttgart, in jeder Hinsicht Vorreiter der Entwicklung, fiel der Wert der gehandelten Diesel innerhalb eines Jahres sogar um vier Prozent. Ein solcher Verfall, hochgerechnet auf die momentan rund 15 Millionen Diesel in Deutschland, entspräche einem Wertverlust von zwölf Milliarden Euro. Und der Preisrutsch hat gerade erst begonnen, denn noch sind die Fahrverbote selbst in Stuttgart nicht in Kraft.

Laut Umweltbundesamt werden in mehr als 70 deutschen Kommunen die Grenzwerte für Stickstoffdioxid regelmäßig überschritten. 13 von 20 befragten Großstädten planen laut "Handelsblatt", Dieselfahrzeuge ab 2018 tageweise auszusperren – darunter Millionenmetropolen wie Hamburg, München und Köln. Die Deutsche Umwelthilfe fordert großflächige Fahrverbote, sie hat bereits 16 Städte verklagt – und wo immer ein Urteil vorliegt, recht bekommen. Radikale Eingriffe scheinen unumgänglich.

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Der Diesel ist zum Ladenhüter geworden

"Das Thema autogerechte Stadt hat sich überlebt, wir wollen eine menschengerechte Stadt", sagt Dieter Roßkopf, Vorsitzender des ADAC Württemberg und eigentlich ein Vertreter der Autofahrer. "Der Wunsch nach mehr Lebensqualität und die Freiheit, mit jedem Fahrzeug wann auch immer in die City fahren zu können, passen einfach nicht mehr zusammen."

Nicht einmal Modelle mit der seit Herbst 2015 für Neuwagen geltenden Euro-6-Norm, die in der Werbung als "clean" gefeiert werden, sind mehr sicher vor der Verbannung. Das Umweltbundesamt, ein Ableger des Bundesumweltministeriums, hat jüngst bei repräsentativen Messungen an 25 Fahrzeugen festgestellt: Die Wagen reißen im Straßenalltag die EU-Grenzwerte im Durchschnitt um mehr als das Sechsfache. Amtspräsidentin Maria Krautzberger sagt: "Wir brauchen mehr denn je eine schnelle Entlastung der vielen Hunderttausend Menschen, die in den Innenstädten unter den Folgen der viel zu hohen Dieselabgase leiden."

Roter Sperrbezirk: Der grüne Umweltminister Winfried Hermann stellte Anfang Mai den Luftreinhalteplan für Stuttgart vor.

Roter Sperrbezirk: Der grüne Umweltminister Winfried Hermann stellte Anfang Mai den Luftreinhalteplan für Stuttgart vor.

Was solche Forderungen auslösen, erfährt man in Stuttgart-Zuffenhausen. Im Autohaus Marquardt riecht es nach fabrikfrischen Volkswagen, Škodas und Nissans. Seit 1949 verkaufen sie hier Neuwagen. Immer war der Diesel beliebt, vor allem für die vielen Pendler preiswert, bei hoher Wertbeständigkeit. Und nun? Auf den Frontscheiben, auch bei großen SUV, bietet das Autohaus mit weißer Schrift üppige Rabatte an. Der Diesel ist zum Ladenhüter geworden.

Geschäftsführer Martin Heilmann, 49, ist einer der wenigen Händler in der Stadt, die überhaupt sprechen wollen. Verdammen will er den Diesel nicht, deshalb sagt er lieber: "Die Nachfrage nach Benzinern wächst." Vor allem die "Gewohnheitsdieselfahrer" würden umsteigen.

Bei Gebrauchtwagen sind Euro-5-Diesel schlicht "tot"

Der Trend ist deutschlandweit zu erkennen. Bei Privatkäufern ist die Nachfrage seit Anfang 2016 um rund 30 Prozent eingebrochen. Im April war nicht einmal mehr jeder vierte Neuwagen ein Diesel. Und sogar bei Firmenwagen, den typischen Langstrecklern, sackte die Nachfrage in dem Zeitraum um zehn Prozent ab.

