Opel Insignia Hoffnungsbrummer aus Rüsselsheim


So schön, so wertvoll und so bequem war noch kein Opel. Opels Insignia will und kann sich zeigen. Für den großen Befreiungsschlag reicht die Substanz nicht aus, denn die Themen der Zukunft werden ignoriert.
Von Gernot Kramper/Salzburg

Endlich mal ein Opel, der wieder richtig Gas geben kann. Mit Frontantrieb schon nicht übel, stößt der Insignia mit dem neuen Allradantrieb und dem Fahrwerkssystem FlexRide in eine Klasse vor, die Vorgänger Vectra nie hat erreichen können. Allrad a là Opel kommt von Saab und setzt auf eine hydraulische Haldex-Lamellenkupplung zwischen Vorder- und Hinterachse. Ein elektronisches Sperrdifferenzial beschickt rechtes und linkes Hinterrad mit der richtigen Power. Die Traktion wird dadurch wesentlich verbessert, das Zerren an den Vorderrädern praktisch eliminiert. In der "Sport"-Stellung beherrscht der Wagen flotte Kurvenfahrten. Allein das messerscharfe Einlenkverhalten der Platzhirsche kann der Wagen nicht. Die Lenkung ist zwar ausreichend präzise, bleibt in der Mittellage ein paar Grad lang indifferent, bevor sie dann zu greifen beginnt. Den Allradantrieb gibt es als Extra für den 2.0 Turbo optional, beim 2.8 V6 Turbo ist er Serie. Mit dem Zwei-Liter-Turbo kann man ruhig und angenehm dahin gleiten, der gefahrenen Zwei-Liter-Diesel macht dagegen durch ein mahlendes Grundgeräusch auf sich aufmerksam. Zu den schönen Neuerungen zählt auch das adaptive Bi-Xenon-Fahrlicht. Es kostet natürlich Aufpreis (1250 Euro) überdies kann es nur in Kombination mit der Edelausstattung "Cosmo" geordert werden.

Noch nie saß man so gut

Von den ausgezeichneten Sitzen profitiert man auch gegen Aufpreis. Eine Investition, die sich lohnt. Ganz fraglos hat man noch nie besser in einem Opel gesessen. Beim Gestühl kann Opel in seiner Klasse als Benchmark gelten. Ebenso überzeugend gelang Gestaltung und Verarbeitung des Innenraums. Wer einmal in einem Vectra oder in einem Meriva saß, dem fällt der Kiefer herunter. Schmeichelndes Leder, angenehme weiche Oberflächen, kühle Einlagen aus gebürstetem Aluminium. Und nicht zuletzt: Ein Design, das sich auch außerhalb der Kreises verschworener Opelfreunde sehen lassen kann. Sehr schön machen sich die allgegenwärtigen sichelförmigen Elemente. Dumm nur, dass auch die Konkurrenz das Niveau weit nach oben geschoben hat. Die Zeiten, in denen ein Ford zwar fuhr, aber nur lieblos und klapprig zusammengeschraubt wurde, sind lange vorbei. Auch von außen zeigt der Opel eine skulpturale Präsenz, wie sie vorher unbekannt war. Dieser Opel schafft eine eigene, überzeugende Designsprache.

Ohne Image

So gesehen, hat der Insignia vor allem ein Problem: er ist ein Opel. Da kann man gern den Firmennahmen in das Signet gravieren lassen, das Image der Marke ist nach wie vor eine Katastrophe. Wer, wie der Verfasser, Kollegen zum Kauf eines preislich häufig sehr attraktiven Opels geraten hat, weiß, welche allergischen Reaktionen die Marke auslösen kann. Zudem hat Opel die Werthaltigkeit seiner Modelle auf breiter Front zerstört. Wer jahrelang bis zum Anschlag offene und versteckte Rabatte gewährt hat, wird es sehr schwer haben, den Listenpreis am Markt durchzusetzen. Insbesondere der Vectra hat als Tageszulassung oder gar als EU-Halbjahreswagen alle Preis- und Schambarrieren durchschlagen. Alain Visser, Marketing-Chef von GM Europe, weiß, dass es "Zeit und Geduld braucht, bevor eine Marke neu positioniert ist, und dafür benötigt man überzeugende Autos. Autos wie den neuen Insignia."

