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Ford Focus ST: Clockwork Orange

Im knalligen Müllmann-Orange zeigt der Focus ST, wie ein PS-Lümmel aussehen kann. Mit seinem ausgezeichneten Fahrwerk und dem Fünfzylinder-Turbo mischt er die GTI-Klasse auf.

Von Gernot Kramper

Das linke Bein anspannen, alle Kraft in die Wade und "Rumms" - Gangwechsel. Der Wagen bockt auf allen Vieren. Bremsen, Arme anspannen, eindrehen. Mit Gewalt, eine Servolenkung ist an Bord des Ford RS 200 nicht vorgesehen. Klimaanlage fehlt ebenfalls. Die Sonne brennt, der aufgeladene Vierzylinder hinterm Fahrersitz hechelt heißes Motoröl.

Packt Sie das orange Fieber?

Jaaa, so ähnlich wie am Steuer des Turbo-Rallyeautos muss es im Himmel sein. Plötzlich warnen rote Lichter am Rand der Rennstrecke. Runter vom Gas, langsam weiterrollen. Zum Glück ist kein Unfall in Sicht. Später kommt die Ursache heraus. Der "Strecken-Sheriff" hat eine Fahrerin mit Handy am Ohr mit dem Fernrohr erwischt. Auf geheiligtem Asphalt, auf Bernie Ecclestones Privatpiste, dem "Circuit Paul Ricard". Unfassbar! Was soll "mann" von Frauen halten, die in den schönsten Sekunden des Lebens telefonieren müssen? Richtig: Nix. Am besten, man umfährt sie weiträumig in jeder Lebenslage.

Spät bremst das ESP

Ford und Leidenschaft, diese Kombination leuchtet nicht jedem unbedingt ein. Also haben sich die Fordler mächtig ins Zeug gelegt, um den Focus ST mit High-Speed Gefühlen aufzuladen. Nicht genug, dass man eine Flotte STs auf den "Circuit Paul Ricard" geschafft hat, obendrein wurden die Heritage-Fahrzeuge wie der RS 200 aus dem Museum gerollt. Und die Operation ist gelungen. Machte der Rennknubbel ST auf der normalen Landstraße schon eine gute Figur, konnte er auf dem "Circuit Paul Ricard" zeigen, was wirklich in ihm steckt. Zum reinrassigen Rallye-Fahrzeug fehlt noch ein wenig, aber vor Konkurrenten wie dem Golf GTI braucht sich das Focus-Derivat wahrlich nicht zu verstecken. 320 Nm maximales Drehmoment stellen Durchzugspower in einem weiten Drehzahlbereich zur Verfügung, der Motor schraubt sich gern hoch und macht dann dank eines eigenen Soundsystems akustisch mächtig etwas her. Besonders erfreulich ist das späte Eingreifen des ESP. Das Fahrwerk steckt ohnehin sehr viel ein, bevor sich der Stabilisator meldet, und selbst wenn er einen Dreher verhütet, wird der Wagen nur kurz eingefangen und die Leistung nicht vollständig weggeregelt.

Ein Zylinder mehr

Der aufgeladene Fünfzylinder aus dem Volvo-Regal leistet 225 PS, damit soll der ST neben dem VW Golf GTI und dem Opel Astra OPC bestehen. Der Sprint von null auf 100 km/h gelingt in 6,8 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 241 km/h. Dabei wurde der ST natürlich nicht auf Beschleunigungsrakete getrimmt, seine Stärke ist die Fahrdynamik. Ein Drehmoment von 320 Nm liegt zwischen 1.600 und 4.000 U/min an. Wenn der Lader richtig zupackt, zuckt es in der Lenkung. Mit dieser Leistung ist eben die Grenze des Vorderradantriebes erreicht. Für den ST wurden die Federn verstärkt und das tiefer gelegte Fahrwerk weiter versteift. Die vorderen Scheibenbremsen im ST bekamen 32 Zentimeter Durchmesser für mehr Verzögerung, dennoch könnte die Bremsanlage noch mehr Biss vertragen. Theoretisch sollte der Wagen 9,3 Liter im Mix konsumieren, doch wer ihn ausfährt, kann mit über 12 Litern rechnen. Dafür gibt es unverfälschten Motorsound per "Höhrrohr". Bei Vollgas öffnet sich eine Membran im Ansauger-Inferno des Laders, per Schlauch wird das Brodeln des Hexenkessels direkt bis unters Armaturenbrett geleitet.

