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Jaguar XF: Frankfurt ist weit

Während der Jaguar XF auf der IAA eine spektakuläre Weltpremiere feiert, dreht Wolfgang Schuhbauer auf der Nordschleife des Nürburgrings seine Runden. Er und sein Team haben den Briten zu einem Jäger für E-Klasse, 5er und A6 gemacht.

Jaguar tritt auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Halle 3.1 an, um seinen neuen XF zu bewerben. Für die britische Nobelmarke trotz vehementer Verkaufsgerüchte ein weiterer Messeauftritt unter dem Dach der Konzernmutter Ford. Der neue Jaguar XF ist eine Limousine, die gegen die Besten der Besten in der Oberklasse bestehen soll. Mit seinem Vorgänger S-Type, der besonders durch seine Retro-Styling auf sich aufmerksam machte, hat der XF nichts mehr gemein. Ab März 2008 steht der Konkurrent von 5er BMW, Mercedes E-Klasse und Audi A6 beim Händler. Auf der IAA muss er sich erstmals den kritischen Augen von Presse, Fachpublikum und Autofans stellen. Das hat Wolfgang Schuhbauer als Leiter des Jaguar Testzentrums lange hinter sich. Er hat den XF bereits kurz nach dem so genannten "Designfreeze" in Englang gesehen - Tag für Tag. Zusammen mit seinem Team sorgte er insbesondere auf der Nordschleife des Nürburgrings dafür, dass der XF nicht nur optisch überzeugt. "Die Designer haben unsere Entwicklungsabteilung durch das sportliche Aussehen des neuen XF ganz schon unter Druck gesetzt", erzählt Entwicklungsingenieur Wolfgang Schuhbauer mit einem Lächeln, "schließlich soll der XF mindestens so gut fahren, wie er aussieht."

Mehr als 150 Testwagen haben die Entwickler in den vergangenen drei Jahren verschlissen; hunderttausende von Kilometer in den Asphalt gebrannt nur um den XF zu einem Erfolgsmodell der Zukunft werden zu lassen. Fest steht: eine Nullnummer darf man sich mit dem S-Type-Nachfolger nicht leisten. Deshalb war das Testprogramm für die Entwickler härter denn je. Bis kurz vor der Frankfurter IAA war der Jaguar XF für die meisten nur ein schwarzer Schatten. Die Testfahrzeuge sind bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellt. Stern.de hatte die Möglichkeit, in einem solchen Prototypen Monate vor dem Marktstart ein paar Runden zu drehen.

Streng gehütetes Geheimnis

Beim Betreten der Jaguar-Werkshalle in Wurfweite der Nordschleife ist es verdächtig ruhig. Der durch Folien und Matten verunstaltete Wagen in rotmetallic mit dem Kennzeichen "VX07 XAT" ist ein Linkslenker, ein streng gehütetes Geheimnis der "goldenen Serie". So werden bei Jaguar die Prototypen genannt, die auf den neuesten Entwicklungsstand fahren. Ob das ein Jaguar ist, kann man nicht erkennen. Aufgrund der zahlreichen Matten und Karosserieanbauten lässt sich nicht einmal die Fahrzeugklasse erahnen. So mutet der verplankte XF mehr als wie eine asiatische Fließhecklimousine. Ein Schelm, wer hier einen bisher unbekannten chinesischen Designversuch vermutet. Doch die richtige Tarnung ist für Jaguar ebenso wie für alle anderen Hersteller das A und O. Besonders die charakteristischen Elemente wie Front- und Rückscheinwerfer, Sicken und Fugen soll man nicht einmal erahnen können.

Ungewissheit herrscht auch beim Betrachten des Innenraums. Der Fond ist durch schwarze Folien nicht zu erkennen und die erste Reihe ist ebenso wie das Armaturenbrett durch graue Billigteppiche geschützt. Der Grund für die scheinbar staatstragende Geheimniskrämerei liegt auf der Hand. Das Vorgängermodell würde mit bekannt werden in den Verkaufsräumen verrotten und die Konkurrenz könnte sich frühzeitig auf Innovationen einstellen. Ein Problem, das jeder Autohersteller gerne vermeidet.

