Mercedes-Benz GL-Klasse Luxus im Schlammbad


Komfortabel wie ein Himmelbett - zugleich sportlich, gigantisch groß und doch gelenkig: Der neue Luxus-Geländewagen von Mercedes eignet sich für Schulfahrten mit sechs Kindern und genauso wie zum Ausflug ins Gelände.
Von Claudia Pientka, Napa Valley

Das hier ist ein Auto, das kauft sich der gemeine Deutsche mit dem Bauch, nicht mit dem Kopf: 2,5 Tonnen schwer, 340 PS stark, 5,09 Meter lang. Nein, der neue Mercedes-SUV ist kein Flitzer, den man mal schnell in die Lücke eines Altstadtgässchens schiebt, dieser Geländewagen klettert über grindige Alpenpässe, mit genügend Platz für sieben ausgewachsene Menschen - und sieht dabei noch gut aus. Wie passend, dass ein Automobilmarktforscher eben erst ermittelt hat, dass gerade männliche Käufer ihr Auto zu 80 Prozent auch für den Nachbarn anschaffen. Die werden mit dem gigantischen Luxus-Geländewagen von Mercedes ein neues Objekt der Begierde finden.

Dabei gibt der Stuttgarter Autobauer eines ganz unumwunden zu: Der GL wird weder in Deutschland gebaut, noch ist er spezifisch an den deutschen Kunden angepasst. Vielmehr soll der erste Mercedes-Full-Size-SUV, sprich: Sport Utility Vehicle, als siebensitziger großräumiger Luxus-Geländewagen vor allem amerikanische Begierden befriedigen und daher, vor allem anderen, groß sein. Nichts liegt also näher, als das neue Riesenbaby auch im Land der Gigantonamie zu präsentieren, in Amerika, Kalifornien, Napa Valley.

Je größer, desto lieber

Denn dass ein Wagen solcher Ausmaße elegant beweglich und gelenkig bleibt, lässt sich wunderbar auf der Panoramastraße 101 von San Francisco nach Napa Valley testen. Noch ein zweiter Vorteil liegt auf der Hand: Während der Allradler im Südschwarzwald Massenaufläufe herbeiführen könnte, fällt er auf amerikanischen Straßen kaum auf zwischen all den Riesentieren von Ford Excursion bis Hummer. Denn trotz steigender Energiepreise sind die Staatler zu verliebt in großspurige Geländewagen mit Ausmaßen eines Kleinlasters und meterbreitem Platz zwischen Straße und Unterboden.

Ausufernde Maße beeindrucken auch im Innern des Straßenschiffs. Hier passt alles zusammen. Die schlicht-klassische Form der Echtholz-Applikationen mit den sorgfältig verarbeiteten Nähten der lederbezogenen Instrumententafel - schließlich soll auch der Fahrer eines Geländewagens nicht auf gediegenen Luxus verzichten müssen. Das Auto arbeitet zwar wie ein Tier, lässt sich aber ladylike bedienen: Elektronisch klappen die Sitze der dritten Sitzreihe in den Boden, per Knopfdruck vertreibt eine Jalousie blendendes Sonnenlicht, das durchs Panoramadach fällt, und nervende Kinder können dank optionaler DVD-Monitore im Kopfteil der Vordersitze eingelullt werden. Unnötig zu erwähnen, dass das Unterhaltungspaket mit einer Spielkonsole erweitert werden kann.

Neben der integrierten Kinderbespaßung gefällt der Große gerade auch kleineren Frauen: Wie auf einer Jagdkanzel thront die Fahrerin auch mit einer Körpergröße von 1,60 Metern hoch über den vorbeihuschenden Autos und fühlt sich sicher und geborgen.

