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BMW Einser - 116i: Flügellahmer Falke

Der kleine BMW ist nichts für Design-Puristen, dafür kann er mächtig Spaß und Eindruck machen. Wunschlos glücklich wäre man, hätte der kleine Falke auch einen gescheiten Motor abbekommen.

Von Gernot Kramper

Nun steht er da im strahlenden Blau und er weiß zu gefallen. Im ersten Kontakt erschien vieles verspielt, die tiefen Taillierungen der Seitenansicht, der überambitionierte Haifisch-Look der Frontpartie, dazu der bösi-bösi Raubtierblick. Doch nun in sattem Blau lackiert und in strahlendem Sonneschein zeigt sich der 1er als Spaßmacher und Gute-Laune-fahrzeug erster Güte.

Macht Sie der kleine Bayer an?

Der flotten Feger mit dem gewissen Stenz-Appeal zieht den Fahrer gottlob nicht in die Gosse aufgemotzter Geschmacksverirrungen. Auch im Kreis deutlich teurer Fahrzeuge sind Mann und Frau mit dem Baby-BMW "gut angezogen". Das Imageplus lässt sich natürlich BMW bezahlen, aber - ein großes Sorry an Opel, Volkswagen und Ford - dafür wirkt es auch. Innen geht es - trotz diverser Extras - nicht so feudal wie in einem Siebener zu, aber frisch und ordentlich. Im Vergleich zum Zustand zur Fahrzeugpräsentation scheint man einige Lieblosigkeiten in der Verarbeitung inzwischen eliminiert zu haben.

Die verstellbaren Sportsitze sind ein Gedicht, die Sitzposition liegt knapp über dem Boden. Beweglichkeit im Beckenbereich ist beim Ein- und Aussteigen gefordert. Hüftsteife Fahrer müssen draußen bleiben. Die Passagiere vorn sitzen sehr gut, mit sportlichem Anspruch. Die Kunststoffe innen wirken frisch und solide, Scheu vor Berührung muss niemand haben. Festhalten wird man sich ohnehin an Lenkrad und Schaltung und beide fühlen sich sehr gut an. Neben dem blauen Bayern-Image unterscheidet sich der Einser im reinen Fahrgefühl von seiner Konkurrenz. Natürlich kosten Sportfahrwerk, breite Reifen und fette Felgen extra, aber dafür fühlt sich schon die Lenkung sagenhaft an. Der Wagen klebt auf der Straße, möchte in die Kurven gleiten und vermittelt dabei ein sehr sicheres Feedback.

Die Nische in der zweiten Reihe

Vier Türen braucht eigentlich niemand bei diesem Fahrzeug, wer regelmäßig mehr als ein Mäntelchen auf die Rückbank packen will, hat sich schlicht verkauft. Sind die rückwärtigen Passagiere eben noch vom kleinen BMW hellauf begeistert, erklingt nach dem Platznehmen auf der Rückbank wüster Prostest. "Nun rutscht doch mal nach vorne," nörgelt es von hinten. Für den Kurztrip in entwürdigend verkrümmter Haltung reicht das Angebot aus, aber es nur ein Notbehelf. Aber immerhin, vier Personen gehen in den kleinen Einser hinein. Zu zweit bietet der Wagen eine Menge Platz. Trotz umlegbarer Rückbank mutiert er natürlich nicht zum Möbelwagen.

Das Potenzial des goldigen Bayern

Für Umzüge und Sperrmülltransporte gibt es andere, unschöne Fahrzeuge, der flotte Einser fühlt sich mehr für die schönen Dinge im Leben zuständig. Sonnendurchströmte Ausflüge an den Strand oder Wochenenden in den Bergen, das nächtliche Durchstreifen der Großstadt, der rasante Ausflug über die Landstraßen, überall dort, wo es darauf ankommt, macht der Einser eine "bella figura", die auf den Fahrer abfärbt. Das ideale Fahrzeug für die "jeunesse dorée". Wer wird da nach dem Stauraum für einen Kühlschrank verlangen?

Nur Schieben ist schlimmer

In Sachen Fahrwerk macht dem Einser in seiner Klasse keiner etwas vor, doch Fahrspaß kommt in dem 116er nicht auf. Der Grund sitzt unter der Haube: Dort residiert ein 1,6-Liter-Benziner, entstanden in der Zubehörküche einer Konzern-Kooperation. Der Motor bewegt den Wagen und nicht mehr. Selbst, wenn man bereit ist, ihn sehr hochtourig zu fahren, zieht er wahrlich nicht die Butter vom Brot. So sitzt man in einem mit Extras für gut 10.000 Euro aufgemöbelten Testfahrzeug und an der Ampel brausen zuhauf unangestrengte Rentner in Golf oder Seat davon, denn aus dem Stand heraus berwegt sich der 1,6-Liter-Motor besonders ungern. Einziger Vorteil: So motorisiert kommt das vorzügliche und aufwändige Fahrwerk nie an seine Grenzen, es schöpft stets aus den Reserven. Zu irgendwelchen den Puls fördernden Reaktionen lässt es sich allerdings auch nicht verführen. Kommentar einer Fahrerin: "Das ist eben ein Frauen-Auto." Eine Feststellung, die nicht als Kompliment gedacht war. Wäre der Motor wenigstens genügsam, könnte er als Sparmodell durchgehen. Doch in Stadt und Umland genehmigt sich das Triebwerk stets über 10 Liter. Kurz und schlecht: Eine Zumutung. Nur für einen Personenkreis, der den Wagen ausschließlich wegen Image und Optik kauft und ihn als City-Hopper ohne fahrerischen Ehrgeiz und mit geringer Laufleistung nutzen möchte, kann man das Einsteigermodell empfehlen. Angesichts der anderen Vier-Zylinder-Benziner im Angebot machen die Diesel den besten Eindruck. Wer den Einser als echten Sportwagen erleben möchte, muss sich noch ein paar Monate gedulden. Dann baut BMW den neuen Drei-Liter-Sechszylinder in das Wägelchen.

Einstiegspreise sind keine Kaufpreise

Abgesehen von der opulenten Extra-Liste startet der Einser mit dem 1,6 Liter Motor bei 19.800 Euro. Auch bei eiserner Ausgabendisziplin sollte man mit mindestens 3.000 Euro Mehrausgaben für Extras rechnen. Dafür hat man ein hübsch anzusehendes Fahrzeug, das räumlich die Bedürfnisse von zwei Personen erfüllen kann. Von der Einstiegsmotorisierung ist allerdings dringend abzuraten. Die 2.100 Euro Aufpreis für den 118d wird man nicht bereuen.

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