Fieser Crash beim Driften

Strammes Fahrwerk

Die unzähligen und meist zwei bis drei Jahren andauernden Tests von Fahrwerk, Karosserie, Motoren und Innenraum finden weltweit statt. Besonders beliebt sind Afrika, die USA, Skandinavien und Deutschland. "So etwas wie die deutschen Autobahnen gibt es jedoch nirgends auf der Welt. Und wenn ein Auto auf der Nordschleife gut ist, fährt es überall gut", betet Schuhmacher glaubhaft herunter. Wie gut der neue Jaguar XF fährt, davon kann man sich bei einer der Abnahmefahrten überzeugen. Das Fahrwerk ist stramm und komfortabel - eine Mischung zwischen Mercedes E-Klasse und 5er BMW. Neben den Aufgaben im Lastenheft es XF spielen Konkurrenzmodelle bei der Fahrzeugentwicklung eine elementare Rolle. "Natürlich schauen wir uns bei dieser Arbeit die besten Modelle im Markt ganz genau an", als er das sagt, schwärmt Schuhbauer zum x-ten Mal von der exzellenten Lenkung und dem präzisen Einlenkverhalten. Kein Marketinggeschwafel - er weiß als Rennfahrer wovon er spricht, als er den Prototypen eine kleine Eifelstraße entlang fährt.

Der 4,2 Liter große Achtzylinder unter der gerade einmal zu erahnenden Motorhaube leistet rund 300 PS. Sanft, aber durchaus sonor grollt es, als es bei sonnigem Wetter die Anhöhe in Richtung Süden hinauf geht. Den XF wird es nur mit einem sechsstufigen Automatikgetriebe von ZF geben. Die Automatik arbeitet leicht modifiziert auch in Autos von BMW und Maserati. Sie scheint hervorragend zu passen. Schuhbauer kennt sie aus dem Effeff - er kam vor 17 Jahren als Ingenieur von ZF zu Jaguar: "Wenn wir mit den ersten Prototypen auf der Straße sind, ist die Aufmerksamkeit vergleichsweise klein. Die Aufmerksamkeit wird mit Annäherung an den Marktstart größer." Der vermeintliche Traumjob als Testfahrer eines Autoherstellers hat sich in den letzten Jahren gewandelt - selbst am Autofahrer-Mekka Nürburgring.

Schwerer Stand für Testfahrer

"Seit Unfälle mit Erprobungsfahrzeugen auf öffentlichen Straßen publik wurden, hat sich das Verständnis für unsere Arbeit auch hier in der Gegend des Nürburgrings leider zum Negativen gewendet", erzählt Wolfgang Schuhbauer, "während wir früher eher zuvorkommend behandelt wurden, reagiert der PKW-Fahrer heute eher aggressiv auf getarnte Fahrzeuge." Schließlich wird nicht nur auf dem Nürburgring, sondern auch abseits der abgesperrten Strecken getestet. Unter anderem geht es um Klappergeräusche und den Federungskomfort im Alltagsbetrieb. Erst wenn es sportlich wird und in den Grenzbereich droht, geht es auf eine der unzähligen Nordschleifenausfahrten. Bevor der neue Jaguar XF grünes Licht bekam, musste er im Renntempo einen Dauerlauf mit knapp 10.000 Kilometern abreißen. Dem XF-Modell auf dem Jaguar-Stand der IAA in Halle 3.1 sieht man die Strapazen der letzten zwei Jahre nicht an. Er strahlt majestätisch und blickt spitzbübisch aus seinen neu kreierten Augenwinkeln. Jetzt hat das Messepublikum das Sagen.

Stefan Grundhoff/Pressinform

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