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Jeep Compass: Schmutz in the city

Der erste Jeep bleckte die Zähne mit einem Gulligrill, dann sprang er in den Zweiten Weltkrieg. Der neue Compass lächelt seiner Fahrerin verschmitzt zu. Er trägt die City-Amazone durch das Abenteuer Alltag, und wenn es hart und matschig kommt, hat er genug Allrad-Power, um sie aus jedem Sumpf zu retten.

Von Gernot Kramper/Stockholm

Der Kompass soll neue Kunden erschließen. Anstatt des Cowboy-Versprechens von Härte und weitem Land weist er den Weg ins urbane Abenteuer. Weit weg von der Pferde-Tränke tummelt er sich vor der "Coyoty Ugly"-Bar. Die Zielgruppe "Singles und Jung-Verheiratete" wird mit einem passenden Preis gelockt. Der Compass streift bereits für etwa 24.000 Euro durch das Dickicht der Großstädte. Jeep steigt damit nicht gerade mit einem Studenten-Schnäppchen in den Markt, trotzdem tummelt sich der Compass 3000 Euro unterhalb des Cherokee, der mehr Gelände, aber weniger Innenraum bietet.

Bislang bot Jeep echte Gelände-Kreaturen an, zunächst an den Maßgaben des Landmannes entwickelt. Diese Jeeps protzen mit Markmanship, für einen City-SUV verfügen sie bloß über zu viel raue und teure Geländequalitäten. Nun kommt der Damenschmeichler von Jeep. "Der Jeep Compass ist ein komplett neues Design-Statement für die Marke Jeep", sagt Trevor Creed, Senior Vice President of Design. "Der Compass erfüllt die Anforderungen derjenigen Kunden, die einen Jeep wollen, der einerseits modern, Elegant und geschmackvoll ist, gleichzeitig aber die Glaubwürdigkeit und die Charakteristika verkörpert, die man mit dem Namen Jeep verbindet“. In der Front hat man ihm leider die Chrom-Zähne gezogen, der klassische Jeep-Grill wird in Wagenfarbe lackiert. Der Wagen verliert dadurch das martialische Grinsen und wirkt deutlich weichgespülter.

Bei dunkler Lackierung bleibt die Frontansicht ausdrucksstark und konturiert, bei hellen Farben verschwimmt der Eindruck. Die Frontscheibe wächst schräg aus der Haube, auch die Kabine wirkt nicht wie aus dem Schuhkarton geformt. Neben einem Kantenmonster wie dem Commander sieht der Compass weich und sanft aus. Selbst an den heiligen trapezförmigen Radkästen wurde solange herumgeschmirgelt, bis sie sich gefällig in die Seitenlinie einsortieren. Rammschutzleisten, dunkle B- und C-Säulen und die flotte Fläche der Seiten produzieren einen leichtfüßigen, dynamischen Look. Die kreisrunden Scheinwerfer mit ihren runden Verlängerungen in der Blechfront sagen freudig "Hallo". Ein Jeep mit ausgeprägtem Kindchen-Schema. Das Gesamt-Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Compass geriet gefällig, ohne seinen Jeep-Charakter zu verlieren. Genau das Richtige, für den SUV-Kunden, der ein Bekenntnis zu Freiheit, Sport und Landschaft abgibt und doch keinen rauen Offroader kutschieren mag.

Keine Angst vor fetten Pfützen

Das Gesetz der US-Navy, in jeder Klasse stets das stärkste Schiff aufzubieten, gilt auch für Jeep. Die eiserne Regel: "In jedem Segment dem Kunden den fähigsten Offroader anbieten." Kein Konkurrent darf besser durch den Schlamm waten oder Felsen überqueren, als die Modelle aus dem eigenen Haus. Zum Slogan vom "Urban Adventure" passt dieser Anspruch so wie der Trekkingstiefel zur Vernissage, aber sei es drum. In Schweden ist viel Platz und da es reichte es auch für ein Jeep Feldlager mit Barbecue und Sumpf-Strecke. Wie nicht anders zu erwarten, wälzte sich der Compass ohne Klage durch knietiefen Matsch, durchwatete mächtige Pfützen und balancierte über kapitale Brocken. Der Allradantrieb "Freedom Drive I" basiert auf dem aus dem Grand Cherokee bekannten System und sollte für deutlich mehr als den urbanen Alltag ausreichen. das Vierradantriebs- System zum Einsatz. Es handelt sich um ein permanentes Vierradantriebs-System mit manuellem Sperrmodus. Solange man den Wagen nicht mit zu hurtiger Gangart im grundlosen Schlamm in eine unlenkbare Schlitterpartie zwingt oder Aufsetzer provoziert, kann der Compass auf seinen Straßenreifen im Lockmodus weit mehr, als die Nerven der urbanen Abenteurer vertragen werden.

Irrsinniges Überholmanöver

Auf einem zweiten Parcours starte das Urgestein Wrangler und steckte auf seinem Pfad ganz andere Brocken weg und zeigte dann doch, was man sich bei Jeep unter einem echten Geländewagen vorstellt. Der Kompass erreicht dafür auf anderem Gebiet Bestnoten: Der kräftige 2,0 Liter-Turbodiesel begnügt sich im Mix mit weniger als sieben Litern auf Hundert Kilometer. Der auf der Testfahrt tatsächlich gefahrene Verbrauch lässt diesen Wert als durchaus realistisch erscheinen. Für ein Wagen dieser Größe und Statur ist das eine Sensation. Ein Rußfilter wird allerdings nicht angeboten, damit kann das urbane Abenteuer an der Partikel-Alarm-Schranke ändern.

