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Alfa GT: Sei mein Romeo!

Das traumhaft schöne Coupé harmoniert mit seinem kräftigen und sparsamen Diesel-Motor. Mit zwei Personen ist der Alfa GT uneingeschränkt alltagstauglich und bringt dabei eine Überdosis Alfa-Flair mit.

"GT" - zwei Buchstaben, aus einer Zeit als Auto-Kürzel noch Träume zum Leben erweckten. "Gran Tourismo" - Ein Versprechen von Sonne, Stränden und dem Dolce Vita auf der Autostrada. "GT" - zwei Buchstaben, die auch heute jeden Unsinn erklären. Etwa, einen gebuchten Flug an die Cote d'Azur zu stornieren, um zwei Nächte und zwei halbe Tage am Steuer zu verbringen. Aber nicht an irgendeinem Steuer!

Kann Sie der rassige Alfa überzeugen?

Flachdach-Schönling

Der GT zeigt Charakter mit der klassischer Alfa-Nase und dem prächtigem Kühler. Die von Bertone entworfene Karosserie erinnert an legendäre Wagen wie den Alfetta oder den Giulietta Sprint, ohne in Retro-Nostalgie zu schwelgen. Die Seitenlinien wirken elegant, den passenden Abschluss besorgen die Rücklichter. Die hohe Gürtellinie sorgt für kraftvolle Spannung. Technisch betrachtet ist der GT natürlich ein 156 Coupé. Seine Größe entspricht der Mittelklasse-Limousine mit deutlich niedrigerem Dach. Die Entscheidung für ein Coupé kommt immer aus dem Bauch, der Verstand sagt dagegen: Weniger Platz, weniger Auto für mehr Geld. Und den Bauch spricht der GT an, wer für die Autokultur von Alfa Romeo überhaupt empfänglich ist, wird bei dem GT feuchte Hände bekommen. Fürs Geld bietet der GT einen sensationellen "Hui"-Faktor. Beim Parken in einer Reihe mit S-Klasse, Bentley und Porsche fühlt man sich jedenfalls weder unterprivilegiert noch untermotorisiert.

Die große Tour

Gut, der neue GT ist schon ein wenig größer ausgefallen als die legendären Vorgänger aus den Sechzigern. Aber haben wir nicht alle ein wenig zugelegt, seitdem wir das erst Mal am Steuer eines Alfa GTs saßen? Dafür riecht es jetzt auch nicht mehr so penetrant nach Benzin im Innenraum. Kompakt kann man das Coupé also nicht nennen. Vorne erstreckt sich die Haube endlos, die Sicht nach hinten ist - sagen wir es höflich - "begrenzt", die Seitenspiegel sind zierlich. Ein Abstandswarner erscheint also als gute Investition, wenn man den rassigen Italiener nicht gegen jede Mauer setzen will. Das Kofferraumvolumen variiert je nach Stellung der geteilten und umklappbaren Rücksitzbank zwischen 320 und 905 Litern. Damit gerät das sportliche Coupé groß genug, um ohne viel Mühe bei zurückgelegter Rückbank ein Mountainbike unterzubringen. Das richtige Mitbringsel für eine Tour durch die Provence. Im Alltag passen drei Kisten Getränke plus Wochenend-Einkauf in den normalen Kofferraum. Die praktische zweistöckige Ablage in der Mittelkonsole verstaut den Krimskrams. Mit zwei Personen an Bord nimmt der GT einiges mit auf die Reise, für vier Personen ist er nur für Kurzstrecken geeignet, bei fünf Personen fällt Schmerzensgeld an. Trotz Lederausstattung und ergonomischer Form kann man die Rückbank nur den ganz Kleinen empfehlen. Die vorderen Passagiere sitzen dagegen auf der Sonnenseite. Sportsitze mit Seitenhalt ermöglichen ermüdungsfreies Fahren, selbst nach 14 Stunden stellen sich nur geringfügige Lähmungserscheinungen ein. Die Instrumente sind sportlich und gut ablesbar, der Gangwechsel im Sechsgang-Getriebe eine Freude und das Sportlenkrad ein Gedicht. Schön, dass man diesen Alfa auch anfassen mag. Nichts wackelt, alles wirkt stabil. Die gefürchteten Verarbeitungsmängel lassem sich nicht entdecken, der Kunststoff wirkt hochwertig, bleibt aber nur Kunststoff. Ein wenig Holz und Chrom hätte man in diesem Wagen schon gern.

