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Volkswagen Golf R: Kastrierter Porsche-Ersatz

Power wie ein Porsche, aber fast ein Drittel günstiger. Den Golf R kürt VW zum stärksten Golf aller Zeiten und verlangt für 270 PS mindestens 36.400 Euro. Bittere Pille: Statt sechs gibt's nur noch vier Zylinder.

Von Michael Specht

Die schlechte Nachricht zuerst: Den coolen Sound des Vorgängers liefert der neue Golf R nicht mehr. Obwohl sich die VW-Klangtechniker redlich Mühe gegeben haben. Aber gegen Physik und Politik können halt auch sie nichts ausrichten. Denn Volkswagen beschloss, die dritte Generation des Golf-Topmodells" nicht mehr mit sechs Töpfen, sondern nur noch vier zu bestücken. Und ein Reihen-Vierzylinder klingt nun mal nicht so satt und kernig wie ein V6.

Herbe Statuseinbuße

VWs Downsizing-Strategie hat damit auch den sportlichsten Golf erreicht. Motto: weniger ist mehr. Statt 3,2 Liter gibt es nur noch 2,0 Liter Hubraum, ein heftiger Sprung nach unten. Doch Leistungseinbußen sind nicht zu befürchten. Im Gegenteil. 270 PS machen den Golf R zum stärksten Serien-Golf aller Zeiten. Auch beim Drehmoment, der "gefühlten" Leistung, hat der Vierzylinder-Turbo in keiner Weise das Nachsehen. "Er liefert mit 350 sogar 20 Newtonmeter mehr als der V6 im Vorgänger und hält dieses Niveau über einen sehr viel weiteren Drehzahlbereich", sagt R-Entwicklungschef Guido Sever. Also: 2:0 für den 2.0.

Theoretisch ein sparsamer Geselle

Den dritten Punkt holt sich der potente TSI-Direkteinspritzer beim Verbrauch, dem, in Sinne von CO2-Reduzierung, eigentlichen Grund für die Vierzylinder-Entscheidung. Zog sich der R32 nach EU-Norm noch 10,7 Liter rein, sind es beim R lediglich 8,5 Liter pro 100 Kilometer. In Relation zu den Fahrleistungen ein guter Wert. Nur: Im Golf R wird man nicht in sonntäglicher Kaffeefahrtmanier über die Landstraßen eiern. Bei so einem Gerät juckt es im Gasfuß. Und wer den Golf R ein wenig forscher ran nimmt oder sich häufig auf der linken Spur aufhält, bei dem steht im Display leicht die 13 Liter vor dem Komma. Kleiner Trost: Treter des Sechszylinder-R32 näherten sich bei sportlicher Fahrweise auch schon mal der 20-Liter-Marke.

Gegenüber dem gleich motorisierten Scirocco R (265 PS) ist der Golf R nicht so zielgerichtet auf Sportlichkeit getrimmt. Er spielt eher das Allroundtalent, vermittelt mehr Souveränität und besitzt als Fünftürer deutlich mehr Nutzwert. Damit das falsch nicht verstanden wird. Der Golf R ist auf keinen Fall lahmer. Er umrundet nach Aussage von Rennlegende Hans-Joachim Stuck, der wesentlichen Einfluss auf die Abstimmung des Fahrwerks hatte, die Nordschleife des Nürburgringes sieben Sekunden schneller als der Scirocco, heißt in 8:23 Minuten. Und dies sogar in der "Normal"-Stellung der adaptiven Dämpferregelung. "Ein hartes Fahrwerk würde nur auf dem Grand-Prix-Kurs Vorteile bieten, nicht aber auf der alten Nordschleife", sagt Stuck.

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Allradantrieb der neuesten Generation

An der guten Rundenzeit dürfte vor allem der neue Allradantrieb (der Scirocco hat nur Frontantrieb) beteiligt gewesen sein, den VW dem Golf R in gewohnter Manier spendierte. Wo zuvor unterschiedliche Raddrehzahlen die Haldex-Kupplung aktivierte und so die Kraft zu den Achsen verteilte, regelt VW dies jetzt über eine elektronische Hochdruckpumpe – im Millisekundenbereich. Biegungen durchzieht der Golf R wie auf Schienen und scheint sich beim Herausbeschleunigen förmlich in den Asphalt zu krallen. Den meisten Spaß bereitet die Kurvenhatz mit dem aufpreispflichtigen Doppelkupplungsgetriebe (1875 Euro). Über die Wippen am Lenkrad wechseln die Gänge im Wimpernschlag. Wer es braucht, schafft die 0-100-km/h-Disziplin in 5,5 Sekunden. Das hat Porsche-Niveau. Mit dem Stuttgarter Sportwagen kann der Golf R sogar bis 250 km/h gut mithalten. Darüber zieht der Zuffenhausener davon, weil Porsche sich nie der freiwilligen Selbstbeschränkung verpflichtet hat und bei 250 km/h nicht die Elektronik eingreifen lässt.

Optisch hält sich der Golf R gerade so weit zurück, dass man Mama zu einer Ausfahrt abholen könnte und sie nicht merken würde, welche automobilen Triebe in ihrem Sohn schlummern. Kenner der Golf-Szene sehen natürlich sofort die großen Lufteinlässe, die speziellen "Talladega"-Leichtmetallfelgen, die schwarz lackierten Bremssättel mit R-Logo und den Doppelauspuff am Heck. Zudem liegt das Topmodell der Baureihe 25 Millimeter tiefer.

Der "R" passt wie ein Maßanzug

Innen glänzt der Golf R mit Klavierlack, poliertem Metall und durchdachten Details. Das griffige Lederlenkrad mit dicken Ziernähten, gut ausgeformte Sportsitze und Pedale in Edelstahl sollen einen Hauch Rennatmosphäre durchs Cockpit wehen lassen. Bezahlen lässt sich VW all dies mit mindestens 36 400 Euro. Dann steht ein durchaus üppig ausgestatteter, dreitüriger Golf R mit manuellem Sechsganggetriebe vor der Tür. Dass es dabei in den wenigsten Fällen bleibt, wissen die Marketing-Strategen von Volkswagen nur zu gut. Die R-Käufer sind keine Führerschein-Frischlinge (obwohl die garantiert heiß auf die Kiste sind), sondern eher reiferen Alters. Mit DSG-Getriebe, zwei weiteren Türen (ist für den Alltag einfach praktischer), Navigation und der adaptiven Fahrwerksregelung endet der Golf R bei knapp über 40 000 Euro. Das klingt nach viel, doch in Anbetracht von Leistung und Ausstattung ist das ein fairer Preis. Für einen gleich starken und ähnlich gut ausgestatteten Porsche Cayman müsste man noch einmal die Hälfte drauf legen.

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