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Fiat Cinquecento: Von "Mäuschen", "Schächtelchen" und "Gärtnerinnen"

Vor fünfzig Jahren motorisierte Fiat mit dem Cinquecento die Massen. Lange bevor der erste Marketingexperte von urbaner Mobilität schwadronierte, beherrschte der kugelige Knirps das Straßenbild der italienischen Städte.

Von Frank Wald

Genau genommen ist das Jubiläum gar nicht so rund. Denn einen Fiat 500 gab es lange vor 1957. Schon seit 1936 nämlich riss das damals "kleinste Auto der Welt", oder zumindest der kleinste Fiat, mit Stupsnasen-Kühlergrill und frei stehenden Scheinwerfern das italienische Volk zu dem Kosenamen "Topolino" (Mäuschen) hin. Der neue 500, den die Italiener am 4.Juli in Turin mit Pomp und Trara wieder zu Leben erwecken, hieß deshalb auch schon vor 50 Jahren Nuova 500.

Doch wir sind mal nicht so. Gab in den letzen Jahren eh wenig genug zu feiern für den gebeutelten italienischen Konzern. Und noch weniger Automodelle, die im kollektiven Gedächnis haften geblieben wären. Mit Ausnahme eben jenes kleinen knubbeligen Italieners, der heute einen ähnlichen Kultstatus genießt wie Käfer, Ente oder Mini.

Italienische Antwort auf den Käfer

Denn wie die anderen Ikonen der automobilen Ahnengalerie setzte er vor 50 Jahren ein Volk in Bewegung - besser gesagt, die kleinen Leute. Schon mit dem Vorgänger Topolino, von dem rund 500.000 aus einer extra errichteten Fabrik im Turiner Stadtteil Lingotto rollten, hatte Fiat-Boss Giovanni Agnelli gezeigt, wie die Massen zu mobilisieren waren. Mit dem Nuova 500 schickte er ab 1957 seine Landsleute in Scharen auf die Straße. Zum Preis von umgerechnet 3000 Mark (gut erhaltene Exemplare kosten heute mehr als das Doppelte) war der kugelige Knirps mit Heckmotor und Heckantrieb die italienische Antwort auf den Käfer.

Ein Auto für Jedermann - der bis dato meist noch mit dem Motorroller unterwegs war. Nur 2,97 Meter lang, 1,32 Meter breit und mit dem altstadt-tauglichen Wendekreis von 8,60 Meter beherrschte der Knuddel-Typ mit der Teddybären-Schnauze und den Knopfaugen schon bald das Straßenbild in Turin, Mailand, Rom oder Neapel - lange bevor der erste Marketingexperte von urbaner Mobilität schwadronierte. Bis zum Produktionsende im Jahre 1977 waren 3.702.078 Exemplare inklusive Kombi und Sondermodelle gebaut. Nicht wenige davon schafften es als erster italienischer Exportschlager auch über die Alpen. Wenn auch nicht viel schneller als Hannibal mit seinen Elefanten.

Töfftöff mit Teppich und 13 PS

Der 479 Kubikzentimeter kleine Zweizylinder, der da asthmatisch im Heck des Zweisitzers keuchte, leistete gerade mal 13 PS. Damit kam das 470 Kilogramm leichte Töfftöff zwar nicht mal bergab auf Tempo 100, doch das störte ebenso wenig wie die zweifelhaften Fahreigenschaften, das unsynchronisierte Viergang-Getriebe oder die spartanische Ausstattung. Statt einer Rücksitzbank gab es anfangs nur eine mit Teppich ausgekleidete Stufe. Eine Tankuhr suchte man genauso vergeblich wie Kurbeln an den Seitenfenstern.

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Erst in den folgenden Jahren kamen mehr Leistung und "Luxus", etwa Motoren bis zu 21,5 PS sowie Beleuchtung und Richtungsanzeige am Lenkrad, Radnabenabdeckungen, versenkbare Scheiben oder ein kleines Polstersofa. Beliebt war auch das Faltdach, das so oft geordert, dass ein 500er ohne Faltdach ein eher seltener Anblick war. 1960 gesellte sich außerdem eine Kombiversion mit dem pittoresken Beinamen "Giardiniera" (Gärtnerin) hinzu, die eine klappbare Rückbank und deutlich mehr Platz bot.

Wahrscheinlich nicht immer nur fürs Gepäck. Denn ganze Generationen von Italienern nahmen die Bezeichnung Knutschkugel offenbar wörtlich, wie der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi einmal versicherte: "Viele Italiener haben im Fiat 500 zum ersten Mal ein Mädchen geküsst". Denn was den Deutschen der Käfer, war den Azzuri ihr "scatoletta" (Schächtelchen), in dem sie ihre ersten Liebesabenteuer erlebten. Was manch einen sicher noch bis heute verblüfft, wie jung und gelenkig er mal war.

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