Nur echt in Orange

Optisch wirkt der Focus ST in freier Wildbahn deutlich markanter als bei der Präsentation in den Hallen der Automessen. Absoluter Hingucker ist die "Electric-Metallic" getaufte Speziallackierung. Besonders dezent sieht das Gebräu nicht aus, aber das sollte ST-Fahrer nicht abschrecken. Die Seiten werden durch Kotflügel, Emblem und Spezialfelgen eindrucksvoll aufgewertet. Sorgenkind ist das Heck. Mit kräftigen Schatten aus den richtigen Positionen aufgenommen wirkt der Abschluss im Prospekt markant und kantig. Auf der Straße dagegen verschwimmt alles ab 70 Meter Entfernung zu einem einzigen Knubbel, da weder Chrom noch schwarze Leisten Akzente setzen.

Sportlich, aber praktisch

Viel Spaß macht der Innenraum. Die optionale Recaro-Ausstattung zeigt, welch Geistes Kind in dieser Hütte wohnt. Als Extra ein absolutes Muss. Es sei, man betrachtet den Werks-ST nur als Bausatz für weitergehende Ambitionen. Dann geht es natürlich noch härter mit echtem Rallyegestühl, Käfig und entsprechenden Gurten. Die Instrumente sind sachlich und übersichtlich gehalten, das Cockpit wurde wie bei jedem Focus mit einem für Ford sehr wertigen Kunststoff ausgestattet. Sportiv wirken, die drei Eieruhren in der Mitte, zuständig für Öltemperatur, Öldruck und Ladedruck.

Kernig, ohne Sentimentalität

Der ST ist wohl gelungen, eben weil er eben gerade noch genug Abstand zum Rabauken-Look hält und dabei doch Wildheit transportiert. Während der GTI die gereifte Jugend anspricht, die sich nachträglich einen Kindheitstraum erfüllen möchte, ist der ST auch dann interessant, wenn man mit ihm nicht zur sentimentalen Jugendreise aufbrechen möchte. Die Powerkugel im Müllmann-Metallic ist eine verschärfte Braut, die die den nächsten drei bis vier Jahre leider im Zölibat leben muss. Die Jungs, denen beim Anblick des Maschinchens der Hals trocken wird, dürften sich den Reiz der ersten Strecke nicht leisten können. Sie sind auf die abgelegte Ware der Erstkäufer angewiesen. Ford preist den ST zwar recht stramm mit 24.200 Euro für den Dreitürer ein. Doch leider fehlt dann noch einiges, damit das Päckchen prall wird. Zunächst werden für das heiße Metallic noch einmal 1200 Euro fällig. Recaro-Sitze vorne und hinten sind Ehrensache - macht 1900 Euro Plus. Kommen zu diesen Notwendigkeiten noch ein paar Kleinigkeiten und eine standesgemäße Soundanlage hinzu, liegt der Wagen satt auf der 30.000 Geraden.

Keine Rallyemaschine

Puristen werden natürlich etwas zu meckern finden, das Fahrwerk bricht nicht jedem das Kreuz, die Lenkung können auch Schwächlinge bewegen und auch der Motor könnte mit mehr Ladedruck wohl auch noch mehr Leistung entwickeln. Auch dieser Sportkompakte ist eben ein sportlicher Grand Tourisme mit absoluter Alltagstauglichkeit. Hardliner werden in ihm also nur einen Grundstock zum weiteren Ausbau finden. Dafür bewährt sich der Wagen in allen Alltagslagen. Bei moderater Fahrweise sollte sich der Verbrauch im Mix auf unter 10 Liter drücken lassen. Fahrwerk, Sitze und Ausstattung sind zwar sportlich, aber auch für jeden Tag und nicht nur für den Rallye-Feierabend gedacht. Von der übrigen GTI-Bande hebt sich der ST durch seine verschärfte Optik, den famosen Fünfzylinder und das überragende Fahrwerk ab. Ein Wagen für Fahrspaßfanatiker, die den Wagen auch für Familie und Beruf nutzen müssen.

Kindergeburtstag

Zurück zur Rennstrecke. Damit die Leserinnen auf ihre Kosten kommen, sollen die Un-Taten der männlichen Fahrer nicht unter die Fahrbahn gekehrt werden. Zwei Stunden Kindergeburtstags-Spaß für große Jungs kommen Ford teuer zu stehen. Dem Ford Capri fehlt ein Stück der vorderen Stoßstange, die Nase vom Kotflügel ist eingedrückt. Schwer vorzustellen, wie man das verbrechen konnte. Der Kurs ist Formel-1-tauglich und besitzt Auslaufflächen breit wie der Nordseestrand vor St. Peter Ording. Ein Sierra RS Cosworth verschluckte sich in der Kurve und spuckte zwei Liter Öl als riesige Fahne hinter sich. Die alten Kolben-Ringe waren das Runterschalten einfach nicht mehr gewöhnt. Richtig übel hat es einen Fiesta ST Cup erwischt. Anstatt des vierten Ganges hat der Kollegen den ersten erwischt. Uuups, das war es dann für den Renn-Motor. Mit einem Focus ST wäre das nicht passiert.

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