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Technik: Smart Electric Drive: Smart Ampère

100 Elektro-Smarts werden bald durch Londons Innenstadt wuseln. Der Winzling hat nur 115 Kilometer Reichweite, fährt sich aber flott und problemlos. Privatleute können sich den smarten Stromer trotzdem nicht kaufen.

Süß sieht er aus, der Baby-Stromer. Noch nuckelt er an der Stromleitung, um seine Energiespeicher wieder aufzuladen. Doch dann ist die Fütterung vorbei und die gelb geringelte Nabelschnur wird getrennt. Wir steigen ein in den Smart Electric Drive. Leistung: 41 PS. Verbrauch: 12 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. CO2-Ausstoß: Null. Theoretisch jedenfalls - die tatsächliche Bilanz hängt natürlich davon ab, wie der zum Aufladen nötige Strom produziert wird.

Beim Einschalten des 30 Kilowatt starken Permanentmagnetmotors herrscht absolute Stille. Lediglich das dumpfe Geräusch einer Pumpe ist zu hören. Sie baut Druck im Bremssystem auf. Die Automatik steht auf D, der Fuß tastet sich aufs Gaspedal. Erst jetzt ist ein leises Surren zu hören. Der Smart setzt sich mit einem leichten Ruck in Bewegung. Zuerst fühlt man sich ein bisschen wie in einem elektrischen Caddy, doch das verfliegt schnell. Der Elektromotor reagiert spontan aufs Gas - sein Drehmoment von 140 Newtonmetern steht schließlich im Gegensatz zu Benzinmotoren sofort zur Verfügung.

Die Beschleunigung ist für ein flottes Mitschwimmen in der City völlig ausreichend. 5,7 Sekunden benötigt der elektrische Smart, bis er 60 km/h erreicht hat. Auf den ersten Metern sprintet er sogar schneller los als der Brabus-Smart. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 112 Km/h. Es wäre auch mehr drin - aber bei höherem Tempo zieht der Motor einfach zu viel Strom aus der Batterie. Und im Einsatzgebiet des stromernden Winzlings – Londons Innenstadt – fährt man ohnehin selten mal schneller als 30 km/h.

100 Elektro-Smarts sollen demnächst auf den Straßen der britischen Hauptstadt rollen. Smart hat die Winzlinge zusammen mit der britischen Firma Zytek entwickelt. Mit dem auf vier Jahre angelegten Pilotprojekt will Smart testen, wie sich der Elektroantrieb in der Praxis bewährt.

An dem Projekt nehmen ausschließlich Firmen oder Behörden teil, keine Privatleute. Etwa 35 Unternehmen, darunter Baufirmen oder Apothekenketten, werden die smarten Stromer bewegen. Sogar die Polizei soll mit einigen Elektro-Flitzern ausgerüstet werden.

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Die dürften allerdings vor allem zum Knöllchen Verteilen eingesetzt werden, denn die Schlagzeile "Batterie leer – Dieb entkommen" würde sich nicht so gut machen. So einfach und flott sich der Elektro-Smart auch fährt: Die geringe Reichweite ist seine Achillesferse. Nach spätestens 115 Kilometern ist Schluss und der Wagen muss wieder an die Steckdose.

"Wir gehen allerdings davon aus, dass die meisten Benutzer im täglichen Einsatz schon mit 50 Kilometern Reichweite auskommen", sagt Pitt Moos vom Smart-Marketing. Er glaubt, dass während der vierjährigen Testphase bei keinem der Autos die Batterie ausgetauscht werden muss. Der Natrium-Nickel-Chlorid-Akku hat nämlich nur eine Lebensdauer von 70000 bis 80000 Kilometern, schätzt Markus Bibinger, ebenfalls von Smart.

Nach etwa drei Stunden an einer 230 Volt-Steckdose ist ein leerer Akku zu etwa 80 Prozent aufgeladen. Der Energiespeicher soll mindestens 1000 Ladezyklen überstehen können.

Für größere Reichweiten könnte ein Lithium-Ionen-Akku sorgen. Der sei aber aus Sicherheitsgründen für den Einsatz im Elektro-Smart noch nicht reif, sagt Moos. Unter anderem müsse sichergestellt sein, dass der aus tausenden Energiezellen bestehende Speicher einer Kollision mit eindringenden Teilen standhält.

Den ökologischen Image-Gewinn durch den Smart Electric Drive lassen sich die am Projektbeteiligten Firmen übrigens eine ganze Menge kosten. 400 Britische Pfund sind pro Monat als Leasingrate fällig. Dafür bietet der kleine Stromer diverse Vorteile: Die Autos sind von der Londoner City-Maut (pro Jahr rund 1000 Euro) befreit, ebenso von Parkgebühren an bestimmten Standorten. Spritkosten gibt es keine, den Strom können die Smarties auf einigen städtischen Parkplätzen kostenlos aus dem Netz saugen. Dazu kommen öffentliche Zuschüsse, eine Befreiung von der Kfz-Steuer - und natürlich das große Medieninteresse.

Bislang ist London der einzige Spielplatz, auf dem sich die Elektro-Smarts austoben dürfen. In der britischen Metropole wuseln schon seit Jahren viele andere kleine Elektro-Flitzer umher. Mit City-Maut und Staugebühr kämpft die Stadt gegen den Verkehrsinfarkt.

In anderen europäischen Städten, auch in Deutschland, ist das Interesse noch gering, geben die Smart-Leute zu. Dabei könnte der Smart Electric Drive genau der Schub sein, der dem Elektroauto wenigstens zu einem kleinen Durchbruch verhilft.

Strom-Zwerge wie der in Indien produzierte Reva Greeny schrecken potenzielle Fahrer mit einer dürftigen Verarbeitung, einem beengten Innenraum sowie ungenügenden Sicherheitsstandards (es gibt nicht einmal Airbags). Der Smart ist zwar auch nicht viel größer - aber ein richtiges Auto mit akzeptabler Ausstattung und genug Platz für zwei Personen plus etwas Gepäck. Vor allem aber hat er eine zeitgemäße Sicherheitsausstattung inklusive stabiler Fahrgastzelle, Airbags, ABS und ESP.

Privatkunden werden den elektrischen Smart möglicherweise nie kaufen können. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Fahrzeuge auch in Zukunft nur vermieten werden", sagt Pitt Moos. So könne man zum Beispiel geregelte Ladezyklen oder das Recycling der Batterie besser gewährleisten.

Pressinform / PRESSINFORM
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