Seit dem vergangenen Herbst, als die Fahrverbotsdiskussion die Medien erreichte, sorgten sich seine Kunden, erzählt Heilmann. "Einige kamen zu uns und wollten ihren fast neuen Euro-5-Diesel panikartig verkaufen." Inzwischen hätten sich die Gemüter etwas beruhigt, "aber das Thema Schadstoffe ist bei den Verkaufsgesprächen in den Fokus gerückt". Bei den Gebrauchtwagen, die den Hof und die Dachterrasse des Autohauses füllen, seien Euro-5-Diesel schlicht "tot", sagt der Händler, "im Großraum Stuttgart nicht mehr zu verkaufen". Er kann sie höchstens noch in der Provinz loswerden – oder er schickt sie gleich ins Ausland.

Bereits seit vergangenem Herbst werden Autofahrer auf Leuchttafeln am Stadteingang aufgefordert, bei Feinstaubalarm freiwillig ihr Auto stehen zu lassen und den Bus zu nehmen.

Bereits seit vergangenem Herbst werden Autofahrer auf Leuchttafeln am Stadteingang aufgefordert, bei Feinstaubalarm freiwillig ihr Auto stehen zu lassen und den Bus zu nehmen.

Bei den Kunden, die bereits einen Diesel fahren, drückt die Debatte aufs Gemüt. Sie fühlen sich wahlweise entmündigt, enteignet oder im Nachhinein bestraft. Wer Zehntausende Euro in einen vermeintlich umweltgerechten Wagen investiert hat, will freie Fahrt.

So sieht es auch Susanne Köwitsch. Die Controllerin hat sich vor einem Jahr im Autohaus Marquardt einen Nissan Qashqai gekauft, Farbe Night Shade, so wie sie es gern haben wollte. Ein Diesel-SUV mit Euro 6. "Ich sah mich damals auf der sicheren Seite", sagt sie, "doch so langsam mache auch ich mir Sorgen."

Ein Fahrverbot wäre für Köwitsch eine Katastrophe. Rund 33.000 Kilometer fährt sie im Jahr, jeden Tag kommt sie von außerhalb nach Stuttgart zur Arbeit. Dabei passiert sie gleich mehrere potenzielle Verbotszonen. Was, wenn auch sie ausgesperrt würde? "Dann muss ich auf irgendeinem Park-and-ride-Parkplatz umsteigen." In jedem Fall wäre ihr dunkler Nissan dann nicht mehr so viel wert wie heute noch.

Ferdinand Dudenhöffer, Autoprofessor an der Universität Duisburg-Essen, rät daher: "Wenn ich in einer Innenstadt wohnen würde und einen Diesel hätte, würde ich ihn jetzt schnell verkaufen, bevor er noch mehr an Wert verliert."

Das könnte auch ein guter Rat für alle Dieselbesitzer sein, die ihren Wagen sowieso in den nächsten ein bis zwei Jahren veräußern wollen. In dieser Zeit dürften, darauf deutet vieles hin, weitere Preiseinbrüche drohen. Wer allerdings mit seinem Auto nicht in Städte mit Umweltzonen muss, weil er etwa draußen auf dem Land wohnt und arbeitet, kann vom Preisverfall profitieren. Der Diesel wird schließlich billiger – man sollte nur damit rechnen, nicht mehr überall hinfahren zu dürfen.

"Wer will denn jetzt so ein Auto kaufen?" Andro Broznic versuchte vergebens, seinen Golf loszuwerden. 

"Wer will denn jetzt so ein Auto kaufen?" Andro Broznic versuchte vergebens, seinen Golf loszuwerden. 

Mitleid mit den Autofahrern hat Winfried Hermann nicht. Die stünden selbst in der Pflicht, einen Beitrag für eine saubere Stadt zu leisten, sagt der grüne Verkehrsminister im Daimler-Porsche-Land Baden-Württemberg. "Manche glauben, es gehe nichts ohne Auto, aber das stimmt doch nicht. Gerade bei einem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr wie in Stuttgart ist Umsteigen möglich."