Warten auf neue Motoren

Die Preise des Insignia bewegen sich zwischen 22.700 zum Einsteigen und 43.110 Euro für den 2.8 V6 Turbo Kombi. Der flotte 2.0 Turbo 4x4 kommt auf 34.935 Euro. Mit ESP, Klimaanlage, elektrische Außenspiegel und Fensterhebern und einem CD-Radio sind die Wagen klassenüblich, aber nicht üppig ausgestattet. Der 2.0 Turbo 4x4 mit seinen 220 PS macht durchaus Freude, den Sechszylinder werden ohnehin nur Opel-Enthusiasten wählen. Aber insgesamt erschüttert der Blick unter die Motorhaube. Wo andere Marken zumindest auf den Messtand solide Einsparungen beim Generationenwechsel vorweisen können, verbraucht der schwerere Insignia teilweise sogar mehr als der Vorgänger. Die Diesel bieten zumindest etwas mehr Leistung bei gleichem Verbrauch. Auch wenn in der Pressekonferenz ein Dutzendmal das Wort von "deutscher Ingenieurskunst" bemüht wird, gespart wird mit neuem Motoren erst im neuen Jahr.

Die Messlatte setzen andere

Ein "Eroberer" ist der Insignia nicht. Dafür fehlt ihm einiges. Schon von außen wirkt der Insignia seltsam hochbeinig, er vermittelt so gar nicht den Eindruck "satt" auf der Straße zu lauern. An den Maßen liegt es nicht, eher an dem zusammengezogen Grill, den weit oben sitzenden Rückscheinwerfern und anderen optischen Details. Außerdem hat man partout nicht auf die hintere, Chrom blinkende Wohlstandsbanderole verzichten wollen. Auch die sportliche Gangart wurde dem Vectra-Nachfolger nur in Maßen beigebracht. Allein die Fahrstufe "Sport" im FlexRide kann einigermaßen überzeugen, ansonsten wurde der Wagen sehr moderat abgestimmt. Den Sportfahrern wird früher oder später mit einem OPC-Modell geholfen werden. Die verwirrende Benutzerführung zwischen Drehknöpfen und Schalterarmada auf der Mittelkonsole wird Bestand haben.

Keine Zukunft ohne Zukunftstechnologie

Mit dem Insignia kann Opel aufholen, aber nicht überholen. Stolz bietet der Opeleaner einen Allradantrieb "State of the Art", ein modernes Lichtsystem und einen Spurassistenten mit Erkennung von Verkehrzeichen an. Aber außerhalb von Rüsselsheim gibt es diese Dinge schon längst. Eben stellte Volkswagen den Golf Fünf-Ein-Halb vor. Gegen die Armada an Goodies, mit denen man bei Volkswagen den Kompaktwagen hochrüsten kann, ist Opels Flaggschiff eher sparsam bestückt. Während die Konkurrenz in breiter Front Spritsparmodelle anbietet und immer mehr Ökotechnik in die Serie integriert, muss der Insignia auf diesem Gebiet passen. Im Jahr 2009 kommt zwar der Insignia EcoFlex mit 160 PS-Dieselmotor und einem Durchschnittsverbrauch von etwa fünf Liter, aber im Moment gibt es nicht einmal eine Startstop-Automatik. Mag sein, dass ausgesprochene Ökomodelle am Ende gar nicht so häufig geordert werden, wie man erwarten möchte. Aber Erfolge auf diesem Feld sichern das Image und den technischen Vorsprung für die Zukunft. Der Insignia ist eben in der Gegenwart angekommen, aber die Zukunft findet woanders schon heute statt. Also: Ein großer Schritt für Opel, ein kleiner für den Rest der Welt.


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