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Sportfahrerlehrgang: VroomVroomCrashVroom

Seit 1958 veranstaltet die legendäre Renngemeinschaft der Scuderia Hanseat zweimal im Jahr ihren Sportfahrerlehrgang auf der Nordschleife des Nurbürgrings. Was sich wie eine der unzähligen Übungskurse anhört, auf denen man lernt, wie man schnell um Hütchen fährt, läuft's bei den Testosteron-geladenen Hanseaten ein wenig anders. stern.de-Mitarbeiter Helmut Werb ist mitgefahren.

Die Corvette des Kaufmanns aus dem Dänischen hat im Wippermann, der trickreichen Kurvenkombination zwischen dem Karusell und dem Brünnchen, erst mal für dreißig Meter neue Leitplanken gesorgt, als der gute Mann allzu hoffnungsfroh aus der Hohen Acht schoss. Mein Gott, wer soll sich all die Namen merken!? Schwedenkreuz, eine, na sagen wir mal Gerade, die man voll im Sechsten bis zum Sprunghügel nimmt, um dann, wenn die Karre wieder Boden berührt, mächtig, aber kurz anzubremsen, um ein paar Tröpfchen Adrenalin später im Fünften die Fuchsröhre voll korrekt runterdonnern zu können. Oder der Pflanzgarten. Pflanzgarten hört sich so harmlos an, umweltfreundlich langsam, ist aber auch so eine Sprungschanze, die du - bitte sehr! - anbremst, bevor sich die Rennreifen vom Asphalt verabschieden, und danach geht's total blind Richtung Schwalbenschwanz. Volle Röhre, natürlich. Fahrer auf Beta-Blocker machen das schon mal im Sechsten. Ich bin froh, wenn ich das Ausatmen nicht vergesse. Meine Nerven liegen nach der Einführungsrunde hinter Uli Wagner in Fransen, dabei hat unser fast achtzigjähriger Gruppenleiter (richtig gelesen, 80!) noch nicht mal richtig Vollgas gegeben in seinem M3, und die Anfänger-Gruppe, die in ihren muskelbepackten Opel Astra OPCs hinter dem ehemaligen Bobfahrer herfährt, hat derweil Mühe, den Angstschweiß vom Lenkrad zu wischen.

Willkommen auf der Nordschleife, der wohl schönsten und schwierigsten Rennstrecke der Welt, und Willkommen beim Internationalen Sportfahrerlehrgang der Scuderia Hanseat am Nürburgring. Keine Veranstaltung im deutschen Sportkalender kommt dem Geist britischer Klubrennen so nah, wie das verlängerte Oktan-Wochenende der Hanseaten. Seit 1958, seit fast 50 Jahren also, fahren sich die Klubmitglieder und deren Freunde die Seele aus dem Leib, durch die 89 Kurven des Rings, 73 in der Nordschleife, 16 auf der Grand Prix-Strecke - und haben einen Heidenspaß dran. Vier Tage donnern sie durch die Eifel, dieses Mal sind es sage und schreibe 328 Teilnehmer, fast 130 davon im eigenen Porsche, auf Ferraris, Ford GTs, unzähligen BMWs und Maseratis, die zum Teil auf Hängern angekarrt werden, einige im Gegenwert luxuriöser Eigentumswohnungen - und insgesamt 13 Opel Astra OPCs, denn die Rüsselsheimer, die die Scuderia kräftig unterstützen, luden harmlose Zivilisten wie mich zur Teilnahme ein. Bei so was sagt man nicht nein, wer das überlebt, sage ich mir, der kann daheim so richtig angeben. Ein paar Dutzend freiwilliger Instruktoren mit zusammen jahrzehntelanger Rennerfahrung sorgen derweil für den notwendigen fahrtechnischen Unterbau der Reserve-Fangios. Jede Kurve, jedes Schlagloch wird penibel besprochen - und danach im vollen Renntempo durchfahren. Nachts träume ich von den winzigen weissen Punkten, die Einlenken, Scheitelpunkt und Auslenken auf der Fahrbahn markieren, und ich wache schweißgebadet im Hotelbett auf, nachdem sich in meinem Traum der gewaltig fauchende Astra im Castrol-S in einen beißenden Höllenhund verwandelt hatte. Solche Träume sind kein billiges Vergnügen, die Teilnahme kostet an die 1700 Euro. Mit Hotel, Benzin, dem Satz Reifen, der auf der Strecke bleibt, kräftig was zu beißen und schlucken zwischendurch kommen da einige Tausend zusammen, vom Resultat des zu späten Einlenkens am Hatzenbach ganz zu schweigen - und einer ist dabei, der den passenden Scheck schon sechsunddreißigmal unterschrieben hat. Als Belohnung dafür bekommt er eine Anstecknadel. Gewonnen hat er den Event noch nie.

Die Stimmung zu Beginn der vier Tage ist - wie sich's beim Klubsport gehört - kameradschaftlich lächelnd. Man kennt sich, zum Teil schon seit Jahrzehnten (welcher Jungspund kann sich schon Spielzeug im Wert einer Viertelmillion leisten?), man freut sich über den neuen Ruf GT des befreundeten Zahnarztes, musste sein, klar doch, der alte schaffte das Kesselchen ja nur noch mit 250. Am Abend der Instruktions- und Trainingstage klopft man sich noch gar lustig auf die Schultern, um dann am Abschlusstag das Messer zwischen die Zähne zu klemmen und die eine perfekte Runde von fünfundzwanzig Kilometern gnadenlos runter zu reißen.

Ein Abschlusstag voller Dramen

Soviel Hormonabbau geht nicht ab ohne Dramen. Je näher der Abschlusstag rückt, desto größer der Mut. Wir von der Opel OPC-Truppe nehmen es plötzlich mit veritablen Ferraris auf, ein besonders gewiefter Opel-Piloten im Corsa GT nimmt dem gesamten Feld bei einer der letzten Trainingsrunden gar ganze 5 Sekunden ab. Der vierzig Jahre alte Austin Healey 3000 eines Frankfurter Professors fährt derweil den neumodischen Rennkollegen sowas um die Ohren, dass hinter der Hand von Blut-Doping getuschelt wird. Der Porsche GT3 RS eines skandinavischen Sportsfreunds klebt sich hinterm Brünnchen in das selbe, ein österreichischer Kollege bekommt während der Fahrerbesprechung einen hysterischen Weinkrampf, weil er beim Anbremsen den Kürzeren zog, und bei der Siegerehrung bricht bei der Gruppe 5 (fragen Sie nicht!) so viel Jubel aus, dass die Veranstaltung kurzfristig unterbrochen werden musste.

Im September geht's dann nochmal los. Bring Geld mit.

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