Technisch ist das Nachrüsten per neuer Steuersoftware grundsätzlich möglich

Am vergangenen Freitag empfing der Minister gemeinsam mit Landeschef Winfried Kretschmann die Bosse der großen deutschen Autokonzerne im Neuen Schloss von Stuttgart. Zum Autogipfel in der Stadt, die vom Auto lebt und unter ihm leidet wie keine andere. Die Konzerne möchten das Gerede um den Diesel und drohende Fahrverbote möglichst schnell aus der Welt schaffen. Sie prüfen gerade, ob sich die Euro-5-Diesel nachrüsten lassen, um zumindest halbwegs bessere Schadstoffwerte zu erzielen. So könnten sie das gewinnträchtige Geschäft mit den Oberklasse-Wagen retten. Die meisten ihrer Autos fahren Diesel. 2016 waren es 66 Prozent aller verkauften Audi, 65 aller BMW und 56 Prozent aller Mercedes. In den ersten vier Monaten 2017 ging der Anteil bei allen Herstellern zurück, bei Audi sogar um mehr als fünf Prozentpunkte.

Der Markt für gebrauchte Diesel, die nicht die neuesten Anforderungen erfüllen, ist tot. Sogar bei Neuwagen beklagt Händler Martin Heilmann Rückgänge.

Der Markt für gebrauchte Diesel, die nicht die neuesten Anforderungen erfüllen, ist tot. Sogar bei Neuwagen beklagt Händler Martin Heilmann Rückgänge.

Auf zwei Krisensitzungen in Stuttgart loteten die Konzerne die Möglichkeiten aus. Das Signal: Technisch sei das Nachrüsten per neuer Steuersoftware grundsätzlich möglich. "Beachtlich", urteilte Minister Hermann über die erste Runde, "ein guter Aufschlag, reicht aber vermutlich noch nicht." Sowieso ist vieles noch unklar. Welche Modelle könnten flottgemacht werden? Wie schnell geht das? Und wer zahlt die Zeche – insgesamt bis zu 15 Milliarden Euro? Der Staat? Die Hersteller? Oder bleiben am Ende die Kunden auf den Umrüstungskosten von vielleicht 2000 Euro sitzen?

Volvo kündigte an, keine neuen Dieselmotoren mehr zu entwickeln

ADAC-Manager Roßkopf, von Beruf Anwalt, ist jedenfalls skeptisch. Einen Rechtsanspruch auf Nachrüstung hätten Verbraucher nicht – es sei denn, sie seien beim Erwerb durch Werbung irregeführt worden: "In der Regel entsprach das Auto nämlich beim Kauf der Zulassung." Und die sei aufgrund geltender Normen erteilt worden – auch wenn sie nur schönfärberische Laborabgaswerte berücksichtigt und ökologisch eine Farce ist.

Völlig offen ist zudem, ob nicht auch Euro-6-Diesel eine Nachrüstung brauchen. Denn gut möglich, dass nach der Bundestagswahl eine neue, blaue Umweltplakette eingeführt wird, gegen die sich bislang Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und die Autoindustrie stemmen. Nur Fahrzeuge, die ihr genügen, sollen dann freie Fahrt in Ballungsräumen haben. Dafür würde jedes Dieselmodell noch mal überprüft.

Angesichts der trüben Aussichten werden die Konzerne Konsequenzen ziehen. Volvo kündigte in der vergangenen Woche als erster Autohersteller an, keine neuen Dieselmotoren mehr zu entwickeln.

Andro Broznic in Stuttgart will seinen Golf womöglich doch lieber behalten, als ihn zu verramschen. Die drohenden Fahrverbote sorgen ihn nicht: "In die Stadt fahre ich ohnehin immer mit der Bahn."

Wissenscommunity

Von:

und Rolf-Herbert Peters