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Feinstaub: Freie Fahrt mit altem Kat

Mehr als vier Millionen Autobesitzer können aufatmen: Fahrzeuge mit geregeltem Katalysator nach US-Norm bekommen jetzt doch die grüne Plakette und dürfen bei Feinstaubalarm fahren. Und beim Diesel sorgen Nachrüst-Filter für eine bessere Einstufung.

Von Christoph M. Schwarzer

Das Kopfschütteln bei geschätzten vier bis sechs Millionen deutschen Fahrzeughaltern hat ein Ende. Besitzer von Benzinern mit geregeltem Katalysator, die vor Einführung der Euro 1-Norm zugelassen wurden, kriegen jetzt doch die grüne Plakette. Sie dürfen auch bei hohen Feinstaubkonzentrationen in die kommenden Umweltzonen vieler Städte fahren. "Das betrifft vor allem Autos der späten 80er und frühen 90er Jahre, die die US-Norm erfüllen", erklärt Tobias Dünow, Sprecher am Bundesumweltministerium (BMU).

Benziner produzieren keinen Feinstaub

Warum Autos mit Benzinmotoren überhaupt unter die Feinstaubverordnung fallen sollten, war bisher unklar. Schließlich emittieren sie kein Gramm davon. Und dieser Tatsache wird die neue Verordnung jetzt endlich gerecht. "Diese Änderung hat der ADAC massiv gefordert", sagt Christian Schäfer, Leiter Technik und Verkehr beim ADAC Hansa. Der Bundesrat muss die Überarbeitung noch absegnen. Darin sieht der Sprecher des BMU aber kein Problem, da der Beschluss der Bundesregierung bereits im Vorfeld abgestimmt sei.

Auch Diesel können bessere Plakette erhalten

Neben den Benziner-Fahrzeugen mit geregeltem Katalysator der ersten Generation (Anlage XXIII der StVZO) können auch Diesel-Fahrer eine bessere Plakette erhalten. Durch ein "Partikelminderungssystem", im Volksmund Rußfilter genannt, springen Autos ab Euro 1-Norm je eine Stufe höher. Im Klartext: Wer einen Euro 1-Diesel fährt und bisher keine Feinstaubplakette erhielt, kann mit Filter eine rote Plakette erhalten. Auch Besitzer von Euro 2 und Euro 3-Dieseln steigen je eine Stufe auf. Rund 80 Prozent der Partikelemissionen gehen allerdings nicht auf Privat-Pkw, sondern auf Nutzfahrzeuge zurück, die ebenfalls von Fahrverboten betroffen wären und unter diese Nachrüstmöglichkeit profitieren.

Ausnahmen sind möglich

Wie die betroffenen Städte ihre Umweltzonen einrichten und welche Fahrzeuge wann fahren dürfen, regeln die Kommunen selbst. Sie können auch Ausnahmen für bestimmte Gruppen schaffen, zum Beispiel für Handwerker, Anlieger oder Oldtimerfahrer. Das Land Berlin etwa erwägt, Klassik-Fahrer ungeschoren davonkommen zu lassen. Die Anschaffung der Plakette ist keine Pflicht. Wer nie in die Umweltzone einer Großstadt fährt, braucht selbstverständlich keine Kennzeichnung. Wenn aber feinstaubbelastete Ballungszentren wie Stuttgart ab 2008 Fahrverbote für Autos ohne Plakette einführen, gelten die Bestimmungen nicht nur für Anwohner, sondern auch für die einmalige Durchfahrt. Erhältlich sind die Feinstaubplaketten für fünf bis zehn Euro beim TÜV, der Dekra, den Zulassungsstellen und auch in vielen Kfz-Werkstätten.

"Placebo-Verordnung"

Kritik an der Neuregelung übt Paul Wurm, der seit den 80er Jahren geregelte Katalysatoren für Mercedes-Benz entwickelt und nachrüstet. Seiner Ansicht nach wird durch diese Aufweichung der Kennzeichnungsverordnung zu wenig Druck auf Fahrer von Autos mit alter Abgasreinigung ausgeübt. "An den Messstellen werden nicht die gewünschten Veränderungen eintreten", prophezeit Wurm und spricht von einer "Placebo-Verordnung". Schließlich produziere ein Auto nicht nur Feinstaub, sondern auch Stickoxide, Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffe. Und die filtert eine moderne Abgasreinigung eben wesentlich besser heraus. An den Fahrern, die von der neuen Kennzeichnungsverordnung profitieren, dürfte diese Skepsis abperlen. Sie freuen sich über freie Fahrt bei Feinstaubalarm und geben Gas, so lange es der Spritpreis noch zulässt.

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