Amerikaner müssen auf den Diesel noch warten

Bei so viel Luxus fällt es dem Fahrer nicht leicht, sich auf die eigentliche Funktion des Autos zu konzentrieren - das Fahren. Dabei schiebt der neue V8-Motor den GL 450 mit 240kW/340 PS über den Asphalt, beschleunigt ihn in 7,6 Sekunden auf Tempo 100 und soll 235 Stundenkilometer schnell sein - eine auf amerikanische Straßen nicht testbare Information. Ob hundert Kilometer mit den angepeilten 13,4 Liter auch abseits ampel- und verkehrfreier Straßen zu bewältigen sind, darf allerdings bezweifelt werden. Aber ums bloße Heizen geht es bei diesem Wagen sowieso nicht. Es soll ein Genussfahrzeug sein, bei dem man sich dreimal überlegt, ob man von seinem Hochsitz klettert, um die Außenansicht auf den stürmenden Pazifik zu genießen. Der GL sieht nicht nur elegant und mächtig aus, er ist auch ein Auto zum Cruisen.

Angetrieben wird der Riesenradler von Benzin- oder Diesel-Motoren, wobei letztere zunächst nur in Europa geliefert werden. Denn obwohl der Wagen im Mai zuerst das Licht amerikanischer Straßen erblickt, wird in den USA zunächst nur der GL 450 zu kaufen sein. Bei der europäischen Markteinführung des Luxus-Geländewagens hat Mercedes dafür tiefer in die Wundertüte gegriffen: Vier Modelle wird der Kunde zur Auswahl haben, neben dem GL 450 auch ein GL 500 mit 285kW/388 PS und zwei Dieselmodelle. Den achtzylindrigen GL 420 und den GL 320. Mit sechs Zylindern, 165kW/224 PS und einem idealen Verbrauch von 9,9 Litern soll er Ende des Jahres auch die Amerikaner vom Vorteil eines Diesels überzeugen, schließlich wäre er dann das sparsamste Fullsize-SUV Amerikas.

Klotzen auch beim Preis

Das Geld, das sie beim Kraftstoff dann sparen, haben die stolzen GL-Besitzer sowieso schon in ihr Auto investiert: Satte 77.604 Euro kostet der "kleine" Benziner, sein Diesel-Pendant gibt es für 63.684 Euro. Natürlich ist die Scheine-Skala nach oben weit offen: Für schickes Chi-Chi wie Rückfahrkamera, Sprachbedienung für das Navi oder radargestützte Abstandsregler sind ordentliche Aufpreise zu entrichten. Schließlich wird bei so einem Auto nicht nur beim Bau geklotzt. Klotzen und klettern kann der SUV dann in den gewässerten Weinhängen des Winzertals Napa Valley. In der eigens von Mercedes angelegten Off-Road-Strecke in den Hängen des Brown-Weinguts wollen klebrige Schlammlöcher durchquert und steile Matschhügel bezwungen werden. Während sich Meter für Meter das ausladende Panorama des exklusivsten amerikanische Weingebiets entfaltet, muss der Fahrer im Inneren Knöpfe drücken und auf automatisch einspringende Fahrhilfen lauschen.

CD-Wechsler statt Off-Road-Paket

Auch das Besteigen eines weinumrankten Gipfels fordert keine körperliche Anstregungen. Damit das Hinterrad nicht aus der aufgeweichten Kurve rutscht, sperren sich Zentral- und Hinterachsendifferential, beim Hochklettern verhindert eine automatische Anfahrhilfe unkontrolliertes Zurückrollen, und auch bergab bremst sich der GL automatisch. Zusammen mit der Luftfederung wankt das Luxusauto so behutsam zu Tal und vermittelt selbst einem nicht schwindelfreien Angsthasen relative Fahrsicherheit. Schweißperlen vergießt der Fahrer nur wegen des Blicks in die Tiefe, nicht aus Anstrengung. Dumm nur, dass es das Paket für amerikanische Kunden nicht serienmäßig gibt - dieser Extrawunsch muss mit harten Dollar bezahlt werden. Denn obwohl das Land der unbegrenzten Naturspektakel bedeutend mehr Gelände-Strecken vorweist, will Mercedes herausgefunden haben, dass Amerikaner einen serienmäßigen CD-Wechsler oder Teleaid mehr schätzen als das Off-Road-Paket.


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