Tückische Elektronik

Weniger Freude macht das Kommunikations- und Navigationssystem. Intuitiv wird kaum jemand damit zurecht kommen. Mit etwas Schalter-Fummeln und Nachdenken klappt es dann aber schon. Das nächste Problem kann man das allgemeine "Urlaubsfahrer-Navigationssystem-Dilemma" nennen. Zuerst leistet man sich ein teures Navigationssystem. Für die tägliche Fahrt ins Büro und zum Supermarkt braucht man es eigentlich nicht. Jetzt naht der Urlaub und die Fahrt ins Ungewisse, der großen Freude über das teure Extra folgt die Ernüchterung: Außerhalb Deutschlands ist das angezeigte Straßennetz auf der CD so dünn gesät wie Karawanenrouten in der Sahara. Das Ergebnis im Alfa: 1800 km Wegstrecke anstatt 1400 km. As ist keine spezielles Problem der Alfa-Navigation, andere Mucken schon. Penetrant neigt die Navigation auf Autobahnkreuzen dazu, den GT vom geraden Weg wegzulotsen, auf einen Abzweig zu bringen, um diesen dann doch nicht zu folgen und nach 1000 Metern wieder auf die Ausgangstrecke zurückzukehren. Wer es weiß, kann damit leben. Schreckhafte Naturen geraten in Panik.

Hau-rein-Diesel

Unter der Haube des Testwagens schafft der 1.9 Liter JTD, ein Knauser im Sportanzug. Diese Karosserie träumt sicherlich von dem legendären 3.2 Liter Sechszylinder Benziner von Alfa. Fahrer, die an der Tanksäule noch nicht vollkommen abgestumpft sind, sollten dem PS-Wahn nicht einfach nachgeben und den starken Diesel ins Auge fassen. 150 PS und ein Drehmoment von 305 Newtonmeter setzen den GT im Schwung und das subito. Die 100 km/h-Marke ist nach 9,7 Sekunden erreicht, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 209 km/h. Gut gemacht, die Leistung des 1.9 JTD löst den sportlichen Anspruch ein, den der üppige Kühlergrill der Karosserie voranstellt. Ab 2000 Umdrehungen pro Minute legt der GT beim Druck aufs Gaspedal in jedem Gang mächtig los. Die Vorderräder haben keine Probleme, diese Kraft auf die Straße zu bringen. Nicht lobenswert, der Common-Rail-Motor besitzt keinen Partikelfilter und erfüllt nur die Euro 3-Norm. Aber er liefert imponierende Fahrleitungen bei einem durchschnittlichen Verbrauch von etwas mehr als sieben Litern bei forscher Fahrweise. Alfa gibt 6,7 Liter im Mix an.

Geschüttelt und nicht gerührt

Ruppige Härte vermittelt das Fahrwerk, bei guten Straßen fährt es sich dennoch sehr komfortabel. Gnadenlos teilen sich aber die Schwächen des Untergrundes mehr. Angeschrubbte Autobahndecken rüttteln GT und Fahrer bei einer Geschwindigkeit von über 180 km/h so durch, dass die Zähne aneinanderschlagen und man kaum noch die Drehknöpfe des Radios erreichen kann. Nach zehn Minuten Leidenszeit muss auch der härteste Fahrer das Gas wegnehmen. Auf kurvigen Landstraßen zeigt das Fahrwerk dafür, was es kann, kombiniert mit dem Druck des Diesels ist der Sprung über San Bernadino Pass ein Genuss. Die Kurven lassen sich exakt nehmen, das Fahrwerk muckt nie mit Lastwechselreaktionen. Die Einflüsse des Frontantriebs auf die Lenkung sind nicht zu spüren. Mit knappen Lenkbewegungen lässt sich der Wagen gut kontrollieren. Das sportliche Herz schlägt also. Aber Vorsicht: Der GT misst 4489 mm bei einem Radstand von 2596 mm, deutliche Überhänge sind daher vorhanden, extrem enge Kurvenmanöver mit Gegenverkehr empfehlen sich nicht. Fahrexzesse auf ausgelaugten Schotterpisten verbieten sich wegen der geringen Bodenfreiheit der Frontpartie. Schon auf wilden Parkplätzen ist Sensibilität gefragt, wenn einem der Alfa-Grill heilig ist. Bei der Fahrt durch die französischen Alpenausläufer auf der Traumstrecke der Route Napoleon von Grasse nach Genf ist der GT in seinem Element. Kurven, Steigungen, Ausblicke und Dörfer: Mit dem GT wird diese Art zu Reisen zum Erlebnis.

Der Alfa für zwei

Das traumhaft schöne Coupé harmoniert mit dem kräftigen und sparsamen Motor. Für zwei Personen ist der GT uneingeschränkt alltagstauglich und bringt dabei eine Überdosis Alfa-Flair mit. In der gefahrenen Distinctive-Ausstattung kostet der GT 1.9 JTD 29.950 Euro. Dann bleiben kaum Wünsche offen: Lederausstattung, Bose-System, Cruise Control und Klimaautomatik sind dann an Bord.

Gernot Kramper

Wissenscommunity