US-Grantler

Neben dem günstigen Verbrauch bietet der Motor die Kraft und den Saft, den man sich wünscht. Die Sechsganghandschaltung arbeitet präzise, 140 PS und 310 Nm sind mehr als ausreichend, um dem Abenteuerer kernigen Biss zu spendieren. Die CVT-Automatik wird allein für den 2,4 Liter-Benziner angeboten. Leider ist das Lied des Dieselaggregats so rau und heiser wie das Heulen eines Grizzlybären. Wer gern lautlos dahingleitet, wird im Kompass schwer erschüttert werden. Der Motor raspelt vor sich hin, die Reifen mahlen mit deutlichen Abrollgeräuschen über den Asphalt und unter dem Boden rumort der Allradantrieb vor sich hin. Von Ruhe im Maschinendeck kann nicht die Rede sein. Ohrenstöpsel sind natürlich nicht nötig. Wie sehr man sich von den Geräuschen belästigt fühlt, muss jeder selbst wissen, aber zenartige Stille gibt es sicher nicht. Der günstigere Benziner lässt es ruhiger angehen, fühlt sich aber leider deutlich schlapper an. Angesichts des Dieselverbrauchs sollte sich für den Benziner nun derjenige entscheiden, der ohne Automatik nicht leben kann.

Klassenübliches Fahrverhalten

Lenkung und Fahrverhalten kommen beim Compass - wie bei fast allen SUVs - nicht mit einem sportlichen Kombi mit. Vor der Konkurrenz braucht sich der neue Spross von Jeep aber nicht verstecken, allein der Rav4 bietet mehr sportive Attitüde. SUV-Fahrer, die Übersicht, hohe Sitzposition und mächtige Statur zu ihren Herzenswünsche zählen, dürfte dieser "Nachteil" herzlich egal sein.

Hauptsache robust

Der Innenraum setzt auf das typische Jeep-Ambiente, das allerdings bei jeder neuen Wagengeneration mehr Qualität und mehr Stil präsentiert. Beim Compass in der höheren Ausstattungslinie Limited heißt das strapazierfähiger Chic. Die Konsole setzt auf die typische eckige Gestaltung, das Material wirkt robust. Die "Hand schmeichelnd" oder "edel" möchte man nicht sagen. Dafür kann man mit Eimer und Bürste klar Schiff machen, oder einmal durchkärchern. Die zweifarbigen Ledersitze sind sehr flott und fürs urbane Abenteuer wie geschaffen. Die Kunststoffe tragen dafür noch stolz manchen Grat. Die Sitze bieten wenig Seitenhalt, für die übliche SUV-Fahrweise reicht es aber. Die Auflagefläche ist relativ knapp bemessen, dafür ist der Innenraum sensationell groß. Wenn der Fahrer nicht zur Schlafwagenposition neigt, kann man sich hinten lümmeln wie in der Oberklasse.

Die Neigung der Rücksitze lässt sich variieren, die Bank im Verhältnis 60 zu 40 umklappen. Der Kofferraumboden wird von einer soliden Kunststoffwanne bedeckt. Praktisch, wenn dreckige Schuhe verstaut werden. Weil der Kompass sich - wie ein echter Jeep eben - mit vollwertigen Reserverad in die Wagnisse des City-Lebens stürzt, kann er keinen der üblichen "Ich bin ein Kofferraum unter dem Kofferraum"-Lösungen anbieten.

Nette Gimmicks

Den Jeep-Standard peppen einige nette Ideen auf. Das hintere Binnenlicht lässt sich als Taschenlampe herausnehmen, die Armauflage könne kleinere Fahrer weit nach vorn ziehen. Ein spezielle Halterung sorgt dafür, das Handy oder MP3-Player im Blick bleiben. Wer gern auf Party macht, darf das Soundsystem im Heck herunterklappen und damit den Strand beschallen. Auch ohne Edel-Finish und High-End-Komfort passt der Innenraum zur Mission: Stylish genug, um nicht als Förster-Auto aufzutreten, und dabei sehr flexibel und zugleich robust. Das Richtige, wenn vormittags Mountainbikes verstaut werden und es abends auf die Piste gehen soll.

Zweite Variante zu empfehlen

Die "Sport"-Variante ist bereits großzügig ausgestattet, auch eine Klimaanlage ist dabei. Die etwa 3000 Euro teurer "Limited"-Version bietet daneben eine Teillederausstattung, 18 Zoll-Aluminiumfelgen, Sitzheizung für die Vordersitze und einige andere Annehmlichkeiten. Entscheidet man sich für Limited und den Diesel, so liegt man bei 27.790 Euro. Attraktiver wird der Preis durch die umfangreiche Garantie, vier Jahre lang oder für maximal 50.000 Kilometer alle Wartungs- und Reparaturarbeiten sowie Verschleißteile zu bezahlen. Abgesehen von "echten" Garantiefällen, spart man so etwa 1000 Euro.

Angriff mit Charme

Der Compass soll im Markt das Blatt wenden, DaimlerChrysler hat genug davon, dass Japaner und Koreaner den Markt für die günstigen SUVs unter sich aufteilen. Leider haben sie es sich dort sehr gemütlich eingerichtet. Im direkten Vergleich kann der Compass gewiss bestehen, aber dass er die gesamte Konkurrenz deklassiert, wird auch der Freund der Marke nicht behaupten können. Seine Pluspunkte sind das Jeep-Image, die Optik und der günstige Verbrauch. Persönlich gefällt, dass der Compass sich im Gelände nicht in einen Rasen-Schlaffi verwandelt.

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