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Elektronische Assistenten: Computer fährt, Fahrer haftet

Autos haben zwar noch immer Räder und Motoren, ohne Computer aber läuft nichts. Und obwohl die Hersteller weitere elektronische Helfer entwickeln, wird auch in Zukunft alles am Fahrer hängenbleiben.

Das Auto von morgen hält zum Vordermann automatisch den richtigen Abstand, parkt elektronisch ohne Griff ans Lenkrad ein und weckt den Fahrer vor dem gefürchteten Sekundenschlaf. Elektronische Schutzengel werden noch stärker als bisher dem Autofahrer als unsichtbare Assistenten zur Seite stehen. Der Autofahrer wird künftig auch mit dem Computer an Bord sprechen können. Aber die Vision, im Auto zu sitzen, den Autopiloten wie ein Flugzeugführer einzuschalten, über Satellit gesteuert den Weg zu finden und erst wieder vor der Haustür das Lenkrad in die Hand zu nehmen, die liegt noch in weiter Ferne.

"Einst war das Auto ein mechanisches Produkt. Heute ist es eher ein Computer auf Rädern", stellte jüngst ein Entwicklungsingenieur fest. Ohne modernste Technologie wären die Autos sicherlich nicht sicherer geworden. Das reicht von der Antiblockierbremse (ABS) über den Gurtstraffer vor einem Unfall bis hin zum elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP), mit dem ein Kippen des Fahrzeuges verhindert wird. Ein hoch kompliziertes Steuergerät, das eine Vielzahl von elektronischen Signalen empfängt, sorgt dafür, dass das Fahrzeug nicht ins Schleudern kommt. "Dabei werden der Lenkradwinkel, die Raddrehzahl und das Antriebsmoment registriert. Aus der Abweichung von Soll- und Ist-Verhalten errechnet das System die nötige Korrektur an den einzelnen Rädern", sagt ein Daimler-Chrysler-Entwickler, wo ESP zuerst eingebaut wurde.

Die Grenze der Bordelektronik ist erreicht

All diese Hochtechnologie im Auto hat allerdings dazu geführt, dass die Fahrzeughersteller die Elektronik aufgebläht haben. Ihre Grenze sei bereits erreicht, sagen viele Automobilingenieure. Inzwischen läuft fast alles über die Elektronik, angefangen von der Zentralverriegelung, der Fahrtgeschwindigkeitsregelung, der Klimaanlage, dem Navigationssystem und dem Gurtstraffer bis hin zum Auslösesystem für den Airbag.

Bekannt ist aber auch, dass die Elektronik inzwischen immer häufiger unvermittelt ausfällt und der Wagen einfach stehen bleibt. Das kommt selbst während der Fahrt vor. Hunderte von Autofahrern können berichten, dass ihnen die Werkstatt keinen Grund für den plötzlichen Stopp des Wagens nennen kann. "Manchmal ist der Grund für den Stopp auch ganz einfach", sagt etwa ein Mitarbeiter eines Stuttgarter Forschungsinstituts. Die Batterie der "Liegenbleiber" ist einfach leer. "Das kommt daher, dass viele Steuergeräte im Auto auch nach Abziehen des Zündschlüssels noch Strom verbrauchen", so der Fachmann.

Mercedes-Benz will Ermüdungsgrad des Fahrers kontrollieren

Die Fahrzeuge der Zukunft werden dennoch "rollende Sensoren" sein, glaubt ein Entwickler bei Bosch. Autos werden miteinander kommunizieren und sich gegenseitig über Verkehr und Straßenzustand informieren. Mehr als 90 Prozent aller Verkehrsunfälle haben ihre Ursache im menschlichen Fehlverhalten und in einer trägen Reaktion der Fahrer. Weit fortgeschritten sind bei Mercedes-Benz die Tests, die Ermüdung des Fahrers im Auto zu überwachen. "Ein wacher Autofahrer arbeitet ständig am Lenkrad, wenn auch nur im Millimeterbereich. Droht ein Autofahrer einzuschlafen, dann hält er das Lenkrad ganz ruhig - also müssen wir ihn sofort mit Signal wecken", beschreibt ein Entwickler in Stuttgart den Lösungsweg, der vor allem auch müden Lastwagenfahrern helfen könnte.

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Entwickler wissen jedoch: Die Mechanik hat sich 100 Jahre lang bewährt - die Mechatronik noch lange nicht. Beim Einsatz der Elektronik im Auto gehen die Entwickler eine Gratwanderung ein. "Für die Technik ist es durchaus möglich und in vielen Situationen ein Gewinn an Sicherheit, das Auto weitgehend im Verkehrsstrom mitschwimmen zu lassen", sagt ein Bosch Elektroniker. Dies wäre allerdings auch eine Gefahr für den Autofahrer selbst, denn er könnte die notwendige Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen verlieren.

Da die Elektronik ausfallen kann, bleibt der Fahrer selbst immer verantwortlich für sein Fahrzeug - darin sind sich die Entwickler aller Autohersteller einig. Die gleiche Frage stellt sich etwa bei der automatischen Bremse, die beim Auftreten einer Gefahr durch das Radarauge unvermittelt eine Notbremsung auslöst. Eine hochjuristische Angelegenheit. "Was wird ein Richter sagen, wenn ihm der Autofahrer erklärt, dass er sich auf seine Elektronik verlassen hat", heißt es etwa bei Bosch. Viele Experten sagen, auch ein Richter dürfte den Fahrer an seine eigene Verantwortung erinnern. "Bei aller elektronischen Hilfe, es wird der Autofahrer bleiben, der die Hand am Lenker halten muss", sind sich die Entwickler einig.

Und noch etwas spricht gegen das automatisch gesteuerte Auto. Viele Autofahrer wollen ihren Wagen auch mit Fahrspaß genießen. Sie wollen selbst entscheiden, ob sie schnell oder langsam, nach links oder nach rechts fahren. Dennoch ist die elektronische Zukunft des Autos seit langem angebrochen. Jährlich ereignen sich auf Europas Straßen 1,5 Millionen Unfälle. Die immer höhere Verkehrsdichte und das zunehmende Alter der Autofahrer verlangt zusätzlich nach technischen Lösungen, um in schwierigen Situationen zu helfen.

Werner Scheib/DPA / DPA
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